Mi., 05.07.2017

Schiedsfrau im »Horror-Haus«-Prozess: »Ich hätte mehr tun müssen« Zeugin macht sich Vorwürfe

Von Christian Althoff

Paderborn/Höxter (WB). Zum ersten Mal hat im »Horror-Haus«-Prozess ein Außenstehender sein eigenes Verhalten kritisch hinterfragt. »Ich mache mir Vorwürfe, dass ich nicht mehr getan habe«, sagte eine Schiedsfrau am gestrigen 25. Verhandlungstag .

Im April vergangenen Jahres wollten Wilfried (47) und Angelika W. (48) die völlig entkräftete Susanne F. (41) zurück in ihre Wohnung nach Bad Gandersheim bringen. Die Frau war im Februar ins »Horror-Haus« eingezogen und dort schwer misshandelt worden. Jetzt war sie so schwach, dass sie morgens kaum noch alleine aus der Badewanne kam, in der sie angekettet schlafen musste.

Um zu verhindern, dass das Opfer zur Polizei geht, wollte das Paar vor der Schiedsfrau eine Vereinbarung mit Susanne F. schließen, mit der gegenseitige Beschuldigungen und Schmerzensgeldansprüche aus der Welt geschafft werden sollten.

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Darin wurden unglaubliche Dinge geschildert. Ich war erschüttert.

Schiedsfrau

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Die Kinderkrankenschwester aus Höxter, die seit 2015 ehrenamtlich als Schiedsfrau arbeitet, bekam am 9. April spätabends einen Anruf von Angelika W. »Ich sagte ihr, dass ich für Bosseborn nicht zuständig bin, aber sie ließ nicht locker.« Am nächsten Morgen fand die Schiedsfrau eine vorformulierte Bescheinigung in ihrem Briefkasten. »Darin wurden unglaubliche Dinge geschildert. Ich war erschüttert.«

In dem Brief stand, Susanne F. stehe immer nur im Weg und antworte nicht auf Fragen. Sie habe das Paar gekratzt, geschubst, mit einem Schal gedrosselt und ausgepeitscht (Anm. d. Red.: Tatsächlich hatte wohl Susanne F. diese Misshandlungen erlitten). Außerdem stand in dem Schriftstück, auch Susanne F. habe blaue Flecken, und sie sei nicht von Wilfried W. vergewaltigt worden. Alle drei wollten sich im Guten einigen, niemand wolle gegenüber dem anderen Forderungen erheben.

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Mir war natürlich klar, dass ich an einer solchen Vereinbarung nicht mitwirken konnte.

Schiedsfrau

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Die Schiedsfrau: »Mir war natürlich klar, dass ich an einer solchen Vereinbarung nicht mitwirken konnte.« Sie sei zu der Adresse nach Bosseborn gefahren, aber es habe niemand aufgemacht, und die Fenster seien mit Pappe verhängt gewesen. »Ich habe den Fall mit einem befreundeten Polizisten besprochen, aber der meinte, da könne man nichts machen.« Dann habe sie sich ans Ordnungsamt Höxter gewandt, aber die Mitarbeiterin habe ihr nur vorgeschlagen, die Entmündigung von Susanne F. zu beantragen – ein langwieriges Verfahren, dem offenbar auch jede Grundlage fehlte.

»Warum hat das Ordnungsamt denn nicht veranlasst, dass jemand von Gesundheitsamt und Polizei in dem Haus mal nachsieht?«, wollte die Gutachterin Dr. Nahlah Saimeh wissen. Diese Frage konnte die Zeugin naturgemäß nicht beantworten. »Ich stelle mir aber selbst die Frage, warum ich nicht offiziell zur Polizei gegangen bin. Das werfe ich mir vor«, sagte die Schiedsfrau. Denn keine drei Wochen nach diesen Ereignissen war Susanne F. tot.

Das Gericht hörte außerdem eine Frau, die 2015 Kontakt zu Wilfried W. und seiner Ex-Frau Angelika hatte. »Das waren Monster«, sagte die Zeugin, die immer wieder in Tränen ausbrach.

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Ich hatte keine Freunde und habe mich mit Handarbeiten beschäftigt. Dann las ich die Kontaktanzeige und dachte: ›Versuch das mal. Sonst lernst du nie jemanden kennen.‹

Altenpflegerin

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Sie sei Altenpflegerin und stamme aus Kasachstan. »Ich habe 15 Jahre meinen autistischen Sohn gepflegt. Als er in eine Wohngruppe zog, um selbständiges Leben zu lernen, war ich 40. Ich hatte keine Freunde und habe mich mit Handarbeiten beschäftigt. Dann las ich die Kontaktanzeige und dachte: ›Versuch das mal. Sonst lernst du nie jemanden kennen.‹«

Am Telefon sei Wilfried W. »nett und zugewandt« gewesen. Er habe sie besucht, und am Abend seien sie im Bett gelandet. »Am zweiten Tag sprach er schon von Verlobung. Das war alles zu perfekt. Ich war blauäugig.«

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Angelika beschimpfte mich am Telefon, weil ich Wilfried bei seinem Besuch nichts zu trinken angeboten hatte.

Altenpflegerin

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Die romantische Zeit dauerte zwei Tage. »Dann begann der Horror, und für mich brach eine Welt zusammen. Angelika beschimpfte mich am Telefon, weil ich Wilfried bei seinem Besuch nichts zu trinken angeboten hatte.« Nach diesem Telefonat sei sie nicht mehr zur Ruhe gekommen. »Die wollten mich unter ihre Kontrolle bringen. Ich sollte meine Stelle als Altenpflegerin aufgeben und Wilfried jede Stunde anrufen.«

Als sie einmal zur Tankstelle gefahren sei, habe Angelika sie am Telefon angeherrscht, sie hätte ihre Wohnung nicht ohne Wilfrieds Erlaubnis verlassen dürfen. »Die beiden haben mich terrorisiert, und sie waren ein eingespieltes Team. Sie wollten nicht, dass ich mit meinem kranken Sohn telefoniere, und sie haben sich darüber lustig gemacht, dass ich jeden Tag zum Beten in die Kirche gehe.«

Nach einer Woche brach die Zeugin den Kontakt ab. »Ich war psychisch am Ende.« Heute habe sie einen neuen Lebensgefährten und sei glücklich, sagte sie.

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