Mi., 12.07.2017

Leiter der Rechtsmedizin Göttingen entlastet die Angeklagten »Horror-Haus«: Mordvorwürfe nicht mehr haltbar?

Neun Monate nach Beginn des Prozesses um die Geschehnisse im »Horror-Haus« deutete sich gestern eine Wende an. Der Angeklagte Wilfried W. (Foto) und seine Ex-Frau können nun hoffen, nicht wegen Mordes verurteilt zu werden.

Neun Monate nach Beginn des Prozesses um die Geschehnisse im »Horror-Haus« deutete sich gestern eine Wende an. Der Angeklagte Wilfried W. (Foto) und seine Ex-Frau können nun hoffen, nicht wegen Mordes verurteilt zu werden. Foto: dpa

Von Christian Althoff

Paderborn (WB). Im »Horror-Haus«-Prozess entgehen die Angeklagten möglicherweise einer Verurteilung wegen Mordes. Wilfried W. (47) und seine Ex-Frau Angelika (48) wurden am Mittwoch durch die überraschende Aussage eines Rechtsmediziners entlastet.

Susanne F. hatte sich auf eine Kontaktanzeige gemeldet und war im März 2016 ins »Horror-Haus« gezogen. Dort wurde sie nach allem, was bisher bekannt ist, gedemütigt und auf vielfältige Weise gequält.

Wie schon vom ersten Opfer, das 2014 im »Horror-Haus« zu Tode gekommen war, soll sich Wilfried W. auch von Susanne F. gestört gefühlt haben, wenn sie nachts ins Bad musste. »Darum habe ich sie gefesselt und ihr aus einer Thermo-Einkaufstasche von Aldi eine Hose gebastelt, die sie nachts anziehen musste«, hatte Angelika W. Ende vergangenen Jahres erklärt.

Der Zustand verschlechterte sich in den Tagen danach so sehr

Die Obduktion der 1,62 Meter großen und 49 Kilogramm wiegenden Frau sollte später Blutergüsse offenbaren, Hautabschürfungen, Fesselverletzungen an Armen und Füßen, Druckgeschwüre (Dekubitus), eine Nierenbeckenentzündung und abgestorbenes Gewebe an Fingern und Füßen. Die Körpertemperatur soll kurz vor dem Tod nur noch 28 Grad betragen haben.

Im April 2016 schubste Angelika W. – so hat sie es ausgesagt – das entkräftete Opfer in der Küche, und Susanne F. schlug mit der linken Kopfseite gegen einen Schrank. Ihr Zustand verschlechterte sich in den Tagen danach so sehr, dass Angelika und Wilfried W. sie am 21. April zurück in ihre Wohnung nach Bad Gandersheim fahren wollten. Auf dem Weg dorthin blieb der Opel liegen, und Angelika W. rief einen Arzt. Stunden später war Susanne F. tot.

Hirnblutung wohl die Todesursache

Prof. Dr. Wolfgang Grellner, der Leiter der Rechtsmedizin an der Universität Göttingen, sagte, Susanne F. sei an einer Hirnblutung gestorben, die sie wohl durch den Sturz gegen den Küchenschrank erlitten habe.

Auf die Frage des Gerichts, ob die Frau überlebt hätte, wenn die Angeklagten sie sofort ins Krankenhaus gebracht hätten, sagte der Rechtsmediziner: »Das kann man nicht mit Sicherheit sagen. 30 bis 80 Prozent der Menschen, die eine Hirnblutung erleiden, sterben daran – selbst wenn sie sofort behandelt werden.«

»Im Fall Susanne F. kann jetzt von Mord keine Rede mehr sein«

Die Bandbreite von 30 bis 80 Prozent begründete der Arzt mit der unterschiedlichen Qualität von Krankenhäusern. »Manche überwachen die Patienten sehr engmaschig und erkennen rechtzeitig, wann sie den Kopf öffnen müssen, um die Blutung abzusaugen und den Druck vom Gehirn zu nehmen.«

Oberstaatsanwalt Ralf Meyer war bisher davon ausgegangen, dass schnelle Hilfe Susanne F. gerettet hätte. Deshalb hatte er das Paar wegen Mordes durch Unterlassen angeklagt. »Im Fall Susanne F. kann jetzt von Mord keine Rede mehr sein«, sagte Dr. Detlev Binder, der Anwalt von Wilfried W. Und auch Oberstaatsanwalt Meyer sagte, nach seiner vorläufigen Einschätzung sei möglicherweise ein vollendeter Mord durch Unterlassen »nicht gegeben«.

Fast ein Blick in die Kristallkugel

Peter Wüller, der Verteidiger von Angelika W., geht davon aus, dass es am nächsten Prozesstag die gleiche Entwicklung im Fall des ersten Opfers geben wird. Rechtsmediziner Dr. Bernd Karger von der Uni Münster soll sich dann zum Tod von Anika W. (33) äußern – fast schon ein Blick in die Kristallkugel, denn Anika W. wurde nach ihrem Tod zerstückelt und verbrannt.

Der Rechtsmediziner kann sich also nur an dem orientieren, was Angelika W. ausgesagt hat. Danach soll Anika W. am 2. August 2014 draußen auf der Einfahrt völlig entkräftet umgefallen und mit dem Hinterkopf aufgeschlagen sein. Am nächsten Morgen sei sie gestorben, hatte Angelika W. ausgesagt.

Ihr Anwalt Peter Wüller: »Wenn der Rechtsmediziner am nächsten Dienstag erklären sollte, dass schnelle Hilfe auch das erste Opfer nicht zwingend gerettet hätte, dann ist dies kein Mordprozess mehr.«

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