Di., 27.06.2017

Zu Beginn des 24. Prozesstages um das »Horror-Haus« von Bosseborn herrscht Verwirrung Christel P.: »Ich kann mit den SMS nichts anfangen«

Zeugenstand beim Prozess.

Zeugenstand beim Prozess. Foto: Ann-Christin Lüke

Von Ann-Christin Lüke

Paderborn (WB). Es ist der 24. Tag im »Horror-Haus«-Prozess. Erneut ist Christel P. vor dem Landgericht Paderborn geladen, die drei Monate gemeinsam mit den Angeklagten in Höxter-Bosseborn gelebt hat. Doch zunächst herrscht Verwirrung um einige Kurznachrichten.

Sie könnte eine Schlüsselfigur in dem Folterprozess sein. Die 52-Jährige wurde nach eigener Aussage von Wilfried W. misshandelt und ist im Prozess eine Nebenklägerin.

Die Angeklagten mit ihren Anwälten Foto: Ann-Christin Lüke

Während es am 20. Prozesstag noch um die Erlebnisse in Bosseborn ging, möchte Richter Bernd Emminghaus an diesem Dienstag mehr über die Zeit danach wissen. Denn es soll weiterhin Kontakt mit den Angeklagten via Kurznachrichten gegeben haben, im April 2012 (Christel P. lebte Ende 2011/Anfang 2012 mit Unterbrechungen in Bosseborn bis zurück nach Magdeburg kehrte).

Dabei sei ihr mit dem Tode gedroht worden, sollte sie zur Polizei geben, hatte die Zeugin ausgesagt.

Zeugin P. und die Verwirrung

In Protokollen, die dem Gericht vorliegen, zeichnet sich zunächst aber ein anderes Bild. In diesen habe Wilfried W. sie gefragt, ob Christel P. ihn immer noch liebe, oder ob sie »einen Neuen« habe, liest der Richter vor. Christel P. habe dem Angeklagten geschrieben, dass sie ihn vermisse, »aber Angelika...«.

»Ich kann mit den SMS nichts anfangen«, sagt P. aus. An diesen Chat könne sie sich überhaupt nicht erinnern, setzt ihr Anwalt hinzu und wirft die Frage auf, ob diese Nachrichten überhaupt von seiner Mandantin stammen. Auch Angelika Ws Anwalt Peter Wüller hat Zweifel.

Von ihrem neuen Job als Prospekteausteilerin soll die 52-Jährige dem Angeklagten berichtet haben. P. verneint allerdings, diese Arbeit jemals ausgeführt zu haben. Es herrscht Verwirrung im Sitzungssaal.

»Aktuell kommen wir so nicht weiter«, unterbricht der Richter. Oberstaatsanwalt Ralf Meyer will in der Pause noch einmal prüfen, wie die Telefonnummer in diesem Fall Christel P. zugeordnet werden konnte. Diese hatte ein Prepaid-Handy in dieser Zeit genutzt.

Zeuge F. und die Handydaten

Ein Kripobeamter soll nun Licht ins Dunkle bringen. F. kann Angaben zu der Herangehensweise bei den Ermittlungen machen und ist deshalb kurzfristig aus Bielefeld nach Paderborn gereist.

Fall Frauke Liebs

Die Angeklagten waren auch in Verbindung mit dem Mordfall von Frauke Liebs gebracht worden. Liebs war 2006 im Raum Paderborn verschwunden. Ihre Leiche wurde im Okotber 2006 bei Lichtenau gefunden. Nach bisherigen Erkenntnissen gebe es aber keine Hinweise auf einen Zusammenhang zum Fall Bosseborn, gibt der Kripobeamte F. auf Nachfrage von Anwalt Detelv Binder zu Protokoll. Die Ermittlungen seien zwar noch nicht ganz abgeschlossen, bisher hätte sich der Verdacht, Wilfried W. könne etwas mit dem Mord zu tun haben, aber nicht bestätigt.

Alle Handydaten der Telefone, die die Polizei gefunden hatte bzw. im Zuge der Ermittlungen an sich genommen hatte, wurden gesichert, sagt Zeuge F aus. Für das angebliche Prepaid-Handy von Christel P. waren die Inhaberdaten nicht mehr vorhanden, da diese dem Anbieter nicht vorlagen. Das Handy sei von 2011 bis 2012 in Benutzung gewesen.

Um die Daten zuordnen zu können, haben die Beamten den Inhalt herangezogen. Demnach habe von diesem Handy eine Person namens Christel an einen Mann namens Max (Wifried Ws Zweitname) Kurznachrichten geschrieben. 

Auf einem Bild, das von diesem Handy aus gesandt wurde, sei Christel P. zu sehen gewesen, so F. Er selber kenne die Zeugin zwar nicht, aber Kollegen, die Christel P. vernommen hatten, hätten das Bild der 52-Jährigen zuordnen können.

Eine weitere Handynummer konnte P. laut dem Zeugen nicht zugeordnet werden.

