Di., 12.09.2017

Tag 31 im Bosseborn-Prozess: Angeklagte widerspricht Briefen ihres Ex-Mannes Angelika W.: »Ich sage die Wahrheit«

Anklagebank beim Prozess.

Anklagebank beim Prozess. Foto: Ann-Christin Lüke

Von Ann-Christin Lüke

Höxter/Paderborn (WB). Das »Horror-Haus« von Höxter Bosseborn hat schon lange den Besitzer gewechselt. Doch der Fall um die Foltermorde in dem Haus beschäftigt die Justiz noch immer. Es ist der 31. Prozesstag vor dem Landgericht Paderborn.

Zunächst darf die Angeklagte Angelika W. Stellung nehmen zu dem, was Wilfried W., ihr Ex-Mann und Mitangeklagter, verschriftlicht hatte.

»Ich habe ehrlich gestaunt, dass Wilfried so viel schreiben kann«, sagt sie. In ihrer gemeinsamen Zeit habe er ihr wenig geschrieben. Es sei eine Mischung aus »Teilwahrheiten«, die er für sich zum Positiven gewendet habe. Dass sie Wilfried geschlagen habe, entspreche nicht der Wahrheit.

Auch den Inhalt eines früheren Urteils habe sie nicht gekannt, betont die Angeklagte. Wilfried W. hatte zuvor geschildert, seine Ex-Frau habe seine f rüheren Misshandlungen an seiner ersten Ex-Frau als Druckmittel gegen ihn verwendet.

Angelika W. bleibt bei ihrer Aussage

Die Angeklagte bleibt bei ihrer Aussage: Für sie wäre es kein Grund gewesen, Anika W. (das vermutlich erste Todesopfer) körperlich anzugehen, wenn es nicht Wilfrieds Wille gewesen wäre. Deren Tod hatte Wilfried W. in seinen Briefen an den Gutachter ganz anders dargestellt, als die Angeklagte.

Zur Erinnerung: Die dritte Ehefrau des Angeklagten soll laut Angelika W. im August 2014 auf dem Hof in Bosseborn gestürzt sein und später an ihren Kopfverletzungen in einer Badewanne gestorben sein. Anschließend soll Angelika W. die Leiche zerstückelt und verbrannt haben. Beim ersten Versuch, sie zu zerteilen, sei sie gescheitert und heulend zu Wilfried gelaufen, schildert die Angeklagte.

Wilfried W. hatte zuvor geschrieben, dass er zum Zeitpunkt des Sturzes gar nicht zu Hause gewesen sei. Vielmehr hätte seine Ex-Frau ihm später erzählt, dass Angelika Anika nach dem Sturz gewürgt und getötet habe.

Angelika W.: »Es ist so passiert«

Den Sturz habe Wilfried W. möglicherweise nicht direkt mitbekommen, aber gehört, räumt Angelika W. ein. Er müsse das laute »Klatschen« gehört haben, da es eine stille Sommernacht gewesen sei.

Wilfried W. habe sich nach ihren Erinnerungen in der Scheune aufgehalten. Er sei es gewesen, der Anika W. zur Badewanne geführt und sie gefragt habe, ob es ihr gut gehe. (Dabei geht es auch um die Frage, ob der Tod Anika Ws hätte verhindert werden können oder ob die Angeklagten Hilfeleistungen unterlassen haben und ob die Mordvorwürfe der Anklageschrift haltbar sind)

Direkt danach hätten die Angeklagten miteinander gesprochen. Wilfried W. habe von ihr wissen wollen, warum, Anika W. in der Nacht das Haus verlassen hatte. Wochen später habe es auch Gespräche darüber gegeben, warum Anika W. gefallen sei. »Ich habe sie nicht fallen lassen. Ich weiß, dass hier viele unglaubliche Sachen zur Sprache kommen, aber es ist so passiert«, beharrt die Angeklagte. Wilfried W. habe ihr darin auch geraten, sich vielleicht der Polizei zu stellen.

Am Todestag von Anika W. habe sie zunächst ihre »Runde« gemacht und die Hühner gefüttert. Als sie nach Anika W. gesehen habe, sei diese wach gewesen. Gesprochen habe sie nicht mit ihr. Wilfried W. habe danach mit Anika W. gesprochen und ihr etwas gegen die Kopfschmerzen gegeben.

Fast 13.000 Audio-Dateien

Nun werden Inhalte von Telefongesprächen in die Verhandlung eingebracht. Insgesamt haben die Polizeibeamten wohl fast 13.000 Audio-Dateien gesichtet und ausgewertet. So gibt es eine Aufzeichnung eines Streites zwischen den Angeklagten und Anika W.

Dazu ist vermerkt, dass Angelika W. es wohl sichtlich genießen würde, Wilfried W. zu zeigen, was für eine schlechte Frau Anika W. sei. Wilfried W. mische sich immer wieder in das Gespräch ein, um zu beteuern, dass er unschuldig sei, heißt es in den Akten. Das Opfer wirke passiv und kaum in der Lage, sich zu wehren.

Richter Bernd Emminghaus liest das Gesprächsprotokoll, die Strafverteidiger Peter Wüller und Detlev Binder regen aber an, das Gesprochen anzuhören, um so auch Intonation und Lautstärke einfließen zu lassen.

Eine Liste voller Verfehlungen

Das Gespräch springt. Die Angeklagten reden auf ihr Opfer ein. Es geht darin um die Frage, ob Wilfried W. Anika W. gewürgt habe. »Habe ich dich geschlagen, gewürgt? Sei ehrlich!«, so Wilfried W. laut Wortprotokoll. Anika W. verneint. Angelika W. und Wilfried W. kritisieren ihr Verhalten. Sie solle nicht provozieren, so die Angeklagten. Sie solle mehr tun. Wilfried W.: »Bist du wieder faul, Anika, steh morgen bloß mit deinem fetten Arsch auf.« Angelika W. droht mehrmals damit, zur Polizei zu gehen.

