Di., 16.05.2017

Tag 20 im Prozess um das »Horror-Haus« von Höxter-Bosseborn Christel P.: »Was ich erlebt habe, wünsche ich keinem«

Christel P. (Mitte) in Begleitung ihrer Sozialarbeiterin und ihres Anwalts Maibaum.

Christel P. (Mitte) in Begleitung ihrer Sozialarbeiterin und ihres Anwalts Maibaum. Foto: Christian Althoff

Von Ludmilla Ostermann

Höxter/Paderborn (WB). Der Prozess um das »Horror-Haus« von Höxter geht in die 20. Runde. Als Zeugin geladen ist Christel P., die derzeit in Dessau lebt. Die 52-Jährige hat mehrere Monate dort mit den beiden Angeklagten verbracht und wurde nach eigener Aussage von Wilfried W. misshandelt. 

Auf Wunsch der Zeugin sitzt ihr Anwalt neben Christel P. Die 52-Jährige beginnt ihre Schilderung: Kennengelernt habe sie Wilfried durch eine Kontaktanzeige. Die sei damals überschrieben gewesen mit »Bauer sucht Frau«.

Die ersten drei Wochen

Nach den ersten Telefonaten und SMS habe Wilfried angeboten, sie aus ihrem damaligen Wohnort Magdeburg abzuholen. Das vermeintliche Geschwisterpaar habe sie mit einem Kastenwagen abgeholt. Weil es vorne nur zwei Sitzplätze gab, habe sie allein auf der Ladefläche auf einer Kiste Platz nehmen müssen.

Richter Bernd Emminghaus liest eine Aussage Angelikas vor, in der die Angeklagte von sexuellen Handlungen zwischen dem Angeklagten und der Zeugin spricht. Christel P. verneint dies jedoch. In der ersten Nacht in Bosseborn hätten die beiden gekuschelt. Nach drei, vier Tagen sei mehr gelaufen. 

Christel P. erzählt vom Alltag im »Horror-Haus«: Tagsüber habe man meistens geschlafen, nachmittags seien die Tiere gefüttert worden. Angelika sei immer dabei gewesen. Habe sie mit Wilfried herumgealbert, habe dies Angelika nicht gepasst. »Sie hat oft gezickt.«

Die ersten drei Wochen im Haus in Bosseborn hätten ihr gut gefallen, sagt die Zeugin. »Ich hätte mir vorstellen können, ewig dort zu bleiben«, sagt sie. Dann stand Weihnachten vor der Tür - und Christel P. musste zurück nach Magdeburg. »Seine Mutter hatte sich angekündigt, und die durfte von uns nicht wissen.« 

Die Stimmung wird schlechter

Die Stimmung habe sich dann urplötzlich verschlechtert. Wilfried W. habe ihr eine Backpfeife gegeben, mit der flachen Hand auf die Wange. »Ich war völlig verdattert.« Das habe sich in der folgenden Zeit oft wiederholt. Angelika habe sie zwar nie geschlagen, ihr jedoch einmal Pfefferspray ins Gesicht gesprüht. Wohl aber habe die Angeklagte sie im Schweinestall angekettet. Eine halbe Stunde habe sie zwischen den Schweinen verbringen müssen. Dann habe sie Angelika wieder losgemacht. 

Als die Zeugin den Wunsch äußerte, gehen zu wollen, habe es geheißen: »Die Türen sind offen. Du kannst gehen.« Doch dann sei ihr alles weggenommen worden: Handy, Portemonnaie und persönliche Sachen. Darunter habe auch der Kontakt mit der Tochter gelitten. Zudem seien die Türen im Haus in Bosseborn stets abgeschlossen gewesen.

Einmal seien die beiden Angeklagten auf die Idee gekommen, Christel P. solle die Nachbarn ärgern. Also habe sie bei den Nachbarn geklingelt und sich beschwert darüber, dass diese immer an den Fenstern stünden und sie und die Angeklagten beobachteten. Dabei habe sie versucht, einen versteckten Hilferuf  zu senden, sagt Christel P. aus. Der sei jedoch ins Leere gelaufen. Geschlafen habe sie auf einer Matratze auf dem Fußboden. Eine Decke habe sie nicht bekommen. Weil nachts die Türen überall verschlossen waren, habe sie, wenn sie zur Toilette musste, das Katzenklo benutzt. Die beiden Angeklagten hätten dann gelacht.