Angelika W. und der »Kuss«

Peter Wüller meldet sich nun zu Wort. Demnach könne seine Mandantin Angelika W. Angaben zu den Nachrichten machen. Sie habe der Zeugin mit dem Handy des Wilfried W. SMS geschrieben und sich als eben dieser ausgegeben.

»Alle SMS, die mit den Wort »Kuss« enden, habe sie geschrieben«, sagt der Anwalt. So stamme etwa die Nachricht »Schicke mir bitte, bitte Bild. Kuss« von ihr. Diese war im April verfasst worden. »Ich weiß ja wie ich geschrieben habe«, wirft die Angeklagte ein. Deshalb könne sie dies so genau benennen.

In der Folge liest Anwalt Wüller eine Reihe von Kurznachrichten vor, die Angelika W. an Christel P. geschrieben haben will. Sie alle sind in kurzer Abfolge im April verschickt worden, kurz nachdem Christel P. Bosseborn den Rücken gekehrt hatte. In den SMS werden Liebesbekundungen und Alltägliches (etwa der Broteinkauf in Paderborn) genannt.

Wüller wendet sich an seine Mandantin: »Da schließt sich die Frage des Vorsitzenden an: Warum?« Angelika W. erklärt, Wilfried W. habe immer versucht, sich im Guten zu trennen, »dass das im Laufe der Zeit einschläft«, damit die Frauen keine Anzeige erstatten. Wilfried habe ihr dies nicht direkt gesagt, »ich wusste das einfach aus Erfahrung«, sagt Angelika W. »Er wollte immer noch so ein bisschen nachhalten, was macht die Frau noch.«

Wilfried W. sei darüber aber im Bilde gewesen. Er habe als »Beifahrer« daneben gestanden.

»Ich hab jetzt eigentlich keinen Zweifel daran, dass das so gelaufen ist«, sagt Richter Emminghaus an Christel Ps Anwalt gerichtet, bevor er deren Vernehmung nun fortsetzen möchte. »Wir müssen uns die Frage stellen, ob die Zeugin dann auch an anderer Stelle lügt«, setzt Detlev Binder, Anwalt von Wilfried W., hinzu.

Zeugin P. und die Wahrheit?

Christel P. betritt gegen 12.30 Uhr wieder den Gerichtssaal 205. Richter Emminghaus legt der Zeugin das besagte Foto vor (ein Selfie), welches die Zeugin zeigen soll. Daran könne sie sich nicht erinnern, bekräftigt P. Das sie auf dem Bild zu sehen ist, bestätigt sie aber.

Auch an Krankenhausaufenthalte im Jahr 2012 habe sie keine Erinnerung.

»Wir können alle verstehen, dass es Ihnen schwer fällt, hier auszusagen und dass Sie sich nicht daran erinnern möchten. Aber kann es sein, dass es nach der Rückkehr nach Magdeburg noch Kontakt gegeben hat?«, setzt Peter Wüller an. »Ich kann mich nicht daran erinnern«, ist die Antwort.

Eine psychatrische Behandlung vor den Erlebnissen in Bosseborn, nach denen Detlev Binder fragt, verneint die Zeugin. Ihre Bitte an Wilfried W., zu ihr nach Magdeburg zu ziehen, erinnert die Zeugin ebenfalls nicht. Wilfried W. schüttelt den Kopf.

Binder möchte Details zur Wohnsituation in Bosseborn wissen. Um genau zu sein, wo sie geschlafen habe. »Unten in der Wohnstube auf dem Boden«, antwortet P. sogleich. Nur anfangs habe sie auf dem Sofa übernachten dürfen.

Bei der Polizei habe sie aber angegeben, dass sie auch im Schweinestall schlafen musste. Das verneint die Zeugin nun. »Ich kann mich kaum daran erinnern, was ich da geschrieben habe«, ist die Erklärung der Zeugin. Sie hatte sich nach dem Öffentlichwerden der Foltervorwürfe gegen das Paar W. an die Polizei gewandt. Via Online-Anzeige hatte sie sich gemeldet.

»Mein Freund hat die geschrieben, ich saß aber dabei«, sagt P. dazu. Ob sie die Vorkommnisse ihrem Partner diktiert habe oder er dies selbst formulierte, daran habe sie keine Erinnerung.

Die Befragung endet gegen 13 Uhr.

So geht es weiter:

Das vorläufige psychologische Gutachten von Michael Osterheider soll ins Verfahren eingebracht werden. Zudem soll noch ein Gerichtsmedziner gehört werden, der die Obduktion vom mutmaßlichen Opfer Susanne F. durchgeführt hat, dieser und weitere Frauen sollen in der kommenden Woche, am 4. Juli, aussagen.

Detlev Binder kündigt an, noch zwei Zeuginnen hören zu wollen, die Aussagen zum Verhältnis der Ws. machen können.

Kommentare

Man sucht nach einem guten Haar im Heuhaufen

Mühselig sucht man in den Misthaufen noch ein gutes Haar, damit die Täter am Ende gut dastehen. Ein Opfer bleibt immer ein Opfer.

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