Mi., 10.05.2017

Rettungssanitäter schildert Zustand des letzten Opfers vorm Landgericht Paderborn Die Nacht, in der das »Horror-Paar« aufflog

Der Angeklagte Wilfried W. mit seinem Anwalt Dr. Detlev Binder am 19. Verhandlungstag.

Der Angeklagte Wilfried W. mit seinem Anwalt Dr. Detlev Binder am 19. Verhandlungstag. Foto: Besim Mazhiqi

Von Christian Althoff

Paderborn (WB). 29,6 Grad – so ausgekühlt war die völlig abgemagerte Susanne F. (41), als eine Notärztin sie zu Gesicht bekam. Stunden später war das Opfer tot.

Im »Horror-Haus«-Prozess vor dem Landgericht Paderborn ging es am Dienstag um den 21. April vergangenen Jahres – den Donnerstag, an dem Wilfried W. (47) und seine Ex-Frau Angelika (48) aufflogen. Susanne F. lebte da schon länger bei dem Paar in Höxter-Bosseborn und musste die Nächte angekettet in einer Badewanne im Keller verbringen. Sie war so entkräftet, dass sie es morgens nicht mehr schaffte, ohne Hilfe aus der Wanne zu steigen.

An jenem Donnerstag verschlechterte sich ihr Zustand so sehr, dass sich das Paar am Abend entschloss, die kahlgeschorene, sterbende Frau in ihre Wohnung ins 70 Kilometer entfernte Bad Gandersheim zu bringen. Auf der Fahrt blieb der Opel Corsa auf der B 64 liegen. Angelika W. rief einen Krankenwagen und sagte, es gehe um eine Frau mit einem epileptischen Anfall.

»Nur noch Haut und Knochen«

Der Rettungssanitäter (48), der als erster vor Ort war und als Zeuge gehört wurde, ließ sein Kinn auf die Brust fallen und die Arme hängen. »So zusammengesunken saß die Frau hinten im Auto. Sie war in einer tiefen Bewusstlosigkeit, und sie bestand nur noch aus Haut und Knochen.«

Die Außentemperatur lag damals um den Gefrierpunkt, und wegen eines Motorschadens war der Wagen ausgekühlt. »Die Frau hatte nur ein dünnes Trägerhemdchen und eine Jeans an und saß auf einer Plastiktüte. Es roch nach Urin. Sie hatte sich wohl eingenässt. Dann friert man natürlich noch mehr«, sagte der Zeuge.

Neben der Frau habe er Tüten mit Kleidung auf der Rückbank gesehen. »Die hätte man ihr doch anziehen können, aber das Paar hat nichts gemacht. Gar nichts.« Wilfried und Angelika W. hätten neben dem Wagen gestanden. »Die hatten dicke Jacken an.« Sie hätten ihm erst einen falschen Namen genannt und ihm keine Handynummer geben wollen. »Da habe ich das Autokennzeichen auf den Einsatzbericht geschrieben.«

Notärztin zweifelt an Angaben

Die Notärztin bestätigte die Schilderungen des Rettungssanitäters. Die Frau habe »kein Gramm Fett« mehr am Körper gehabt. »Das ist sehr kritisch. So einen Menschen bringt man nicht einfach in seine Wohnung«, sagte die Ärztin. Ihr seien auch Verletzungen aufgefallen. »Schnitte, Schürfwunden und offene Wundmale an den Oberarmen.« Angelika W. habe behauptet, die Frau sei einer Borderline-Patientin, die sich selbst verletzt habe. »Diesen Eindruck hatte ich aber nicht.«

Der Zustand von Susanne F. sei nicht spontan aufgetreten. »So etwas entwickelt sich über Wochen«, sagte die Ärztin. Sie ließ Susanne F. damals in die Albert-Schweitzer-Klinik nach Northeim bringen, wo das Opfer aber noch in der selben Nacht starb.

Am nächsten Tag wurden Angelika und Wilfried W. festgenommen. In ihrem Haus wurde später eine schriftliche Erklärung von Susanne F. gefunden: »Die blauen Flecken kommen davon, dass ich mich gestoßen habe. Meine Puschen waren zu groß, und ich bin gestolpert. Der Ganter hat mich gebissen, und der Kater hat mich am Auge gekratzt. Dass ich gewürgt wurde, war Einbildung. Ich leide an Haarausfall und habe das alles aus freien Stücken geschrieben.«

Kein Mitleid erwartet

Das Gericht hörte außerdem einen Mann, der 2016 in der JVA Detmold gesessen und dort einige Stunden mit Wilfried W. verbracht hatte. Der 30-Jährige sagte, Wilfried W. habe »den Ruhm genossen«.

»Er zeigte keine Reue, sondern sah das alles ganz locker und sagte, man könne ihm nichts, er wäre bald wieder draußen.« Er habe alles auf seine Frau geschoben und gesagt: »Meine Frau hat sie angekettet. Was hätte ich denn tun sollen?«

Der Zeuge sagte, Wilfried W. habe Mitleid von ihm erwartet. »Aber ich habe zu ihm gesagt, er hätte ja zur Polizei gehen können, wenn er das alles nicht gewollt hätte.«

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