Mi., 17.05.2017

Frau soll drei Monate im »Horror-Haus« eingesperrt gewesen sein Zeugin: »Ich durfte nur aufs Katzenklo«

Begleitet von einer Sozialbetreuerin (links) und ihrem Anwalt Christian Meybohm kam Christel P. am Dienstag ins Gericht.

Begleitet von einer Sozialbetreuerin (links) und ihrem Anwalt Christian Meybohm kam Christel P. am Dienstag ins Gericht. Foto: Christian Althoff

Von Christian Althoff

Paderborn (WB). Der Vorsitzende Richter Bernd Emminghaus fragte: »Wer von den beiden Angeklagten war schlimmer?« Die Zeugin überlegte nicht lange: »Beide!«

Am 20. Verhandlungstag des »Horror-Haus«-Prozesses hörte das Gericht am Dienstag Christel P. (52) – möglicherweise eine Schlüsselfigur, denn sie ist die einzige Frau, die monatelang in dem Haus eingesperrt war und überlebt hat.

»Bauer sucht Frau« stand über der Anzeige, die der Angeklagte Wilfried W. Ende 2011 aufgegeben hatte. Betonbauerin Christel P. aus Magdeburg war geschieden und lebte seit zwei Jahren alleine, als sie das Inserat las. »Meine Eltern hatten eine kleine Landwirtschaft. Ich dachte, das könnte passen.«

In einem kleinen, weißen Kastenwagen holten Wilfried W. (47) und seine Ex-Frau Angelika (48), die sich als Geschwister ausgaben, die Frau im Dezember ab. »Am ersten Abend haben Wilfried und ich im Wohnzimmer gekuschelt. Nach drei, vier Tagen wurde es mehr.« Wilfried W. sei nett und höflich gewesen. »Ich konnte mir vorstellen, für ewig dazubleiben.«

»Hier wurde bis mittags geschlafen«

Ungewohnt sei der Tagesablauf gewesen: »Zu Hause bin ich immer um 5 Uhr aufgestanden. Hier wurde bis mittags geschlafen.« Gestört habe sie der Zustand des Hauses: »Oben waren die Wände feucht, und es lagen verschimmelte Klamotten herum. In der Küche hingen Tapeten von der Wand.« Sie habe sich aber damit getröstet, dass man das alles hätte in Ordnung bringen können.

Kurz vor Weihnachten 2011 brachten Wilfried und Angelika W. die Frau zurück nach Magdeburg. »Wilfried hatte Angst, dass seine Mutter an den Feiertagen vorbeikommen würde, und er wollte nicht, dass sie mich sieht. Warum, hat er nicht gesagt.«

Von Silvester an war Christel P. wieder in Höxter – und alles wurde anders. »Die beiden stritten ständig und ließen es an mir aus.« Kurz vor ihrem Geburtstag im Februar habe sie von Angelika erfahren, »dass der nicht gefeiert wird.« Etwa um diese Zeit sei es zur ersten Gewalttat gekommen.

»Ich setzte mich neben Wilfried auf die Couch, und er schlug mir aus heiterem Himmel mit der Hand ins Gesicht.« Sie sei in eine Zimmerecke gelaufen und habe geweint. »Es muss doch einen Auslöser gegeben haben!«, warf der Vorsitzende Richter ein, aber die Zeugin zuckte mit den Schultern. »Nein. Er hat mich einfach so geschlagen. Es gab vorher keinen Streit. Das kam von jetzt auf gleich«, sagte Christel P.

Zwei-, dreimal pro Woche habe Wilfried sie geschlagen

Folgt man der Zeugin, begann mit dieser Ohrfeige ihr Martyrium. »Angelika hat mir Handy, Papiere und Geld abgenommen, und sie haben das Haus abgeschlossen. Ich kam nicht mehr raus.« Zwei-, dreimal pro Woche habe Wilfried sie geschlagen. »An anderen Tagen hat Angelika mich mit Handschellen im Schweinestall angekettet. Ich stand dann eine halbe Stunde barfuß im Mist und durfte mich hinterher nur mit eiskaltem Wasser saubermachen.« Angelika habe ihr auch die Haare abgeschnitten, um sie zu verunstalten. Wilfried habe zugesehen.

»Irgendwann durfte ich nur noch auf dem Wohnzimmerboden schlafen. Ohne Decke oder Kissen. Und ich durfte nachts auch nicht mehr aufs Klo.« In ihrer Not habe sie öfter das Katzenklo benutzt, »und die beiden haben gelacht.«

Eines Abends habe das Paar sie zu den Nachbarn geschickt, um dort zu stänkern. »Angelika ist mitgekommen. Ich habe geklingelt und mich beschwert, dass sie immer aus dem Fenster sehen. Die Nachbarn waren sauer und ich sagte: ›Dann rufen Sie doch die Polizei!‹ Das war ein versteckter Hilferuf, aber die Leute haben das nicht verstanden. Angelika zog mich sofort am Arm nach Hause.«

Aus Angst sei sie auch nie zur Polizei gegangen

Die Zeugin sagte, an einem Tag im März 2012 habe sie den Ziegenstall gefegt, und Wilfried W. habe mit einer Schaufel hinter ihr gestanden. »Als ich mich umdrehte, schlug er mir damit ins Gesicht. Er traf meine Stirn, und ich ging blutend zu Boden. Wilfried lachte und sagte: ›Oh, das war ich nicht!‹«

An diesem Tag habe das Paar entschieden, sie freizulassen. »Angelika setzte ein Schreiben auf, mit dem ich bestätigen sollte, dass die Verletzungen nicht von ihnen stammten. Ich bekam meine Zugfahrkarte erst, nachdem ich unterschrieben hatte.« Zurück in Magdeburg habe sie sich verbarrikadiert. »Ich habe einen Schrank vor die Wohnungstür geschoben, weil ich Angst hatte, die würden kommen.«

Aus Angst sei sie auch nie zur Polizei gegangen – bis sie 2016 im Fernsehen von der Festnahme des Paares erfahren habe. »Da bin ich zusammengebrochen. Alles kam plötzlich wieder hoch.« Seit jenen Tagen quäle sie der immer gleiche Albtraum: »Ich sehe Wilfried vor mir, wie er mit der Schaufel zuschlägt und lacht.«

Wilfried habe zwei Seiten, sagte die Zeugin. »Der kann lieb und höflich sein, aber dann macht es klick in seinem Kopf, und er ist ein Monster.«

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

Google-Anzeigen

© WESTFALEN-BLATT
Vereinigte Zeitungsverlage GmbH

Alle Inhalte dieses Internetangebotes, insbesondere Texte, Fotografien und Grafiken, sind urheberrechtlich geschützt. Verwendung nur gemäß der Nutzungsbedingungen.

Mehr zum Thema

Anzeige


http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/4849883?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F4078537%2F