Di., 05.09.2017

30. Prozesstag im »Horror-Haus«-Prozess von Höxter-Bosseborn Zurück in Wilfrieds Welt

Wilfried W. hat sich nochmal geäußert - aber nur schriftlich.

Wilfried W. hat sich nochmal geäußert - aber nur schriftlich. Foto: Besim Mazhiqi

Von Ann-Christin Lüke

Höxter/Paderborn (WB). Es ist der 30. Tag im Prozess um das »Horror-Haus« von Höxter-Bosseborn. In die Verhandlung eingebracht wird ein Schreiben vom Angeklagten Wilfried W.

Darin schildert der Angeklagte seine Sicht der Dinge. Abermals rekapituliert er seine Kindheit und den sexuellen Missbrauch in seiner Jugend durch einen Ex-Partner seiner Mutter, aber auch durch einen Mithäftling während einer Haftstrafe in der Vergangenheit.

»Angelika hat mich kaputt gemacht«, schreibt der 49-Jährige über seine Mitangeklgate und Ex-Frau. Es sind kurze Sätze, die Richter Bernd Emminghaus vorliest. Ein Rundumschlag zum Prozessgeschehen der vergangenen Monate. Wilfried W. springt in seinen Aussagen. An manchen Stellen ist es schwer ihm zu folgen.

»Angelika wollte mich umbringen«, heißt es in dem Brief. Sie habe ihn immer wieder schlecht gemacht. Sie sei der Grund gewesen, warum seine nachfolgenden Beziehungen gescheitert seien.

»Ich vermisse sie, ich liebe sie heute noch«

Wilfried W. schildert, dass etwa Christel P. (eine Ex-Freundin, die mehrere Wochen in Bosseborn gelebt hat - und überlebte) ihm habe helfen wollen und ihn dazu gedrängt habe, Angelika W. zu verlassen.

Die Misshandlungen einer weiteren Ex-Freundin Kati K. habe Angelika durchgeführt. »Ich habe nie mit der Faust zugeschlagen.« Angelika habe Kati »volle Kanne« Staubsaugerrohr geschlagen. Er habe Bilder der Verletzungen gemacht, weil Angelika das so gewollt habe. Im Falle einer Anzeige hätte sie so etwas in der Hand gehabt.

Wenn er Susanne F. oder Anika W. (die beiden Todesopfer) habe helfen wollen, habe Angelika W. ihn eingeschlossen.

»Es war immer so, dass Angelika mich gelenkt hat. Das letzte Wort hatte immer sie.« Er habe Angst gehabt, allein zu sein, weil er keine Freunde gehabt habe, so der Angeklagte. Dies habe er Anika W. anvertraut. »Ich vermisse sie und liebe sie heute noch«, schreibt er über seine dritte Ehefrau und sein mutmaßliches zweites Todesopfer.

»Ich sage die Wahrheit. Es tut mir immer noch so weh und leid.« Er wolle keine Schuldzuweisungen, aber dies sei die Wahrheit. Angelika W. sei eifersüchtig auf Anika W. gewesen. Er habe sie mehrfach gefragt, ob sie etwas dagegen hätte, wenn seine Frau bei ihnen in Bosseborn einzöge. »Ich hatte schon ein wenig Angst.«

»Es tut mir so weh und leid«

»Ich sage die Wahrheit. Es tut mir immer noch so weh und leid.« Er wolle keine Schuldzuweisungen, aber dies sei die Wahrheit. Angelika W. sei eifersüchtig auf Anika W. gewesen. Er habe sie mehrfach gefragt, ob sie etwas dagegen hätte, wenn seine Frau bei ihnen in Bosseborn einzöge. »Ich hatte schon ein wenig Angst.« Auch habe er sie gefragt, ob sie ihm versprechen könne, das sie nichts mit Anika W. mache. Angelikas Antwort sei gewesen: »Lass mich in Ruhe... Wenn die Alte ihren Mund aufbekommt, dann ja.«

Angelika W. habe jede seiner Freundinnen beschimpft: »Schlampe, Tattoohure, Piss-Sau...«

Er schreibt, dass er von Anikas Tod durch Angelika W. erfahren habe. Es sei zu spät, habe sie gesagt, als er sie um eine Aussprache gebeten habe. Dann habe er ihre Leiche in der Badewanne entdeckt. Angelika habe ihm geschildert, dass es zum Streit zwischen den Frauen gekommen sei, in Folge dessen Anika W. mit dem Kopf auf den Boden gestürzt sei.

»Ich habe sie gehasst. Ich habe ihr gesagt: Stell dich der Polizei«, heißt es weiter. Angelika habe angeboten, dass er ein paar Tage wegfahre und sie sich um die Leiche kümmern würde.

