Di., 14.11.2017

Prof. Dr. Michael Osterheider sagt im »Horror-Haus«-Prozess über Wilfried W. aus Kommt ein neues Gutachten?

Er soll als Zeuge gehört werden: Gutachter Prof. Dr. Michael Osterheider

Er soll als Zeuge gehört werden: Gutachter Prof. Dr. Michael Osterheider Foto: Besim Mazhiqi

Paderborn/Höxter (WB/ca/acl). Es ist der 34. Verhandlungstag im »Horror-Haus«-Prozess. Das Interesse ist groß, denn Gutachter Prof. Dr. Michael Osterheider sagt als Zeuge über Wilfried W. (47) aus. Und der ist bei den Verteidigern nicht ganz unumstritten.

Sein Gutachten wird an diesem Prozesstag nicht direkt eingebracht. Im Raum steht noch der Antrag der Verteidigung, 12.817 Audiodateien, die auf Wilfried W.s Handy gefunden wurden und Gespräche mit Frauen wiedergeben, zu hören. 

Termin 2018

Wie Richter Bernd Emminghaus zu Beginn des Prozesstages verkündete, wird der Fall in diesem Jahr wohl kaum abgeschlossen. Deshalb hat das Gericht bereits erste Termine für 2018 festgelegt. Im neuen Jahr soll es am 9. Januar weitergehen.

Dr. Detlev Binder und Dr. Carsten Ernst, die Verteidiger des Angeklagten, sind zudem nicht gut auf Prof. Osterheider zu sprechen. Binder hatte ihm zum Prozessbeginn vor einem Jahr unwissenschaftliches Arbeiten in anderen Prozessen vorgeworfen und vergeblich versucht, den Gutachter aus dem Verfahren zu kegeln.

Deshalb werden die beiden Verteidiger ganz genau hinhören, was Osterheider zu sagen hat. »Wenn er Behauptungen aufstellt, die aus unserer Sicht zweifelhaft sind, werden wir einen weiteren Gutachter beantragen«, sagte Dr. Carsten Ernst vor dem Prozesstag dem WESTFALEN-BLATT.

In einem vorläufigen schriftlichen Gutachten, das seit einigen Wochen vorliegt, geht Prof. Osterheider davon aus, dass Wilfried W. voll schuldfähig ist. An einer Stelle ist von »sexuellem Sadismus« die Rede.

16 Stunden gesprochen

Insgesamt 16 Stunden hat Osterheider mit dem Angeklagten Wilfried W. verbracht, um sein Gutachten zu erstellen. Er beruft sich an diesem Tag auf Notizen, die in diesem Zusammenhang entstanden sind.

In den Gesprächen habe Wilfried W. bestritten gewalttätige sexuelle Fantasien gehabt zu haben. Angelika W., Mitangeklagte und Ex-Frau, habe härter angefasst werden wollen und sie habe ihn geführt. Er habe sich führen lassen. Am Anfang habe das gepasst. Aber dann seien ihm Zweifel an der Beziehung gekommen.

Er habe Angelika aber nicht auf die Straße setzen können, da er Angst habe, allein gelassen zu werden, liest der Gutachter vor. Auch nicht, als sie Beziehungen zu anderen Frauen für ihn beendete. Sie sei »massivst eifersüchtig« gewesen.

Sein Fehler sei sein schwacher Willen gewesen. Das betonte der Angeklagte mehrfach in den Gesprächen, so der Gutachter. 

Wilfrieds Werdegang

Auch um den Werdegang des Angeklagten ging es in den Gesprächen, liest Osterheider vor. 

Osterheider umreißt nochmals den Lebenslauf. Ab der dritten Klasse habe W. Probleme gehabt, er sei gehänselt worden, so der Angeklagte in den Gesprächen. Dies habe sich von der Grundschule bis zum Besuch der Sonderschule durchgezogen. In der Schule habe er häufig »dazwischen gequatscht«, sich aber ansonsten gut mit seinen Lehrern verstanden. 

Sein Vater sei ein Lebemann gewesen, schilderte W. laut Osterheider. W. habe sich von seinem Vater nie akzeptiert gefühlt. Nach der Trennung vom Vater, der gewalttätig gewesen sein soll, habe seine Mutter einen neuen Lebenspartner kennengelernt.

Erneut werden die angeblichen sexuellen Übergriffe dieses Mannes thematisiert. Insgesamt sei er etwa sechs Mal missbraucht worden, wenn die Mutter aus dem Haus gewesen sei.

Er habe ihm gedroht, die Mutter zu verlassen, würde W. etwas sagen.

Erste sexuelle Kontakte mit einer Frau habe W. mit 18 gehabt. Es sei eine deutlich ältere Frau gewesen. Die Beziehung habe W. als »komisch« empfunden.

W. erinnerte sich zudem an eine frühere Freundin. Diese Beziehung sei schön gewesen. Wäre diese Frau nicht weggezogen, säße er heute nicht hier, so der Angeklagte laut Osterheiders Notizen.

