Mi., 19.07.2017

Vor 23 Jahren quälte Wilfried W. seine erste Frau kurz nach der Hochzeit und musste dafür ins Gefängnis Die Vergangenheit holt ihn ein

Wilfried W. sah sich mit seiner Vergangenheit konfrontiert, als dieses Urteil vorgelesen wurde.

Wilfried W. sah sich mit seiner Vergangenheit konfrontiert, als dieses Urteil vorgelesen wurde. Foto: Jörn Hannemann

Von Christian Althoff

Paderborn (WB). Es war 1994, als die erste Ehefrau von Wilfried W. vier Wochen nach der Hochzeit Bratwürstchen anbrennen ließ. Darauf würgte Wilfried W. die junge Frau, bis sie das Bewusstsein verlor.

Im »Horror-Haus«-Prozess vor dem Paderborner Schwurgericht hat der Vorsitzende Richter Bernd Emminghaus am Dienstag das Urteil des Amtsgerichts Paderborn vorgelesen , mit dem Wilfried W. 1995 wegen gefährlicher Körperverletzung zu zwei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt wurde – weil er seine erste Ehefrau zusammen mit seiner Geliebten erniedrigt und gequält hatte.

Auch diese Frau lernte Wilfried W., der damals 24 war, über eine Anzeige kennen. Im Juli 1994 heiraten die beiden u nd zogen in Paderborn zusammen – auch wenn die Eltern der Braut ein ungutes Gefühl hatten.

Wilfried W. zog sich öfter mal Boxhandschuhe an

Einen Monat nach der Trauung sei der Körper der Frau »über und über mit blauen Flecken versehen« gewesen, heißt es im Urteil. Denn Wilfried W. zog sich öfter mal Boxhandschuhe an und schlug auf seine Frau ein. Mit der Begründung, er wolle die blauen Flecken durchbluten, damit sie

verschwinden, hielt er ihr dann einen Fön auf die Stellen – Verbrennungen waren die Folge.

»Diese Quälereien waren die Vorlage für das, was Jahre später im Horror-Haus in Bosseborn passieren sollte«, sagte Anwalt Peter Wüller in einer Verhandlungspause. Er vertritt die Mitangeklagte Angelika W., die zweite Ehefrau von Wilfried W. Das Paar soll Frauen eingesperrt und misshandelt haben, woran zwei Opfer gestorben sein sollen.

Er bis ihr Nase und Ohr blutig

In dem Amtsgerichtsurteil listete der Richter damals weitere schwere Taten auf. Eines Morgens bügelte die Ehefrau eine Bluse, um beim Arbeitsamt Paderborn einen guten Eindruck zu machen. Wilfried W. warf ihr vor, nur ihre eigenen Sachen zu bügeln, nahm das heiße Eisen und drückte es seiner Frau auf den rechten Unterschenkel und den rechten Unterarm.

Wenig später, als das Ehepaar mit dem Auto unterwegs war und die Frau nicht schneller als vorgeschrieben fahren wollte, biss Wilfried W. ihr Ohr und Nase blutig. Das alles geschah noch im Monat nach der Hochzeit, und die Frau trug sich mit dem Gedanken der Trennung. Doch Wilfried W. drohte, ihre Familie umzubringen, und so blieb das Opfer aus Angst bei ihm.

Die Demütigungen gingen weiter

Noch im August 1995 nahm Wilfried W. eine frühere Geliebte in die Wohnung auf. Die Ehefrau musste aus dem Schlafzimmer ausziehen und im Wohnzimmer übernachten. Die Demütigungen gingen weiter: Sie musste vor den beiden gefesselt tanzen und wurde jetzt von beiden geboxt – bis sie einen doppelten Nasenbeinbruch erlitt. Im September 1995, zwei Monate nach der Trauung, missbrauchte Wilfried W. seine Ehefrau unter den anfeuernden Rufen seiner Geliebten mit einem Plastikrohr und verletzte sie schwer. Damals galt das juristisch noch nicht als Vergewaltigung, und so kam Wilfried W. 1995 mit einer nach heutigen Maßstäben geringen Strafe davon.

Irgendwann fasste sich die Frau ein Herz und sprach doch mit ihrer Familie. Die ging sofort mit ihr zur Polizei.

Er nannte seine Frau »hysterisch«

Vor Gericht hatte die Ehefrau einen schweren Stand, denn der Angeklagte bestritt, wie auch jetzt im »Horror-Haus«-Prozess, jede Gewalt. Er nannte seine Frau »hysterisch« und sagte, sie habe sich »durch Ungeschicklichkeit« selbst verletzt. Auch die angeklagte Geliebte (sie bekam ein Jahr Haft auf Bewährung) wies dem Opfer die Schuld zu, und die Verteidigerin von Wilfried W. sprach damals von der »Rache einer verlassenen Ehefrau«.

Doch Amtsrichter Jens Gnisa ließ keinen Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Ehefrau aufkommen. »Das Gericht hat selten zuvor eine so eindrucksvolle und schlüssige Zeugenaussage erlebt«, schrieb er ins Urteil. Die Verletzungen der Frau stimmten in jeder Hinsicht mit ihrer Aussage überein. Es handle sich um eine intelligente Frau, die bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie Wilfried W. kennenlernte, »beschwerdefrei durchs Leben« gekommen sei. Der Richter verwies außerdem auf die Aussage einer Zeugin, die einen Blick ins Schlafzimmerfenster des Ehepaars erhascht und mitbekommen hatte, dass Wilfried W. die Frau aufgefordert hatte, vor ihm herzukriechen und zu rufen: »Ich bin dein Diener.«

»Mehr als der Mitläufer, als den er sich darstellt«

Verteidiger Peter Wüller sagte am Ende des 27. Verhandlungstages: »Wer heute dieses Urteil von 1995 gehört hat, kann keinen Zweifel mehr daran haben, dass Wilfried W. im Horror-Haus eine entscheidende Rolle gespielt hat und mehr als der Mitläufer war, als den er sich darstellt.«

 

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

Google-Anzeigen

© WESTFALEN-BLATT
Vereinigte Zeitungsverlage GmbH

Alle Inhalte dieses Internetangebotes, insbesondere Texte, Fotografien und Grafiken, sind urheberrechtlich geschützt. Verwendung nur gemäß der Nutzungsbedingungen.

Mehr zum Thema

Anzeige


http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5021074?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F4078537%2F