Eine ganze Liste voller Verfehlungen, die Anika W. angeblich begangen haben soll, rattert die Angeklagte runter. Sie habe Wilfried W. fast mit einem Messer geschnitten, seinen Kopf im Bett gestoßen, den Hund vor seinen Füßen herlaufen lassen...

»Deutlich wirkt schon, dass Angelika W. mehr spricht«, ist das Fazit des Richters.

Zeugin B., die Zuhörerin

Nun wird die Kriminaloberkommissarin B. gehört, die die Dateien ausgewertet und auch das Gesprächsprotokoll zu oben genannter Aufzeichnung verfasst hat. Mehrere Wochen, mehrere Stunden täglich habe sie etwa 7500 Audiodateien, darunter etwa Sprachnachrichten, abgehört, so die Zeugin und dabei auch eine persönliche Einschätzung abgegeben. Sie habe die Stimme von Anika W. als schwach und niederschlagen empfunden.

»Angelika W. war die dominante im Gespräch. Sie hat hauptsächlich Anika W. fertig gemacht und ihr Vorhaltungen gemacht.« Wilfried W. sei zurückhaltend gewesen. »Es wirkte aber deutlich so, als sei er die treibende Kraft, die Ruhe haben möchte, und Angelika W. sei die ausführende Kraft«, so die Zeugin.

Sie hatte das Gefühl, das Gespräch sei aufgezeichnet worden, um zu dokumentieren, dass Wilfried W. keine Schuld treffe.

Für die Beteiligten schien es zum normalen Alltag zu gehören, dass Gespräche aufgenommen wurden.

Wilfried W. der Medizinstudent?

Da sie täglich die intensiven Gespräche dokumentiert habe, habe sie auch das Gefühl bekommen, die Beteiligten zu kennen. So habe sie einen guten Einblick in Wilfrieds Wesen erhalten. Er habe in Gesprächen mit verschiedenen Frauen sehr viel über seinen Tagesablauf berichtet. Er habe sich so dargestellt, dass er ein Gymnasiast sei, der ein Medizinstudium beenden musste, da er kein Blut sehen könne.

Er habe gegenüber einer Frau auch geäußert, dass er bei einem Wachdienst arbeite und so herausbekommen könne, wo sich diese befinde. Die Zeugin schildert. W. habe immer wissen wollen, wo sich die Gesprächspartnerinnen befunden haben sollen.

Frauensuche eine Säule der Familie W.

»Eine Säule des Familienlebens der Ws war, Wilfried eine Frau zu suchen«, schildert die Zeugin.

Wilfried Ws gesundheitliche Probleme (Gicht) seien ein weiteres großes Thema gewesen. Dabei habe er immer wieder darauf gepocht, dass die betreffende Partnerin dementsprechend kochen müsse.

Er habe den Frauen auch geschildert in welcher »desolaten finanziellen Situation« er sich befunden habe. Auch habe er Frauen darum gebeten, ihn finanziell zu unterstützen, damit er sich ein Auto kaufen könne.

»Es ging ihm eher um innere Geschichten, dass die Frau treu sein musste und das Sternzeichen passte«, beschreibt die Zeugin Wilfrieds Wünsche bei der Partnersuche. Er habe erwartet, dass sich die Frauen regelmäßig, auch nachts, meldeten.

Ein konservatives Beziehungsbild habe er gepflegt. Der Angeklagte habe schnell davon gesprochen, Mann und Frau zu sein. »Erschreckend schnell«, setzt die Zeugin hinzu. Ein Fazit der Kommissarin: Die Welt des Wilfried W. sei klein gewesen und sollte sich nur um ihn drehen.

Zeugin: »Es war wirklich anstrengend«

Wilfried W. sei manipulativ, hoch intrigant, unehrlich, sexistisch und rassistisch gewesen. Er habe sich eindeutig rassistisch geäußert gegenüber einer Partnerin, die eine Familie mit Migrationshintergrund als Nachbarn hatte. Der Kontrollzwang habe sich wie folgend manifestiert: So hätten die Frauen Kilometerstände mitgeteilt werden sollen, wenn die Frauen unterwegs waren.

Die ständigen Diskussionen, die sie gehört habe, seien nur schwer zu ertragen gewesen. Bei einem Fehlverhalten oder Kritik an seiner Person habe es Vorhaltungen und Beleidigungen des Angeklagten gehagelt. »Ich kann's nicht mehr hören«, habe sie schon als Zuhörerin empfunden. »Es war wirklich anstrengend.« Bei bestimmter Kritik an W. habe sie mit Angst und Schrecken weitergehört. »Zum einen wusste ich, zu was es geführt hat, zum anderen wusste ich, es hört nicht auf. Er hat einfach immer wieder angesetzt. Die Frauen sind beleidigt worden.«

»Laut dem was ich gehört habe, war Wilfried W. der Tonangebende, um den sich alles gedreht hat.« Angelika W. habe sich dahingehend versucht, als erste Frau zu behaupten, so der Eindruck der Zeugin. Sie habe aber wenige Audio-Dateien ausgewertete, in den Angelika W. zu hören gewesen sei.

»Wilfried W. weist eine emotionale Intelligenz auf«, die es ihm immer wieder ermöglicht habe, eine neue Frau zu finden, hat die Zeugin in ihren Ausführungen geschrieben. »Er hat schnell filtern können, welche Frau das zulässt«, erklärt sie.

Der Prozess endet gegen 12.15 Uhr. Am nächsten Prozesstag sollen weitere Gespräche verlesen und/oder gehört werden.

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