Di., 02.05.2017

Tag 18 im »Horror-Haus«-Prozess: Zeugin belastet Wilfried W. mit Aussage am Landgericht Paderborn Ex-Freundin: »Tief in meiner Seele vergraben«

Zeugenstand beim Landgericht Paderborn.

Zeugenstand beim Landgericht Paderborn. Foto: Ann-Christin Lüke

Paderborn/Höxter (WB/acl). Der Prozess um das sogenannte »Horror-Haus« von Höxter-Bosseborn geht weiter. Eine weitere Ex-Freundin des Angeklagten ist geladen. Sie ist die Erste, die Wilfried W. mit Gewaltvorwürfen belastet. Die Mutter von Wilfried W. wird indes nicht erscheinen. Sie macht von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch.

Zeuge W. und Wilfrieds Mutter

Sie wird sich also nicht selbst zu den Folter-Vorwürfen gegen ihren Sohn und seine Ex-Frau und Mitangeklagte Angelika W. äußern. Dafür ist Zeuge W., Kriminalhauptkommissar im Ruhestand, geladen. Der Beamte hat zweimal mit Wilfried Ws Mutter gesprochen. Diese habe laut Gericht zugesimmt, dass ihre Aussagen aus dem Gedächtnisprotokoll des Zeugen von Mai und Juni in der Verhandlung aufgegriffen werden dürfen.

»Wir sind freundlich herein gebeten worden«, erinnert sich der Zeuge, als er mit einer Kollegin die Mutter im Mai 2016 besuchte, um ihre Aussage aufzunehmen. Er schildert, dass die Mutter gar nicht habe glauben können, was ihrem Sohn da vorgeworfen werde. Bereits damals habe sie aber die Aussage verweigert.

»Aus ihrer Sicht (Anm. d. Red. die der Mutter) war Angelika die treibende Kraft. Angelika war der Teufel«, schildert der Zeuge. Die Mutter habe dem Kommissar geschildert, dass Angelika W. sie bedroht habe und Geld gefordert habe. Sie habe sich ihr gegenüber »frech und kriegerisch» verhalten und habe sie einige Male geschlagen. »Sie hat kein gutes Haar an ihr gelassen.« Sie sei arbeitsscheu und unsauber.

Von der Ehe mit dem mutßmalichen ersten Opfer Annika W. habe die Mutter nichts gewusst, geht aus dem Protokoll hervor.

Ihren Sohn habe sie »in den höchsten Tönen« gelobt. Sie habe W. als freundlichen, liebenswürdigen Menschen beschrieben. Sie habe einfach nicht begreifen können, warum ihr Sohn bei ihrer damaligen Schwiegertochter geblieben sei. »Sie nahm an, er müsse ihr verfallen gewesen sein.«

Zu körperlichen Übergriffen innerhalb der Familie könne der Zeuge nichts sagen. Zur Erinnerung: Wilfried W. hatte in seiner Aussage Misshandlungen durch seinen Vater und später seinen Stiefvater geschildert. Zur Tochter habe sich die Mutter nicht eingelassen. Zur Aussage der Mutter, diese Tochter sei tot, könne der Zeuge nichts sagen. Andere Kollegen hätten dies bearbeitet.

Im Gedächtnisprotokoll ist vermerkt, dass es sexuelle Übergriffe auf die Tochter gegeben haben durch einen späteren Partner der Mutter. Zwischen Mutter und Tochter herrschte danach Funkstille. Ob es eine Beziehung zwischen dem Mann und der Tochter gewesen sei, dazu kann der Zeuge nichts sagen. »Das Leben schreibt manchmal merkwürdige Geschichten«, sagt der Zeuge.

Zeugin K. und Angelikas Tipps

2008 habe sie Wilfried W. kennengelernt via Kontaktanzeige, sagt Zeugin K., die mittlerweile in Bremerhaven lebt, während der Beziehung zum Angeklagten aber zunächst in Berlebeck (Detmold) und Schlangen gelebt hat. Zuerst habe man häufig miteinander telefoniert. Das erste Treffen sei in Bad Lippspringe gewesen. Ihre Eltern seien nicht so begeistert gewesen, ob des großen Altersunterschiedes zwischen den Beiden (Anm. die Zeugin war zu diesem Zeitpunkt Anfang 20, Wilfried W. Mitte 40).

