Di., 09.05.2017

19. Prozesstag im »Horror-Haus«-Prozess Zeuge: »Das hat nichts mit Menschlichkeit zu tun«

Wilfried W. steht weiter im Mittelpunkt.

Wilfried W. steht weiter im Mittelpunkt. Foto: Foto: Besim Mazhiqi

Paderborn/Höxter (WB/acl). Nachdem Wilfried W. in der Vorwoche v on einer Ex-Freundin stark belastet wurde, sind heute weitere Zeugen am Landgericht Paderborn geladen, um gegen ihn und seine Ex-Frau Angelika auszusagen. Darunter ein ehemaliger Mithäftling und eine Notärztin.

Mittlerweile ist es der 19. Prozesstag im sogenannten »Horror-Haus«-Prozess um die Foltervorwürfe, die sich in Höxter-Bosseborn zugetragen haben sollen. Zwei Frauen sollen an den Folgen der Misshandlungen gestorben sein. Annika W. und Susanne F.

Zeuge W. und die Zeit in der JVA

Der erste Zeuge ist ein ehemaliger Mithäftling von Wilfried W., der den Angeklagten in der JVA Bielefeld-Senne kennengelernt hat. Beim Gefangenentransport habe er den Angeklagten zum ersten Mal gesehen. »Wir haben ein oder zwei Hofgänge gemeinsam gemacht, dann habe ich mich von ihm trennen lassen«, sagt Zeuge W. aus.

Er habe kein Verständnis für den Angeklagten, und das was ihm vorgeworfen wird, gehabt. »Er hat mich in Rage gebracht, wie man so etwas Frauen antun kann«, sagt er aus. Deshalb die räumliche Trennung in der JVA: »Ich bin ehrlich, sonst hätte ich ihm vielleicht etwas angetan.«

Es ist ein Prozesstag an dem sich Wilfried W. wieder viele Notizen macht.

In der JVA sei nach Bekanntwerden des Falls gemunkelt worden, dass Wilfried W. nach Senne kommen würde. »Wir haben darauf schon Wetten abgeschlossen.« Deshalb habe er ihn direkt beim ersten Treffen gefragt: »Bist du der Höxter-Mörder?« Wilfried habe dies bejaht, aber die Schuld auf seine Ex-Frau und Mitangeklagte Angelika W. geschoben. Das habe er ihm aber nicht geglaubt, so der Zeuge. Wilfried W. habe die Aufmerksamkeit genossen. Sein Eindruck sei gewesen, dass Angelika W. ihrem Ex-Mann hörig gewesen sei.

Wilfried W. sei davon überzeugt gewesen, in einer Woche wieder aus der Haft entlassen zu werden, so W. weiter. Der Zeuge war sich aber sicher: »Du wirst hier noch lange bleiben.« Dies sei Wilfried W. im Laufe der Gespräche klar geworden.

Über Susanne Fs Tod auf dem Weg ins Krankenhaus habe Wilfried ihm gesagt, dass »das so nicht nochmal passieren« sollte.

Er habe ihn mehrfach mit den Vorwürfen konfrontiert, gerade nachdem bekannt wurde, dass es ein weiteres vermeintliches Opfer (Annika W.) gebe. Wilfried habe sich aber immer wieder als Opfer hingestellt. Er habe gesagt, dass es dafür keine Beweise gebe. (Anm.: Annika W. soll im Haus in Bosseborn gestorben, zerstückelt und verbrannt worden sein.)

»Jemanden anzubinden wie ein Stück Vieh, jemanden zu zerhacken... das hat nichts mit Menschlichkeit zu tun«, platzt es aus dem Zeugen heraus.

Zeugin T. und der Strohkauf

Auf die Frage, ob die Zeugin T. die Ageklagten wiedererkennt, antwortet die Landwirtin aus Beverungen promt: »Natürlich.« 2012 habe das Paar erstmals Stroh bei ihr gekauft. In der Folgezeit hätten die Ws. immer wieder etwas abgeholt, jedes Mal erst am Abend.

Der Wortführer bei den Käufen sei immer Angelika W. gewesen. Der Zeugin waren damals Verletzungen aufgefallen. So habe Angelika W. eine Wunde am Arm gehabt und »blaue Augen«. »Mir hat sie leid getan«, so die Zeugin.

Wilfried W. habe beim Verladen nicht geholfen, er habe nur das Auto gefahren. Einmal sei auch eine weitere Frau dabei gewesen. Diese habe hinten im Laderaum sitzen müssen. Dort, wo auch die Hunde ihren Platz gehabt hätten. Sie sei dürr und mager gewesen. Aber sie habe sich nichts dabei gedacht, so die Zeugin. Verletzungen seien ihr nicht aufgefallen. »Da habe ich nicht hingeguckt. Ich habe mich meistens mit ihr (Anm.: Angelika W.) beschäftigt.«

Zeuge M. und der Rettungseinsatz

Nun geht es um den Tod des zweiten mutmaßlichen Opfers Susanne F. Die Angeklagten hatten F. im April 2016 in ein niedersächsisches Krankenhaus bringen wollen. Unterwegs hatte man aber schon den Notarzt rufen müssen, weil sich der Gesundheitszustand von F. rapide verschlechtert hatte.

