Di., 10.10.2017

Tag 32. im Bosseborn-Prozess: Gericht lässt Audiodateien vorspielen Schimpftiraden in der Küche

Foto: Ludmilla Ostermann

Von Ludmilla Ostermann

Paderborn/Höxter (WB). Am 32.Verhandlungstag im Prozess um das »Horror-Haus« von Höxter-Bosseborn lässt das Landgericht Paderborn Audio-Dateien mit Stimmen der Angeklagten vorspielen, die Ermittler auf Handys gefunden hatten.

Zu Beginn der Verhandlung bringt Wilfried W.s Anwalt Detlev Binder einen Antrag ein. Er will, dass alle auf einem Handy im »Horror-Haus« gefundenen Audiodateien abgespielt werden. Insgesamt handele es sich dabei um 12817 Dateien. Es sind Gespräche zwischen dem Angeklagten und diversen Frauen. Dies soll zeigen: Er ist auf der Suche nach der Liebe. Die Dateien zeichneten das Bild eines verunsicherten Mannes. Seine Art dies zu tun, erinnere an die simple Gedankenstruktur eines Förderschülers.

Nun meldet sich Angelikas Anwalt Peter Wüller zu Wort: »Dieser Antrag zwingt Angelika W. dazu, eine Stellungnahme abzugeben.« Dies gelte, wenn die Kammer dem Antrag Binders folgen würde. Wenn Wilfried sich darstelle als kleinen Jungen auf der Suche nach Liebe und Anerkennung, könne die Angeklagte das nur geschmacklos nennen. 

Streitgespräch in der Küche

Zu hören sind die Angeklagten und das spätere Opfer Anika W. Das Gespräch datiert aus dem April 2014. Inhaltlich geht es um die Verfehlungen von Anika W. Immer wieder werfen Angelika und Wilfried W. ihr vor, für Unfrieden im Haus zu sorgen. Warum sie Wilfried überhaupt geheiratet habe, ob sie ihn verlassen wolle, fragen sie. »Nein« ist die Antwort von Anika. Insgesamt sind die Tonaufnahmen schwer zu verstehen. Die Angeklagten reden schnell.

Die nächste Audiodatei ist vom Februar 2014. Diesmal ist im Vordergrund die Angeklagte zu hören. »Mach«, ruft Angelika aufgebracht, als das spätere Opfer eine Aufgabe zu langsam erledigt. 

»Wie ein kleines Blag«, schimpft Angelika auf einer weiteren Datei, als Anika offenbar etwas Falsches gesagt hat. »Du hast dein Mundwerk nicht unter Kontrolle«, wirft sie ihr vor. An Wilfried gewandt fragt sie: »Soll ich die Scheidung etwa einreichen?« Anika lege es jeden Tag darauf an. »Ich wüsste nicht einen Tag, an dem es keine Diskussionen gegeben hat«. Auch der Ton zwischen den beiden Angeklagten ist rau.

Die Angeklagten verhöhnen das Opfer. Nicht einmal stehen könne sie. Wohl weil sie zu viel esse. »Du hast doch sonst einigermaßen Geschmack gehabt«, sagt Angelika zu Wilfried. Die beiden lachen.Über mehrere Minuten geht es darum, dass Anika »knibbelt«. Das missfällt Angelika sehr. »Irgendwann hat se sich mal totgeknibbelt«, kommentiert sie.

Auffällig: Angelika übernimmt die Gesprächsparts von Anika. »Ja Hase, da hast du Recht«, imitiert die Angeklagte das spätere Opfer. »Sie bleibt ja stumm«, begründet Angelika dies. 

Warum die Aufnahmen?

Weshalb alles aufgenommen wurde, stundenlang, fragt Richter Bernd Emminghaus. Zum Beweis, erklärt die Angeklagte. »Ich habe das ins Lächerliche gezogen, um nicht ins Brutale zu verfallen.« Sie habe ihr eine Chance geben wollen, weist Angelika der Frage aus. Emminghaus bohrt nach. Angelika: »Zu Anfang hat Wilfried mir gesagt, ich solle filmen. Dann hat es sich verselbständigt.« 

»Wenn man das so hört, klingen dominant. War das eine Intention, Beweise zu schaffen?«, fragt Emminghaus erneut nach. Die Angeklagte weicht aus, bleibt eine konkrete Antwort schuldig.

Anwalt Binder macht anhand der vorgespielten Dateien aus, Angelika habe zu 90 Prozent Gesprächsanteil. Obwohl es um Probleme gehe, die Wilfried habe mit Anika klären können, habe sie sich die Gespräche zu eigen gemacht. Wilfried habe sich bei ihr über Frauen beklagt, erklärt die Angelika. Er sei es einfach leid gewesen, sich damit auseinanderzusetzen. 

»So eine faule Kuh«

Nach einer Pause schauen sich die Prozessbeteiligten Handyvideos an. Die stammen ebenfalls aus dem »Horror-Haus«. Die Bilder bleiben den Vertretern der Presse verborgen. Zu hören ist der Ton der Aufnahme aus dem März 2014. »So eine faule Kuh«, nennt Angelika das spätere Opfer Anika W. Die Angeklagte wirkt aggressiv, schreit, beschimpft ihr Gegenüber. 

Die letzte Datei datiert von einer Woche vor dem Tod von Anika W. Lediglich die Stimme der Angeklagten ist laut zu hören, recht dumpf sind die Antworten des späteren Opfers.  Auch der Inhalt ist schwer verständlich, offenbar geht es um einen Joint, den Anika offenbar rauchen will. Dazu stellt die Angeklagte fragen: »Wie oft willst du das jetzt rauchen?«

Ob Misshandlungen wie die von der Angeklagten als »Deckenalte« eingeführte Strafe gefilmt wurden, will Richter Emminghaus wissen. Das verneint die Angeklagte. »Soweit ich weiß, hat er das auch mit keiner anderen Frau gemacht.«

Die Verhandlung ist beendet. In der nächsten Sitzung am 24. Oktober werden erneut Gespräche von Datenträgern verlesen. 

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