Dass sie das Treffen auf Anraten ihrer Mutter wieder verließ, habe Wilfried nicht gefallen. Noch während die Zeugin nach Hause gefahren sei, habe es bereits das erste Telefonat mit Angelika W. gegeben, die sich als Wilfrieds Schwester ausgab, und ihr vorwarf, ihren »Bruder« einfach stehen gelassen zu haben.

Sie habe ihr, der Zeugin, direkt Tipps geben wollen. So habe die Zeugin Wilfried W. gut zuhören sollen.

»Eine normale Beziehung, na ja, man hat sich halt getroffen, das war schon normal... Was aber immer komisch war, dass er meine Eltern partout nicht kennenlernen wollte«, beschreibt die Zeugin die Beziehung. Im Herbst 2008 seien ihre Eltern weggezogen. Wilfried W. habe das »ziemlich gut gefallen«, sagt die Zeugin.

Einen Ring habe er ihr im Laufe der Beziehung gekauft. Man sei quasi verlobt gewesen.

Zeugin K. und die Gewalt

Als sie ihren Job verlor, habe sich die Beziehung intensiviert. Ihre Großeltern hätten sie in dieser Zeit finanziell unterstützt. »Und was ist mit dem Geld passiert?«, möchte der Richter wissen. »Das durfte ich direkt weiterreichen«, so K. Wilfried W. habe darauf gedrängt, dass das Geld fließe.

Auch Gewalt sei nach zwei, drei Monaten ins Spiel gekommen. Aus ihrer Sicht seien es immer Nichtigkeiten gewesen. So habe es Wilfried nicht gefallen, wenn sie nach dem Türöffnen wieder in die Küche gegangen sei, weil dort Essen auf dem Herd gestanden habe, anstatt ihm etwa bei dem Einräum von Einkaufstüten zu helfen. Er habe sie geschlagen. »Überall am ganzen Körper, wo er mich treffen konnte.« Einmal sei sie direkt mit einer Ohrfeige an der Tür begrüßt worden. »Du weißt schon wofür«, habe er ihr gesagt.

Ihr Eindruck sei, dass der Angeklagte sie gezielt geschlagen habe. »Ich hatte ja noch meine eigene Wohnung.« Sie habe Todesangst gehabt, weil er ihr körperlich überlegen war. Mehrmals sei sie auch in ihrer eigenen Wohnung eingesperrt worden. Das Telefon sei aber bei ihr gewesen. »Ich hätte Hilfe holen können«, so die Zeugin. Im Nachhinein könne sie sich das alles nicht erklären.

Warum sei sie nicht gegangen, möchte der Richter wissen. »Im Nachhinein habe ich mich das auch gefragt. Ich war noch sehr jung. Er war mein erster Freund«, so K. In ihrem Umfeld hätten viele an ihrer Beziehung gezweifelt. »Vielleicht war auch Trotz dabei.« Zudem habe Wilfried den Kontakt zu anderen systematisch untergraben. Im Nachhinein habe sie erfahren, dass er etwa SMS in ihrem Namen an ihre Eltern geschrieben habe.

Angelika W. habe sie als Störfaktor in der Beziehung empfunden. Angelika W. sei der Kopf gewesen. Sie sei wortgewandter gewesen.

Zu einem Zwischenfall mit Wilfrieds »Schwester« sagt K.: Einmal habe Angelika W. ihr die Haare abgeschnitten. Lange Haare seien für sie ein Zeichen von Weiblichkeit gewesen. An Details kann sich die Zeugin aber nur vage erinnern. »Seitdem ich da weg bin habe ich das ganz tief in meiner Seele vergraben«, sagt K.

