Di., 04.07.2017

Tag 25 im »Horror-Haus«-Prozess: Schiedsfrau und Ex-Freundinnen sagen aus Zeugin: »Die beiden zusammen waren unerträglich«

Es ist der 25. Prozesstag am Landgericht Paderborn.

Es ist der 25. Prozesstag am Landgericht Paderborn. Foto: Ann-Christin Lüke

Von Ann-Christin Lüke

Paderborn/Höxter (WB). Es ist mittlerweile der 25. Prozesstag im Fall um das »Horror-Haus« von Höxter-Bosseborn am Landgericht Paderborn. Es geht auch um die Frage, wie viel wussten die Behörden? Zunächst sagt eine Schiedsfrau aus Höxter aus, an die sich Angelika W. im April 2016 gewandt hatte und der sie in einem Schreiben vermeintliche Vorkommnisse mit dem Opfer Susanne F. schilderte.

Zeugin D. ist geladen. Sie ist ehrenamtlich als Schiedsfrau tätig und kümmert sich stellvertretend um den Bezirk Bosseborn. »In der Regel sind es Nachbarschaftsstreitigkeiten«, beschreibt sie ihre Tätigkeit. Am 9. April 2016 habe Angelika W. sich an sie gewandt, um ein Schiedsverfahren zu beantragen. Ziel sei es, dass Susanne F. das Haus möglichst schnell verlasse, weil sie Ärger mache.

Nur wenige Tage danach starb Susanne F. und die Foltervorwürfe gegen die Ws kamen ans Licht.

In einem Brief an die Zeugin D. habe Angelika W. die vermeintlichen Umstände im Haus in Höxter-Bosseborn deutlich gemacht. Diese hätten sie sehr schockiert, so D. Sie habe versucht, ihren Kollegen zu erreichen, der eigentlich für Bosseborn zuständig gewesen sei. Doch dieser habe nicht geantwortet. Auf Nachfrage beim Ordnungsamt Höxter habe man ihr gesagt, sie sei nicht zuständig. W. müsse sich an den zuständigen Schiedsmann wenden.

»Jeder hat zerrissen Kleidung, blaue Flecken und ausgerissene Haare. Bitte schreiben Sie es nur auf, dass keiner dem anderen etwas kann. Wir haben uns mit Frau F. ausgiebig ausgesprochen und jeder will nur noch seine Ruhe«, heißt es unter anderem in dem Brief.

Zeugin D. und der Schlichtungsantrag

»Wir wohnen WG-mäßig im Haus.« Susanne F. sei »ständig am provozieren«, heißt es in dem beigefügten Antrag auf Schlichtung, den Angelika W. verfasst haben soll. W. schildert darin auch, sie habe sich durch das vermutliche spätere Opfer Susanne F. sexuell belästigt gefühlt. Sie habe sie an der Vagina berührt.

»Sie schubst uns, sie kratzt uns (...) sie peitscht uns mit Gürtel, sie fesselt uns an Armen und Beinen«, heißt es in dem Schreiben über Susanne F. weiter. Gegenseitig wolle man sich jedoch keine Forderungen stellen oder sei auf Schadensersatz aus. »Herr W. (der angeklagte Wilfried W.) möchte außerdem klarstellen, dass es nie zu einer Vergewaltigung gekommen ist.«

Warum sie nicht zur Polizei gegangen sei, möchte Angelika Ws Strafverteidiger Peter Wüller von der Zeugin wissen. »Das ist das, was ich mir heute selber vorwerfe«, sagt D. aus. Sie sei damals noch relativ neu im Amt gewesen und habe sich an einen befreundeten Polizisten gewandt, der ihr gesagt habe, sie könne in diesem Falle sowieso nichts tun.

Sie habe sich danach mehrfach mit Angelika W. unterhalten. Und sei auch am Haus in Bosseborn gewesen. Doch dort habe sie nie jemanden angetroffen. Auf Nachfrage, warum Angelika W. nicht zur Polizei gehe, habe diese geantwortet, dass ihr Ex-Mann bereits zuvor in Konflikt mit dem Gesetz gekommen sei. Deshalb wolle man dies vermeiden.

