Di., 18.07.2017

Tag 27 im »Horror-Haus«-Prozess: Rechtsmediziner spricht über Todesursache von Anika W. – weitere Ex-Freundin sagt aus – mit Video Gutachter: Leben hätte gerettet werden können

Gerichtssaal Nummer 205. Hier wird der Fall Bosseborn verhandelt.

Gerichtssaal Nummer 205. Hier wird der Fall Bosseborn verhandelt. Foto: Ann-Christin Lüke

Von Ann-Christin Lüke

Paderborn/Höxter (WB). Am 27. Tag im »Horror-Haus«-Prozess schlägt das psychologische Gutachten über Wilfried W. zunächst hohe Wellen, ehe weitere Zeugen gehört werden.

Richter Bernd Emminghaus stellt zu Beginn der Verhandlung klar: noch sei nichts entschieden. »Die Beweisaufnahme ist nicht völlig eindeutig, das ist ein wesentlicher Punkt«, sagt er.

Sinngemäß stuft der Gutachter Prof. Michael Osterheider den Angeklagten als brandgefährlich ein. Er sei »Gefahr für die Allgemeinheit«.

Zeugin S. und das Kind

1998 hatte die Zeugin S. eine Beziehung mit Wilfried W. Kennengelernt habe sie ihn durch eine Kontaktanzeige. Die Beziehung habe drei Monate gedauert, ehe sie schwanger wurde. Als sie dem Angeklagten am Telefon von der Schwangerschaft erzählt habe, habe er eine Abtreibung gefordert. Das habe sie jedoch abgelehnt. »Da war Ende. Danach habe ich ihn auch nicht mehr gesehen«, so die Zeugin. Sie habe ihre Tochter alleine großgezogen und die Entscheidung »nie bereut«.

Einmal habe sie ihm nach der Trennung geschrieben, nach der Geburt der Tochter. Ob Wilfried W. zur Taufe kommen wolle. Doch zurück sei nur ein »böser Brief« gekommen. Die Einladung habe er als Frechheit angesehen. Auch von der Mitangeklagten Angelika W. habe es ein solches Schreiben gegeben, das in der Tonart ähnlich gewesen sei.

Über die Beziehung: »Ich kam mit ihm super klar. Da war eigentlich auch nichts gewesen«, sagt sie mit Blick auf die Vorwürfe gegen ihn und seine Ex-Frau Angelika W. »Er war eigentlich ein ganz normaler Typ.« Die Gewaltvorwürfe seien für sie ganz neu gewesen, sagt S. weiter.

Urteil von 1995

Nun wird ein Urteil gegen Wilfried W. von 1995 verlesen. Dabei geht es um frühere Körperverletzungen, die er gegenüber seiner Ex-Frau begangen haben soll und für die er bereits vom Landgericht Paderborn zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und neun Monaten verurteilt wurde.

Er soll damals mit einer Ex-Freundin (die Beziehung führte er parallel zur Ehe) seine damalige erste Ehefrau eingesperrt, gefoltert und sexuell missbraucht haben.

In dem Urteil werden detailliert Vorwürfe gegen Wilfried W. beschrieben. So habe er laut Urteilserklärung seine frühere Partnerin mit einem Bügeleisen verbrüht, sie mit einem Gummiknüppel misshandelt, den er ihr mehrfach in die Vagina einführte, sie geschlagen, in der Badewanne angekettet.

Auch von Boxkämpfen ist die Rede, zu denen W. das Opfer gezwungen haben soll. Das Gericht sah die Aussagen des Opfers damals als glaubwürdig an. Die damalige Mitangeklagte hätte die Taten aus eigenem Antrieb nicht begangen, heißt es weiter.

Nun gibt es zunächst eine längere Pause. Gegen 14 Uhr soll das Gutachten eines Gerichtsmediziners gehört werden. Zuvor hatte bereits ein Rechtsmediziner die Angeklagten im Bezug auf den Mordvorwurf gegen Susanne F. entlastet.

Videos und Fotos als Grundlage

Nun geht es um den zweiten Mordvorwurf: Warum starb Anika W.? Mit dieser Frage setzt sich ein gerichtsmedizinisches Gutachten auseinander. Es beruht ausschließlich auf den Aussagen von Angelika W. sowie Fotos und zwei Videos, die dem Rechtsmediziner Dr. Bernd Karger von der Uni Münster vorlagen, und die das mutmaßliche Opfer während der Zeit in Bosseborn zeigen. Überreste der Verstorbenen gibt es nicht (Angelika W. hatte ausgesagt, den Leichnam zerstückelt, verbrannt und die Asche auf dem Gehweg verteilt zu haben).

Ein Videoclip, der den Prozessbeteiligten vorgespielt wird (aber nicht den Prozessbeobachtern), zeigt augenscheinlich eine lautstarke Diskussion zwischen den Angeklagten und den Anika W. Vor allem Angelika Ws Stimme ist dabei laut und deutlich zu hören. So herrscht sie Anika W. augenscheinlich an: »Hast du das nicht verstanden?« Es wird deutlich, dass das Paar unzufrieden mit der dritten Ehefrau des Angeklagten war. »Was willst du mit der?«, ist Angelika W. zu hören. Jeden Tag gebe es Diskussionen. Die Scheidung schlägt die Mitangeklagte immer wieder vor.