Jetzt wo sie wisse, dass Angelika W. nicht Wilfried Ws Schwester sei, könnte man deren Verhalten als Eifersucht deuten, so die Zeugin.

Zeugin K. und die Trennung

Als sie einmal umgekippt sei, habe Wilfried W. diagnostiziert, dass sie angeblich Epilepsie haben müsse. Er habe ihr Tabletten von einem Onkel besorgt, der Arzt gewesen sei. Eine Krankenakte habe sie aber nie gesehen. Bei der Polizei hatte sie angegeben, die Angeklagten hätten daraufhin ihren Führerschein ans Straßenverkehrsamt zurückgeschickt. Die Erinnerungen an Details fehlen ihr.

Die Tabletten hätten sie müde gemacht. »Es ist mir einfach alles egal geworden.« Wer ihr diese Pillen jeden Morgen hingelegt hatte, daran kann sich die Zeugin nicht mehr erinnern. Im Nachhinein habe sie sich von einem Arzt noch einmal darauf untersuchen lassen, so die Zeugin. »Ich habe nix.«

Wichtige Dokumente (Zeugnisse etc.) habe Wilfried an sich genommen. »Er sagte, dass man meinen Nachbarn ja nicht trauen könnte.«

Die Beziehung sei Mitte Mai 2009 in die Brüche. Nach einem Telefonat habe Wilfried W. zu ihr gesagt: »Ich komme jetzt zu dir und schlage dich tot.« Sie sei zu ihren Nachbarn geflüchtet und habe ihre Familie um Hilfe gebeten.

Während sie und ihre Familie ihre Wohnung in Schlangen geräumt hatten, sei Angelika W. gekommen und habe sie angeschrien. Als sie wegzog, habe sie regelmäßige Anrufe von Angelika W. bekommen. W. habe sie und ihre Familie beleidigt. »Sehr stark unter der Gürtellinie.« Wilfried W. selbst habe sich nicht mehr gemeldet.

Gegen Angelika W. sei eine einstweilige Verfügung erlassen worden. Zuvor im September 2009 habe sie Anzeige gegen Wilfried W. erstattet. »Ich musste erstmal mit meinem Leben klar kommen«, begründet sie den langen Zeitraum zwischen Trennung und Anzeige. Doch gegen Wilfried habe sie nichts in der Hand gehabt. »Ich hatte ja keine Beweise.«

Zeugin K. und die Todesangst

Alexander Strato, Anwalt von Angelika W., möchte wissen, ob es neben der körperlichen Gewalt auch andere Situationen gegeben hat, in denen sie Angst vor Wilfried W. gehabt habe. Die Zeugin erinnert sich daran, dass Wilfried W. ihr erzählt habe, er kenne Leute etwa aus der Rocker-Szene. Das habe sie beunruhigt.

An Vorfälle, in denen der Angeklagte sie gewürgt habe, könne sie sich nur bruchstückhaft erinnern.

Irgendwann habe sie auch den Gedanken gehabt, sie müsse daran Schuld sein, dass Wilfried W. sie schlägt, sie habe etwas falsch gemacht. »Diese Gedanken kamen zwangsläufig«, sagt die Zeugin rückblickend. Angelika W. habe sie in dieser Annahme bestätigt. Sie habe ihr vorgehalten, nicht gut zu kochen, nicht ordentlich zu putzen. Soweit sie sich erinnern könne, sei die Angeklagte nicht dabei gewesen, wenn Wilfried W. sie misshandelt habe.

Sie habe mit niemandem über ihre Erlebnisse gesprochen, bis die Polizei sie vor einem Jahr aufsuchte. »Es war unglaublich peinlich, unglaublich erniedrigend für mich«, sagt sie mit tränenerstickter Stimme. »Als ich die Vorladung erhalten habe, ist für mich eine Welt zusammengebrochen.« Sie habe keinen einzigen Bericht über diesen Fall gelesen.