Zeugin K und die Rolle der Frau

Nun sagt eine weitere Ex-Freundin von Wilfried W. aus, die etwa eine Woche intensiven Kontakt zu den Angeklagten gehabt haben soll. Sie sei »fix und fertig« gewesen, nachdem der Fall öffentlich wurde, sagt die Altenpflegerin K. aus. Im Oktober 2015 habe sie eine Kontaktanzeige von Wilfried W. entdeckt und darauf geantwortet. Angelika W. habe diese als »Überraschung« für Wilfried aufgesetzt, wie sie später erfuhr.

»Ich dachte, sonst lernst du nie jemanden kennen«, erklärt sie die Kontaktaufnahme. Die Anzeige sei »kurz und präzise« gewesen. Sie habe sich zum ersten Mal getraut, jemanden anzuschreiben, sagt K. und ihre Stimme zittert. »Und dann passiert so was.«

Nach dem ersten schriftlichen Kontakt habe sie zunächst ins Krankenhaus gemusst, deshalb habe sie nicht sofort antworten können. Kurz kurz darauf kam der erste Anruf von Angelika W. Sie habe wissen wollen, warum sie nicht antworten würde, ihr »Bruder« (Anm: die Angeklagten gaben sich oftmals als Geschwister aus) habe eine Überraschung für sie vorbereitet. Angelika W. habe sofort Tipps zum Umgang mit Wilfried W. gehabt. Erst danach habe sie erstmals mit Wilfried W. selbst telefoniert.

Sie verwöhne gerne einen Mann, hatte sie im Gespräch mit den Ws. gesagt. Die gebürtige Kasachin sei es gewöhnt gewesen, sich einem Mann unterzuordnen. »Die Frau steht unter dem Mann. So kenne ich das«, sagte sie dem angeblichen Geschwisterpaar.

»Sehr nett und zugewandt« - so war der erste Eindruck von Wilfried W. gewesen. Man habe sich lange übers Telefon und via Kurznachrichten unterhalten. Besonders gefallen habe ihr, dass er groß und stattlich gewesen sei und sie hätte beschützen können.

Sie sei blauäugig gewesen. So habe sie nie Wilfrieds Auto gesehen und er sei nur am Abend gekommen, erst nach 22 Uhr sei er bei ihrem ersten Treffen zu ihr gekommen. Sie habe sich aber nicht an die Abmachung gehalten, Getränke für Wilfried vorzubereiten. »Ich war auch aufgeregt.«

Wilfried W. sei sehr hellhörig gewesen und habe Angst gehabt, dass sie Kontakt zu anderen Männern haben könnte. Als sie ihm ihre Handy-Kontakte gezeigt hatte, sei er aber zufrieden gewesen. »Ich hatte ja nichts zu verbergen.« Mit Wilfried habe sie die Absprache getroffen, sich einmal stündlich zu melden. Das habe sie am Anfang nicht so verwundert. »Wenn man jemanden kennenlernt, möchte man ja auch wissen, was derjenige macht.«

Zeugin K. und der Telefonterror

Die ersten Tage seien schön gewesen, romantisch. Danach sei der Kontakt auch zu Angelika W. regelmäßiger geworden. Gesehen habe sie diese aber niemals. Der Kontakt bestand nur übers Telefon. Sie habe ihr Anweisungen gegeben. »Du hast mich so gequält«, entfährt es der Zeugin an einer Stelle. Ihr Blick wandert zur Anklagebank, zu Angelika W. Ks Stimme zittert, sie schüttelt den Kopf.

Dann habe sich das Bild gewandelt. »Wenn er bei mir war, war er immer ganz anders«, sagt sie über die Situation. Doch am Telefon habe er vor allem Angelika sprechen lassen. »Dann fing der Terror an.« Als sie den versprochen Haustürschlüssel nicht ausgehändigt habe, habe sie ständig Vorhaltungen am Telefon bekommen. »Ich hatte einfach Bammel«, erklärt die Zeugin ihren Rückzieher. Die Beschwerden über ihr Verhalten hätten sich gehäuft. So habe sie Wilfried kein Wasser angeboten, nicht für ihn gekocht, ihm nicht mitgeteilt, dass sie das Haus verlassen habe...