An einem anderen Tag habe Wilfried sie gewürgt. So lange, bis sie die Augen verdreht habe. Angelika habe ihn schließlich gebeten, aufzuhören. Auch habe er ihr mit einer Schaufel vor den Kopf geschlagen. Sie sei völlig benommen gewesen. Wilfried habe lediglich gelacht und gesagt, »das war ich nicht.« Noch immer habe sie Albträume davon.

Nach diesem Vorfall habe sie einen der Zettel unterschreiben sollen, dass die Verletzungen nicht von den beiden Angeklagten stammten. Das habe sie getan. Anschließend hätten die drei nach einer Person gesucht, die den Zettel unterschreibt. Zu diesem Zweck habe man sogar eine Polizeiwache aufgesucht. Als sie diese gefunden hatten, habe sie eine Fahrkarte bekommen und sei in den Zug gestiegen.

Noch immer Albträume

Zurück in Magdeburg habe sie große Angst gehabt, dass die beiden bei ihr vorbeikommen würden. Am Telefon hätte Angelika ihr gedroht, nichts zu erzählen. Sonst würde man sie umbringen, erzählt die Zeugin. Wilfried habe ihr in einem Gespräch gesagt, er habe Angelika herausgeworfen und sie solle zurückkehren. Das habe sie ausgeschlagen.

Damals habe sie die beiden anzeigen wollen. »Doch ich hab einfach Angst gehabt«, sagt Christel P. Also habe sie geschwiegen. Aufmerksam wurde sie auf den Fall durch Medienberichte. Dann habe sie sich gemeldet.

Die Zeugin berichtet davon, wie Wilfried ihr Fotos anderer - offenbar misshandelter - Frauen auf seinem Computer gezeigt habe. Er habe gesagt, dies habe Angelika getan. Auch sei sie Zeugin geworden, wie der Angeklagte auch Angelika W. misshandelte. Er habe ihr etwa auf die verbrühte Schulter gefasst, »damit sie schreit«. 

»Wer war denn der schlimmere?«, fragt Richter Emmighaus. »In meinen Augen waren es beide. Was ich erlebt habe, wünsche ich keinem.« Christel P. ist derzeit in psychologischer Behandlung. Seit der Begegnung mit den Angeklagten, sei sie misstrauisch gegenüber anderen Männern. 

Zum Monster geworden

Nach einer Pause schildert die Zeugin auf Nachfrage von Angelikas Verteidiger Peter Wüller, wie sie Wilfrieds Füße lecken musste. Ebenfalls gesteht sie, in Wilfried verliebt gewesen zu sein. Auf Wunsch des Anwalts beschreibt sie den Angeklagten im Moment des Kennenlernens als lieb, nett und höflich. Später sei er zum Monster geworden.

Auf Nachfragen von Detlev Binder, Wilfrieds Verteidiger, kann die Zeugin nicht antworten. Sie erinnert sich nicht an Details zur Situation beim Nachbarn, als sie den Streit vom Zaun brechen sollte. Der Anwalt will wissen, warum sie nach einem halben Jahr zu einem neuen Mann gezogen sei, obwohl sie zuvor ausgesagt hatte, nach Wilfried W. lange keinem Mann mehr vertraut zu haben. »Aus Angst, weil ich weg wollte aus Magdeburg«, begründet Christel P. die Entscheidung.

Ob sie nach der Rückkehr nach Magdeburg noch SMS an den Angeklagten geschrieben habe, will Binder wissen. »Nein«, sagt die Zeugin direkt. »Das kam jetzt aber wie aus der Pistole geschossen«, bemerkt der Anwalt und zieht die Erinnerungskraft der Zeugin in Zweifel. Er weist auf Ungereimtheiten zwischen der Vernehmung durch die Polizei vor einem Jahr und der Aussage an diesem Dienstag vor Gericht hin.

Am 27. Juni soll die Zeugin Christel P. erneut gehört werden. Der Prozess wird am 23. Mai fortgesetzt. 

Kommentare

Ein Drama und ein Blicke in tiefe Abgründe

Ein Drama und Blicke in tiefe Abgründe, sind es, die sich hier auftun.

Ich frage mich schon, wie einfach diese Frauen gestrickt sein müssen, auf solche Anzeigen hin alles stehen und liegen zu lassen und solchen Typen in die Wohnung zu folgen. Vielleicht sind die simplen Serien bestimmter Sender mitschuldig daran,

Unter normalen Umständen müsste diese Zeugin doch auch noch wegen Verdeckung von Straftaten
angezeigt werden: Nur gestraft ist sie wohl schon genug.
Mein Bedauern hat sie, aber das Verständnis fehlt mir.

1 Kommentare

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