Hirntrauma wahrscheinlich

Anika W. wurde bis zu ihrem Tode misshandelt. »Diese Misshandlungen haben sukzessive zu einer Verschlechterung des Allgemeinzustandes der Anika W. geführt. Die Wiederkehrenden Verletzungen, insbesondere die Verbrühungen und chronischen Wunden (durch Fesselungen) haben zu dieser Verschlechterung beigetragen«, trägt Karger vor. Infizieren sich solche Wunden, belaste dies den Körper. Dies könne sich steigern bis hin zur Sepsis.

Auch der psychische Zustand sowie Schlafmangel (das Opfer musste laut Aussage von Angelika W. gefesselt in einer Badewanne schlafen), dürften laut Gutachter ebenfalls ihren Teil dazu beigetragen haben.

Da Anika W. vor ihrem Tode weniger gegessen habe, sei dies ein »Teufelskreis« gewesen.

Laut Aussage war Anika W. gestürzt. Dabei könne es zu einem Schädelhirntrauma mit Hirnblutungen gekommen sein, der zum Tode geführt haben könnte, schildert der Rechtsmediziner weiter. Der Druck im Gehirn könne zugenommen haben, durch Ödembildungen, die wiederum ein Anschwellen des Gehirns zur Folge haben können. »Die zeitlichen Verhältnisse sprechen sehr dafür«, schließt Karger.

Rettung mit »sehr hoher Wahrscheinlichkeit« möglich

»Hätte man noch etwas tun können, um den Tod zu verhindern?«, fragt Bernd Emminghaus. Wenn man nach dem Sturz medizinische Maßnahmen ergriffen hätte, wäre das Leben der Anika W. »mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit« zu retten gewesen, nimmt Karger an. Dies wäre auch zwei Stunden nach dem Sturz (der sich in der Nacht ereignet haben sollen) noch möglich gewesen.

Eine genaue Aussage könne man aber nicht machen, da er die genaue Ursache der Hirnblutung nicht kenne. Die Art der medizinischen Versorgung habe auch Einfluss darauf, ob das Leben zu retten sei.

Im Fall von Susanne F. hatte der Gutachter Prof. Dr. Wolfgang Grellner, der Leiter der Rechtsmedizin an der Universität Göttingen, angemerkt, dass 30 bis 80 Prozent der Menschen, die eine Hirnblutung erleiden, daran sterben, auch wenn sie behandelt würden. Diese Einschätzung teilt Karger nicht. »Das erscheint mir zu hoch.«

Hätten die Angeklagten den lebensbedrohlichen Zustand erkennen können? Aufgrund der Schilderungen der Angeklagten sei dies durchaus möglich, so Karger. »Ein durchschnittlicher medizinischer Laie hätte das erkennen können.« W. hatte berichtet, dass sie ein lautes Krachen im Bezug auf den ungebremsten Sturz gehört habe. Dies sei eine alarmierende Sinneswahrnehmung, unabhängig davon, ob es tatsächlich zu einem Hirntrauma gekommen.

Die allgemeine körperliche Verfassung habe den Sturz begünstigt, die Todesursache sei aber durch den Sturz selbst herbeigeführt.

Wilfried W. und die Narben

Bernd Karder hat zudem eine körperliche Untersuchung des Angeklagten Wilfried W. vorgenommen. Anfang Juli war die Untersuchung mit Hinblick auf alte Verletzungen erfolgt. So habe er mehrere Narben am Kopf von W. festgestellt, darunter Platzwunden, sowie vor allem am Oberkörper und den Armen und Händen.

Zwei der großflächigen Verletzungen am Kopf und dem Handrücken seien durch die Mitangeklagte entstanden, habe W. dem Gutachter gegenüber mitgeteilt. Während der medizinischen Versorgung hatte der Angeklagte angegeben, er sei als Beifahrer in einem Verkehrsunfalles verwickelt gewesen.

Dass diese isolierten Verletzungen bei einem Unfall entstanden sein könnten, hält der Gutachter für möglich aber ungewöhnlich. Auch der Schlag mit einem Gegenstand sei in Betracht zu ziehen.

Ob diese Verletzungen mutwillig herbeigeführt worden seien, darauf ließen die Narben keine Rückschlüsse zu.

Auffällig sei, dass W. viele Narben an der rechten Hand.

Sommerpause

Am kommenden Dienstag wird ein sehr kurzer Prozesstag vom Gericht abgehalten, weshalb wir auf eine Live-Berichterstattung aus Paderborn verzichten. Anschließend ist eine dreiwöchige Sommerpause angesetzt, weshalb der Prozess voraussichtlich am 22. August fortgesetzt wird.

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