Angelikas Abtreibung

Wilfried W. springt zwischen den Zeiten. Zum ersten Mal spricht er davon, dass Angelika W. sein Kind getötet habe. 2010 habe sie eine Abtreibung vorgenommen. »Ich will kein Kind. Ich hasse Kinder«, habe sie gesagt.  Sie habe ihre Mutter um Geld für eine Abtreibung gebeten, diese habe aber einen Enkel gewollt und dies deshalb verweigert.

In Amsterdam habe sie eine Klinik gefunden. Das Kind sei gesund gewesen. Im vierten oder fünften Monat habe sie »das Kind kaputt schneiden« lassen. Sie sei zu ihrem Kind so brutal gewesen, wie zu seinen Hunden.

Das Kind sei ein Mädchen gewesen. Sie habe ihn erpresst, damit er die Abtreibung bezahle. Ansonsten hätte sie Lügen über ihn erzählt.

Die Alkohol-Lüge

»Ich habe immer für andere gelebt«, geht es nach einer kurzen Pause weiter. Es sind weitere Briefe an den psychologischen Gutachter gerichtet worden, möglich, dass auch diese am heutigen Verhandlungstag in der Verhandlung eingebracht werden.

In der JVA sei es für ihn schwer »ohne Alkohol klarzukommen«, schreibt er an den Gutachter und räumt ein Alkohol getrunken zu haben. Es ist schwer, einen Zusammenhang herzustellen. In der JVA würde heimlich Alkohol gebrannt von den Mithäftlingen, schreibt der Angeklagte. »Der Alkohol ist mein bester Freund.«

Er räumt ein, dass er Angelika W. »Sachen hinterher geworfen« habe, sie auch an den Haaren gezogen habe, nachdem sie ihn getreten habe. Angelika habe ihm auch Drogen gegeben. Er und Anika hätten sie genommen aus Angst. »So ist Angelika. Sie wollte uns süchtig machen. Hat sie auch geschafft.«

Detlev Binder, Wilfried Ws. Anwalt, schaltet sich ein: Er möchte wissen, warum sein Mandant dies geschrieben habe, wo er weder Drogen nehme noch trinke. Wilfried räumt nach mehrmaligen Nachfragen ein, dass Mithäftlinge ihn auf die Idee gebracht hätten, um so das Gutachten zu verändern und eventuell das Urteil zu beeinflussen. Die Aussagen stimmen demnach NICHT.

Wilfried W. springt hin und her

Auch Richter Emminghaus kommt immer wieder ins Stocken während des Vorlesens. Angelika W. selbst scheint keine Probleme damit zu haben, die Schrift ihres Ex-Mannes zu lesen, und springt Hie und Da übersetzend ein.

Zum Tod von Susanne F.: Angelika W. habe ihm gesagt, er solle ein paar Tage wegfahren, damit sie Susanne F. »entsorgen« könne (gemeint sei gewesen, dass Susanne F. zurück gebracht werden sollte. Auf der Fahrt starb die Frau).

Wilfried W. wiederholt sich häufig. An manches, was er schon geschrieben habe, kann er sich demnach nicht erinnern. Das Schreiben springt zwischen den Zeiten, Partnerinnen und seinen persönlichen Umständen. Mehrfach betont Wilfried W. die Abtreibung, die Angelika W. hat vornehmen lassen.

Alles aus Angst?

Nach dem Kennenlernen 1999 habe er Angelika W. sehr bald von seiner vorangegangenen Haftstrafe erzählt. Sie habe ihn in den Arm genommen und ihm versprochen, dass er nicht mehr zurück müsse. Er habe ihr auch seine Akte gezeigt, heißt es in dem Schriftstück.

Nun geht es um einen Brief an Richter Bernd Emminghaus. Darin schildert er vermeintliche Verletzungen durch die Mitangeklagte. Einmal habe er Anika helfen wollen, woraufhin Angelika W. seine Hand auf eine heiße Herdplatte gedrückt habe. Aus Angst habe er das Gift versteckt.

Angelika W. habe Glutamat ins Essen gemischt (Wilfried W. hat Gicht), oder gedroht, Rattengift ins Essen zu mischen. Angelika W. habe gesagt, sie sei das Hohe Gericht und er bzw. auch Anika W. müssten auf sie hören. Das Paar hätte kaum Zeit zu zweit gehabt.

Angelika habe den Kontakt zu seinen Kindern verhindert, schreibt der Angeklagte weiter (er hat zwei Kinder von zwei Frauen aus früheren Beziehungen).

Wilfried W. will ins Kloster

Angelika W. habe die katholische Kirche immer schlecht geredet. Aber er plane nun der Kirche beizutreten. Der Pfarrer in der JVA habe ihm sehr geholfen. Nach seiner Haft, so W., wolle er in ein Kloster. Sein Ziel sei es, Pfarrer zu werden.

Der Prozesstag endet um kurz vor 13 Uhr. Am nächsten Dienstag soll es weitergehen (9 Uhr).

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