Mi., 28.06.2017

Höxter: Die Mutter der Braut Anika W. ahnte lange nichts von der Ehe Wilfrieds dritte Hochzeit

Von Christian Althoff

Paderborn (WB). Auf dem Hochzeitsfoto von 2013 legt Wilfried W. (43) seinen Arm um seine Braut Anika (33). Das gerade getraute Paar blickt zu Wilfrieds Ex-Frau Angelika (44) hinüber, die auf den Auslöser drückt. Sie hat Papierschmetterlinge besorgt und an die Kleidung der Brautleute geheftet.

Seit Oktober vergangenen Jahres verfolgt die Nebenklägerin Sigrid K. (76) den »Horror-Haus«- Prozess vor dem Landgericht Paderborn. Die Braut Anika W., die 2014 in dem Haus umkam, eingefroren und zerstückelt wurde, war eines ihrer drei Kinder. »Ein liebes Mädchen«, sagt Sigrid K.

Die 33-Jährige aus Uslar trug damals ihren Geburtsnamen Anika E. Im Sommer 2013 las die Frau, die als Hauswirtschaftshelferin in einem Pflegeheim arbeitete, eine Kontaktanzeige und verliebte sich in Wilfried W. Dass seine angebliche Schwester Angelika W. mit im Haus in Höxter lebte, störte sie nicht. Schon nach kurzer Zeit schenkte Wilfried ihr einen Verlobungsring – Modeschmuck aus einem Drogeriemarkt.

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Niemand in unserer Familie ahnte etwas

Sigrid K.

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Am 18. Oktober 2013 heirateten die beiden im Standesamt Höxter. »Und niemand in unserer Familie ahnte etwas«, sagt Sigrid K. Angelika W. wartete damals draußen, pflückte Weinblätter und schmückte damit die Rückbank des Wagens. Nach der Trauung gingen die drei zum Frühstücken, und Angelika W. machte das Hochzeitsfoto. Für Wilfried W. war es die dritte Ehe.

Seine erste Frau hatte er 1994 kurz nach der Hochzeit gefoltert, worauf die Ehe zerbrach. Und seine zweite Frau Angelika hatte sich 2003 scheiden lassen, weil sie fürchtete, sonst für seine unehelichen Kinder aufkommen zu müssen.

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Ich habe zufällig von der Trauung meiner Tochter erfahren

Sigrid K.

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»Ich habe zufällig von der Trauung meiner Tochter erfahren«, erzählt Sigrid K. »Ich rief Anika an, um mich nach ihr zu erkundigen. Ihr Anrufbeantworter sprang an, und sie meldete sich mit einem neuen Namen. Ich habe ihr auf die Mailbox gesprochen: ›Bist du jetzt verheiratet? Schade, dass wir nicht dabei waren.‹« Ihre Tochter habe sich später gemeldet und sich entschuldigt. »Sie sagte, Wilfried hätte nicht gewollt, dass sie ihrer Familie Bescheid sagt.«

Sigrid K. erzählt, sie sei mit ihrem Freund nach Bosseborn gefahren, um den beiden zur Hochzeit Geld zu schenken. »Aber es hat niemand aufgemacht. Da haben wir es in den Briefkasten gesteckt.«

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Anika meinte: ›Die willst du nicht kennenlernen.‹

Sigrid K. über Angelika W.

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Im Dezember 2013 habe ihre Tochter sie in Uslar besucht – ohne Wilfried. »Angelika brachte sie und wartete im Auto. Ich wollte nach draußen gehen und sie begrüßen, aber Anika meinte: ›Die willst du nicht kennenlernen.‹«

In den folgenden Wochen soll Anika W. immer häufiger gequält worden sein, weil sie Wilfrieds »Hausregeln« nicht beachtet haben soll. Angelika W. gab zu, sie habe die Frau geschlagen, mit einem Strick gedrosselt, verbrüht und mit Strom gefoltert, während Wilfried W. das gefilmt haben soll. Anika W. starb am 3. August 2014 schwer verletzt in der Badewanne, in der sie angekettet schlafen musste.

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Am liebsten wäre ich auf ihn losgegangen.

Sigrid K.

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»Ich habe meinen Schwiegersohn Wilfried zum ersten Mal hier im Prozess gesehen. Am liebsten wäre ich auf ihn losgegangen«, sagt Sigrid K. Die ersten Verhandlungstage seien furchtbar gewesen. »Als ich hören musste, was mein Kind erlitten hat, war das fast unerträglich. Die Beschreibungen, wie Anika zerstückelt und verbrannt wurde, habe ich aber einigermaßen gut weggesteckt. Da war Anika ja schon tot. Da hat sie ja nichts mehr gespürt.«

Weil die Angeklagte Angelika W. nach dem Tod des Opfers weiter SMS in Anikas Namen an die Mutter schrieb, ahnte die lange Zeit nichts vom Schicksal der Tochter. »Ende April 2016 sahen wir das Horror-Haus im Fernsehen, und mein Freund sagte: ›Lebt Anika nicht dort?‹. Ich habe ihr sofort eine SMS geschrieben: ›Wie geht es dir? Nimm uns unsere Sorgen!‹« Eine Antwort bekam Sigrid K. nicht. Vier Tage später erfuhr sie von der Kripo die Wahrheit.

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