Mi., 06.09.2017

Wilfried W. schweigt im Prozess, schreibt aber an Richter und Gutachter Briefe aus der Zelle

Von Christian Althoff

Paderborn (WB). Im »Horror-Haus«-Prozess hat der Vorsitzende Richter Bernd Emminghaus am Dienstag Briefe vorgelesen, die der Angeklagte Wilfried W. (47) an den Psychiatrischen Gutachter und ans Gericht geschrieben hat.

Es war anstrengend, dem Richter über Stunden zu folgen. Denn vieles von dem, was Wilfried W. oft ohne Satzzeichen handschriftlich zu Papier gebracht hat, steht weder in einem chronologischen Zusammenhang noch in einem sachlichen. Und manche Sätze haben überhaupt keinen Sinn, wie »Angelika sagt los Dusche macht« oder »Ich zeige sie an wollte das nicht wollte«.

Bernd Emminghaus hatte die Prozessbeteiligten und die Zuschauer vorbereitet, bevor er anfing zu lesen: »Das ist ziemlich ungeordnet und durcheinander. Da wird hin- und hergesprungen.« Und doch gibt es einen roten Faden, der sich durch alle Schriftstücke zieht: Wilfried W. beschreibt sich als hilfloses Opfer und die mitangeklagte Angelika W. (48) als brutale, eiskalte Täterin. »Ich habe Angst vor Angelika. Sie hat mein Leben kaputtgemacht. Sie hat mich seelisch kaputtgemacht.« An anderer Stelle heißt es: »Sie war immer der Mann zu unserer Freundschaft«, was wohl bedeuten soll, Angelika W. habe die Hosen angehabt. Er habe es nicht geschafft, sich von ihr zu trennen. In einem anderen Brief heißt es, er wolle Katholik werden und nach der Haft in ein Kloster gehen.

Gleich drei Mal beschreibt Wilfried W. in seinen Briefen, wie es 2010 zur Abtreibung der gemeinsamen Tochter gekommen sein soll. »Angelika hat mein Kind umgebracht«, klagt der 47-Jährige. »Sie hat mich gefragt, wie sie die Missgeburt loswerden kann. Sie sagte, es gibt genug Blagen, ich hasse sie, sie nutzen einen nur aus.« Angelika habe versucht, das Baby mit Stricknadeln zu töten. »Wir waren dann bei Frauenärzten in Detmold und Bad Lippspringe. Dem Kind ging es gut. Angelika hatte auch einen Mutterpass.« Sie habe ihre Mutter vergeblich nach Geld für die Abtreibung gefragt und sei dann mit seiner Kreditkarte nach Holland gefahren. »Sie hat das Kind dort töten lassen und für die Forschung freigegeben. So eine ist sie.«

Den Tod von Anika W. (33), Wilfrieds dritter Ehefrau, beschreibt Wilfried W. ganz anders, als Angelika W. das getan hatte. Sie hatte ausgesagt, die 33-Jährige sei im August 2014 draußen auf dem Hof gestürzt und mit dem Hinterkopf aufgeschlagen. Am nächsten Tag sei sie gestorben. In Wilfried W.s Briefen heißt es nun, er sei nicht zu Hause gewesen, als es passiert sei. Angelika habe ihm hinterher erzählt, Anika W. sei draußen gestürzt, habe geschrien und nicht aufstehen wollen. Da seien ihr, Angelika, »die Sicherungen durchgegangen«, und sie hätte Anika erwürgt. Dann hätte sie ihr Plastiktüten um die Beine gemacht, um keine Spuren zu hinterlassen, und die Leiche ins Haus geschleift. »Ich habe Angelika gefragt: Warum hast du sie mir genommen? Sie sagte, Anika war ein Messie, faul und gab Widerworte. Ich habe gesagt, ich habe sie geliebt wie sie war.« Ob diese Schilderung stimmt, lässt sich nicht mehr klären. Die Tote wurde damals offenbar zerstückelt und verbrannt.

Dass Wilfried W. nicht nur die Wahrheit aufgeschrieben hat, wurde klar, als er gestern auf Nachfrage seines Verteidigers Dr. Detlev Binder zugab, sich eine jahrelange und bis heute andauernde Drogen- und Alkoholsucht, die er in einem Brief ausführlich beschreibt, ausgedacht zu haben. »Ein Mithäftling hat mir das geraten«, sagte Wilfried W. kleinlaut.

Für das Gericht sind die Briefe von Belang, weil Wilfried W. seit März nicht mehr aussagt. Die Richter hoffen, aus den Schreiben seine Sicht der Dinge zu erfahren.

Am kommenden Dienstag, dem 31. Verhandlungstag, wird das Gericht SMS und Sprachnachrichten vorlesen, die Wilfried W. verschickt hat, bevor das Paar aufflog.

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