Mi., 31.05.2017

Zeugin: »Ich war fasziniert von ihm. Das war blöd.« Verliebte Finanzbeamtin gab Wilfried W. 50.000 Euro

Die pensionierte Finanzbeamtin (links) mit Rechtsanwältin Anke Reese auf dem Gerichtsflur.

Die pensionierte Finanzbeamtin (links) mit Rechtsanwältin Anke Reese auf dem Gerichtsflur. Foto: Althoff

Von Christian Althoff

Paderborn (WB). Sie nahm sogar einen Kredit auf: Mehr als 50.000 Euro soll eine Finanzbeamtin innerhalb von vier Jahren an Hartz-IV-Empfänger Wilfried W. (48) gezahlt haben. »Ich hatte mich in ihn verguckt«, sagte sie.

Es ist der 22. Verhandlungstag im »Horror-Haus«-Prozess. Anwältin Anke Reese führt die gehbehinderte Zeugin in den Schwurgerichtssaal des Paderborner Landgerichts. Die Finanzbeamtin ist wegen einer Krankheit frühpensioniert. Mit dem Geschehen im »Horror-Haus« hat ihre Erkrankung aber nichts zu tun. »Ich bin von den beiden nie misshandelt worden«, sagt sie später während ihrer Befragung.

Seit sieben Monaten stehen Wilfried W. (47) und seine Ex-Frau Angelika (48) wegen zweifachen Mordes vor Gericht. Sie sollen in ihrem Haus in Höxter-Bosseborn Frauen eingesperrt und gequält haben. Zwei Frauen überlebten das nicht.

Zeugin: »Meine Neugier war zu groß«

Die frühere Beamtin gehört nicht zu den mutmaßlichen Folteropfern, sondern zu jenen, die finanziell ausgenommen wurden. Sie lebte seit Jahren von ihrem Mann getrennt, und die Scheidung war eingereicht, als sie sich Ende 2011 auf eine Kontaktanzeige meldete. Von einem Foto, das Wilfried ihr geschickt habe, sei sie »positiv angetan« gewesen, sagt die Zeugin. »Später habe ich mal zu ihm gesagt: ›Bei deinem Aussehen hast du es doch gar nicht nötig, eine Anzeige aufzugeben!‹«

Zum ersten Treffen sei sie von Angelika W. abgeholt worden, die sie für die Schwester gehalten habe. »Da habe ich mir gesagt: Das ist merkwürdig. Pass auf! Sei vorsichtig! Aber meine Neugier war zu groß.« In Höxter angekommen habe sie Wilfried W. »zum ersten Mal in voller Größe« gesehen. »Ich war beeindruckt.«

Erst nur telefonischen Kontakt

Wilfried W. sei schüchtern gewesen und habe sich nicht getraut, den Anfang zu machen. »Das gefiel mir. Ich habe dann gesagt: Komm, setz dich zu mir!« Er sei sehr sympathisch, lieb und nett gewesen. »Wir haben uns geküsst.« Wilfried sei ein toller Mann gewesen, wenn auch das Haus ärmlich und eng gewirkt habe. »Zwischen meinem Herzen und meinem Kopf ging es hin und her.«

Nach diesem ersten Treffen hatten die beiden sechs Monate nur Kontakt über das Telefon. »Ich bekam mit, dass Wilfried Angelika als Störfaktor empfand. Sie wollte sein Leben für ihn führen und mischte sich auch in meines ein. Sie forderte mich auf, lieb zu Wilfried zu sein und ihn ordentlich zu behandeln.«

Auch ohne persönliche Treffen fühlte sich die Frau weiter zu Wilfried W. hingezogen – wenn sie ihm auch nicht alles glaubte. »Er sagte mal, er habe ein Arztstudium begonnen. Aber mir war klar, dass ihm dafür der Horizont fehlte.« Erst im Mai 2012 kam es zu den nächsten Treffen. Intimen Treffen, wie die Zeugin sagte.

Geld für Tierfutter, Heizöl, Einkäufe

Danach hätten Wilfried und Angelika begonnen, Geld zu fordern. »Erst waren es nur 100 Euro für Tierfutter, dann Geld für Autoreparaturen.« Sie habe Angelika W. das Geld gegeben, aber auch versucht, Wilfrieds finanzielle Lage grundsätzlich zu verbessern. »Ich bin ja vom Fach. Ich habe ihm erklärt, dass es nichts bringt, Eier auszuliefern, wenn man mehr Geld für Sprit ausgibt als man einnimmt.«

Später habe Wilfried Geld für angebliche Arztrechnungen verlangt, für Heizöl, Autokäufe und die Eröffnung eines Kiosks. »Ich habe gezahlt, aber die beiden haben den Kiosk nicht ans Laufen bekommen, weil sie bis mittags im Bett lagen.« Als Angelika immer mehr Geld gefordert habe, habe sie sogar einen Kredit aufgenommen. »Den habe ich zwei Mal aufgestockt. Mein Kopf sagte: ›Mach’ das nicht, du wirst ausgenutzt!‹, aber mein Herz sagte: ›Du willst Wilfried doch helfen, damit sich sein Leben ändert.‹ Ich war eben fasziniert von ihm. Das war blöd.«

Konto im Minus

2016 habe ihr Konto im Minus gestanden, und sie sei vorne und hinten nicht mehr klargekommen, sagt die Frau. »Das Ganze hatte erst ein Ende, als die beiden 2016 festgenommen wurden.«

Vielleicht bekommt die Pensionärin ja irgendwann einen Teil ihres Geldes zurück. Immerhin hat die Kripo 30.000 Euro im »Horror-Haus« gefunden.

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