Zeugin K. und der Wunschzettel

Dem Gericht liegen eine Reihe von Schreiben vor, die die Zeugin verfasst haben soll. Dies habe sie auf Anweisung getan, von welchem der Angeklagten, kann sie aber nicht mehr rekapitulieren. Was sie schreiben solle, habe man ihr demnach vorgegeben. »Ich weiß es wirklich nicht mehr, auch wenn sie mich fünfmal fragen«, sagt die Zeugin. Die Befragung setzt ihr merkbar zu.

In einem Brief vom 15. April 2009 steht etwa: »Hallo mein Schatz, du bist meine große Liebe, ich werde immer zu dir stehen.« Die Zeugin kann sich nicht konkret daran erinnern. Das Schriftbild würde aber wohl passen. Zudem gibt es Schriftstücke, in denen sie Wilfried W. Vollmachten erteilt, etwa in ihrem Namen eine Wohnung anzumieten.

Einen Wunschzettel soll die Zeugin ebenfalls geschrieben haben. Darin aufgehführt sind sexuelle Vorlieben, aber auch Regeln: So hat die Zeugin unter anderem geschrieben: »Mein Schatz sagt mir auch was er sich wünscht.« Und: »Mein Schatz setzt sich durch, er ist der Erfahrene. Mein Schatz sagt mir sofort wenn ich einen Fehler gemacht habe und ergreift Konsequenzen.«

Eine Formulierung, wonach all dies ohne Zwang geschehen sei, sei auf Initiative von Angelika W. eingefügt worden.

In einem Schriftstück vom Sommer 2009 ist ein weiterer Benimmkatalog aufgeführt, den die Zeugin geschrieben haben soll: »Lauter sprechen, nicht flüstern. Schneller Arbeiten, besser werden und nicht nur zwei Tage an Abmachungen halten.« Unterschrieben ist das Schriftstück mit: »Ich kann nicht ohne dich. Ich habe Angst, dich zu verlieren. Du bist das einzige für mich.«

In einem weiteren Dokument versichert die Zeugin demnach, nicht mehr weglaufen zu wollen, sonst würde sich ihr »Schatz« nicht mehr um sie kümmern. Darin schreibt K. auch, dass sie auf Hilfe angewiesen sei und man sich um sie kümmern müsse.

Zeugin K. und die Erinnerungslücken

Ebenfalls vorliegend ist eine Schenkungsurkunde für ein Fahrzeug, das auf ihren Vater gemeldet war. Laut Scheiben hat die Zeugin dieses Wilfried W. überlassen. Auch hier fehlen der Zeugin jedoch konkrete Erinnerungen.

Die psychologische Gutachterin Dr. Nahlah Saimeh möchte wissen, ob sie gernell mit Erinnerungslücken in ihrem Leben zu kämpfen habe, oder ob sich dies nur auf den konkreten Fall bezieht. »Unerfreuliches kann ich schnell verdrängen«, gibt die Zeugin zu.

Dass er im Gefängnis saß, habe Wilfried W. ihr zu einem späteren Zeitpunkt in der Beziehung erzählt. »Er sagte, es sei wegen Schwarzfahrens gewesen.« Bekannt ist aber mittlerweile, dass W. wegen Misshandlungen vorbestraft ist.

Zeugin K. und die Zeit nach der Trennung

Dem Gericht liegen Auszüge von Chatverläufen vor, die nach der Trennung (im Juli) im September geführt wurden. In denen hat die Zeugin nochmal Kontakt zu Wilfried W. aufgenommen hat. Darin beteuert die Zeugin erneut ihre Liebe zum Angeklagten.

»Das passt nicht richtig zusammen«, sagt Richter Bernd Emminghaus. »Es kann sein, dass ich gehofft habe, dass er sich doch noch ändert. Dass er von Angelika loskommt«, rekonstruiert die Zeugin. Er habe immer gesagt, Angelika würde ihn quälen und beeinflussen. »Ich hatte Vorstellungen von Männern, die vielleicht nicht ganz richtig waren«, setzt die Zeugin hinzu. Sie sei jung gewesen.

Der Prozess wird am 9. Mai (9 Uhr) am Landgericht Paderborn fortgesetzt.

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