Zeuge M. war beruflich in den Fall involviert. Als Rettungsassistent war er Fahrer des Notarztwagens. »Vorgefunden haben wir eine Frau, ziemlich leicht bekleidet, nicht ansprechbar«, schildert er die Situation. Im Auto roch es stark nach Urin, die Frau habe vermutlich auf Mülltüten gesessen, weil sie sich eingenässt habe, vermutet der Zeuge.

Im Gespräch mit den Angeklagten, sei gesagt worden, dass F. aus der Psychatrie stamme und Epileptikerin sei. Die Angeklagten stellten sich selbst als Bekannte von F. vor. Laut Alarmmeldung waren die Rettungskräfte wegen eines epileptischen Anfalls gerufen worden.

Angelika W. habe ihm die Personalien genannt, allerdings nur zögerlich, so der Zeuge. In der Vernehmung hatte der Zeuge zuvor angegeben, dass die Ws. zunächst einen falschen Namen angegeben hätten.

Zudem habe keiner der beiden Angeklagten zunächst seine Telefonnummer herausgeben wollen, darüber habe sich das Paar zunächst gestritten. Er habe dann Agelika Ws. Nummer erhalten.

Die Gesamtsituation sei ungewöhnlich gewesen. »Es war alles ungewöhnlich, dass eine Frau in einem Trägerhemdchen in dem Auto, das Auto lief nicht und war kalt«, fasst der Zeuge zusammen. Gewundert habe ihn, dass niemand die unterkühlte Frau gewärmt habe. »In der Zeit hätte man eine Winterjacke nehmen können«, so M.

Zum Zustand von Susanne F. sagt M: »So was kenne ich sonst von Magersüchtigen«, so dünn sei die Frau gewesen. Zudem seien ihm Wunden an den Armen aufgefallen.

Zeugin E. und die Körpertemperatur

»Ich kann keine Aussage machen, ohne meinen medizinischen Sachverstand einzubringen«, so die Zeugin, die deshalb auch als gutachterliche Zeugin aussagen möchte. E. hat Susanne F. als Notärztin im April 2016 behandelt.

Es sei ein recht kühlter Tag und schon dunkel gewesen, so die Zeugin. »Ich habe wahrgenommen, dass es sich nicht um einen Krampfanfall handelt«, sagt die Ärztin im Hinblick auf die Alarmierung wegen eines epileptischen Anfalls. Die Patientin sei schwerst benommen gewesen. Sie sei »wehrig« aber nicht mehr ansprechbar gewesen. Susanne F hatte sich zuvor erbrochen und saß auf gelben Plastiksäcken auf der Rückbank. E. habe sofort angeordnet, dass F. aus dem Auto geborgen würde. Die Körpertemperatur habe unter 30 Grad gelegen. »Das ist sehr kritisch«, so die Zeugin.

Sie habe Angelika W. direkt angsprochen, um eine Kontaktperson zu ermitteln. W. habe relativ zügig geantwortet, dass sie Susanne F. aus der Zeitung kennen würde. »Von ihm habe ich nicht einen Ton gehört. Ich hatte auch das Gefühl, dass er sich bedacht im Hintergrund aufhält«, sagt sie über den Angeklagten.

Zeugin E. und die Verletzungen

Einen Streit darüber, welche Telefonnummer als Kontakt hinterlegt werden sollte, habe sie nicht mitbekommen. Die Ws. hätten recht unbeteiligt gewirkt ob des Zustandes von Susanne F., die sie in ihre eigene Wohnung hatten bringen wollen. Das habe sie irritiert. »Diese Patientin war völlig hilflos. Man bringt so eine Person nicht in eine Wohnung zurück«, sagt E. weiter. Dies hätte unausweichlich zum Tod von Susanne F. geführt.

Gewundert habe sie sich aber über die Wunden auf Susanne Fs. Körper. Laut Angelika W. sei Susanne F. eine Borderline-Patientin. Dies stimmte aber nicht mit ihren Erfahrungen über Borderline überein, so die Zeugin. Schnittverletzungen und Schürfwunden seien ihr aufgefallen. insbesondere an den Oberarmen habe Susanne F. ringförmige Wundmale besessen, die teilweise offen waren. »Da muss man vermutlich sehr sehr abgebrüht sein, wenn man sich solche Brandwunden zufügt«, so die Ärztin.

F. sei sehr verwahrlost gewesen. »Die Patientin war gekleidet wie im Hochsommer bei größter Hitze«, beschreibt E. Die Ws selbst trugen Winterjacken. Susanne F. hatte »kein Gramm Fett« mehr am Körper, um die Körpertemperatur zu steuern. »Das ist nichts, was innerhalb von einer halben Stunden geschieht.« Susanne F. müsse schon vor der Fahrt in Richtung Bad Gandersheim (Anm.: dem Wohnort von Susanne F., wohin die Angeklagten ihr mutmaßliches Opfer zurückbringen wollten) in diesem Zustand gewesen sein. Es sei ein Zustand, »in den man sich über mehrere Wochen« hinweg entwickele.

Wieder Ex-Freundin erwartet

Der Prozess geht am Dienstag, 16. Mai, um 9 Uhr am Landgericht Paderborn weiter. Dann wird wohl eine weitere Ex-Freundin Wilfried Ws. aussagen.

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