Als sie sich entschuldigen wollte, sei Angelika ans Telefon gegangen. »Hier ist nicht Schatzi, jetzt musst du dich mit mir befassen«, habe die Angeklagte ihr geantwortet. »Dann musste ich mich drei Stunden mit Angelika unterhalten.« Sie sei psychisch am Ende gewesen. Sie weint. Angelika und Wilfried W. sitzen regungslos auf der Anklagebank.

Sie hätten sich über sie lustig gemacht, über sie, über ihre Religion. »Wenn die beiden zusammen waren, war das unerträglich«, sagt sie. Sie seien ein eingespieltes Team gewesen.

Als sie sich einmal nicht gemeldet habe, habe es Vorwürfe und Beleidigungen gehagelt. »Das hat mir so weh getan.« Dabei habe sie versucht, Selbstbewusstsein aufzubauen, sagt sie unter Schluchzen. Einmal die Woche habe sie mit ihrem Sohn telefoniert. Daraufhin habe Angelika W. sie gefragt, wer ihr wichtiger sei, ihr Sohn oder Wilfried. »Du musst selbst wissen, ob du weiter mit deinem Sohn plaudern willst«, habe es geheißen.

Sie hätte keine Kraft gehabt, es selbst zu beenden. Deshalb habe sie sich an einen Bekannten gewandt, der daraufhin ein Telefonat mit Wilfried W. geführt habe. Daraufhin sei »fast Schluss« gewesen. Danach habe es nur noch wenige Male Telefonate gegeben.

Zeugin F. und der Sex

Die nächste Zeugin ist an der Reihe. F. verbrachte fünf Tage mit den Angeklagten in Bosseborn. Der Sex mit Wilfried habe sie aber gestört, weshalb sie den Kontakt danach beendet.

In der polizeilichen Vernehmung hatte sie zunächst ausgesagt, die Ws. nicht zu kennen. »Da habe ich gelogen«, räumt F. ein. Sie habe Angst gehabt. Zudem habe sie nicht gewollt, dass ihr aktueller Lebenspartner davon erfuhr. Geschlagen habe Wilfried W. sie aber nicht. »Keine Gewalt, gar nichts«, betont sie.

2011 hatte sie eine Anzeige gelesen und sei so mit Wilfried W. via SMS in Kontakt getreten. Bei ihrem ersten Treffen habe Wilfried sie mit einem Transporter abgeholt, Angelika sei gefahren. Sie selbst habe hinten auf der Ladefläche sitzen müssen. Dann ging es gen Bosseborn.

In der ersten gemeinsamen Nacht habe sie Sex abgelehnt. Das habe Wilfried nicht gefallen aber er habe es akzeptiert. Sie habe direkt auf dem Hof mitgeholfen, und die Tiere gefüttert. »Der erste Tag war ganz normal.«

Zum ersten Geschlechtsverkehr sei es in der zweiten oder dritten Nacht gekommen. »Eigentlich hatte ich keinen Drang dazu.« Sie habe dann aber eingewilligt. Gefallen habe es ihr aber nicht. »Von hinten und so. Das war nicht so mein Ding. Ich kenn' so was nicht.« Er habe gewollt, dass sie wiehern sollte wie ein Pferd. Als ordinär habe sie das empfunden, hatte sie bei der Polizei ausgesagt. »Er wollte immer.«

Und wie war es mit Angelika W.? »Wir haben uns unterhalten, aber groß in Kontakt sind wir nicht gewesen«, sagt F. aus. W. habe eine Verbrennung am Arm gehabt und eine kahle Stelle am Hinterkopf.

Im Umgang der Ws untereinander habe sie beobachtet, dass er das Kommando gegeben habe und Angelika W. wie ein Sklave gewesen sei. Der Ton zwischen den beiden sei ruppig gewesen. »Er hatte die Hosen an.«

Gegen 12.45 Uhr ist der Prozesstag beendet

So geht es weiter

Am 11. Juli geht es weiter  (9 Uhr). Weitere Zeugen sollen dann aussagen, so ein Zellengenosse von Wilfried W. Zudem ist ein Gerichtsmediziner geladen.  In dieser Woche soll zudem das psychologische Gutachten fertig werden.

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