Misshandlungen von 1995

Zum zweiten Vorgespräch erinnert sich Osterheider: Der Angeklagte habe »sehr freundlich« gewirkt. In diesem Gespräch thematisierte der Angeklagte vor allem (sexuelle) Gewalt durch seinen Vater, Stiefvater (siehe oben) und während seiner Haft in der JVA Detmold.  Er war 1995 wegen gefährlicher Körperverletzung zu zwei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt wurde – weil er seine erste Ehefrau zusammen mit einer Geliebten erniedrigt und gequält hatte.

Wie es aus seiner Sicht zu seiner Verurteilung in den 90er Jahren kam, erzählte W. dem Gutachter auch. Seine erste Frau habe er via Kontaktanzeige kennengelernt, während er noch Kontakt mit seiner Geliebten M. gehabt habe. Dies habe sie eifersüchtig gemacht.

Die Frauen hätten sich häufig gestritten. Dies sei von seiner damaligen Frau ausgegangen. Zur Eskalation sei es gekommen, als die Frau sich selbst ein Gummirohr in die Vagina eingeführt habe. Sie habe härteren Sex gewollt, so W., der dem Gutachter schilderte, zur anschließenden Anzeige sei es nur gekommen, weil sich seine Ex-Frau an ihm rächen wollte. »Er wollte ganz offensichtlich nicht darüber nicht sprechen«, so Osterheider. Weitere Einlassungen habe es nicht gegeben.

Laut Urteil missbrauchte Wilfried W. seine Ehefrau unter den anfeuernden Rufen seiner Geliebten mit einem Plastikrohr und verletzte sie schwer. Damals galt das juristisch noch nicht als Vergewaltigung, und so kam Wilfried W. 1995 mit einer nach heutigen Maßstäben geringen Strafe davon.

Wieso Bosseborn?

Das Leben in Bosseborn habe er unterschätzt, gab W. in den Gesprächen an. Osterheider hatte wissen wollen, warum das Paar nach Höxter-Bosseborn gezogen sei, da dies ein sehr überschaubarer Ort sei, in dem jeder jeden kenne.

Er habe nicht damit gerechnet, dass die Situation dort so eskaliere. Er habe in dieser Zeit viel Alkoholgetrunken, so W. gegenüber Osterheider. Und auch Drogen genommen. Da er keine Angaben zur genauen Einnahme machen konnte, merkt der Gutachter an, diese Aussagen hinterfragen zu müssen.

Der Angeklagte gab in den Gesprächen auch an, dass seine Mitangeklagte ein sexuelles Interesse an den Frauen gehabt habe, die eine Beziehung mit ihm eingegangen seien.

Angelika »sei immer auf Gewalt aus« gewesen. Von seiner Seite aus sei es »lediglich zu Ohrfeigen und blauen Flecken« gekommen. Er habe Susanne F. (das zweite Opfer) ins Krankenhaus bringen wollen. Heute sehe er ein, dass er die Polizei hätte rufen müssen.

Wünsche für die Zukunft

Er sei von ihr angeekelt gewesen, aber sie sei eine sichere Nummer gewesen, da er nicht alleine sein wolle, so W. in den Gesprächen über seine Mitangeklagte. Sie habe gewollt, dass er wie ein Callboy Geld von den Frauen bekomme.

Eine Therapie lehnt der Angeklagte indes ab. Lieber wolle er nach dem Prozess in einer JVA als in einer psychiatrischen Anstalt untergebracht werden. Osterheider: Sein Wunsch sei es, lediglich zu 5 bis 10 Jahren verurteilt zu werden, er gehe aber davon aus, dass es 10 bis 15 Jahre werden. W. würde anschließend gerne in ein Kloster gehen. Und könne sich ein Leben ohne Sex und Partnerin vorstellen. Masturbation reiche auch.

Fragen an den Gutachter

»Sind seine Äußerungen widersprüchlich gewesen?«, möchte Richter Emminghaus vom Gutachter wissen. Er bezieht sich dabei auf dem Umstand, unter den Christel P. das Haus in Bosseborn verlassen hatte. Hier gibt es zwei Versionen: Die Angeklagten hätten die Frau rausgeschmissen an anderer Stelle gab Wilfried W. jedoch an, P. habe das Haus freiwillig verlassen, weil sie einen neuen Partner kennengelernt habe.

Die Widersprüche seien ihm zwar aufgefallen, aber eine konkrete Nachfrage könne er nicht erinnern.

Wie war seine Verfassung, nachdem Wilfried W. seine Aussage unterbrochen hatte? Er ansprechbar gewesen, so der Gutachter. Denn W hatte es abgelehnt weiter öffentlich auszusagen, erklärte sich aber zu Gesprächen mit Osterheider bereit. W. habe Ängste vor den Zuschauern geäußert. Er hätte das Gefühl, in einem falschen Licht dargestellt zu werden, schildert Osterheider.

Wie glaubwürdig ist Wilfried?

Peter Müller, Anwalt von Angelika W., geht auf die Angaben zum Alkohol- und Drogenkonsum ein. »War das für sie glaubhaft?« Dies verneint Osterheider. So habe er weder gewusst, wie etwa Crystal Meth eingenommen werde. Vielmehr geht Osterheider davon aus, dass W. dies auf Anraten von Mithäftlingen angegeben haben. Er habe dazugehören wollen.

Die Angaben zum sexuellen Missbrauch habe er nicht verifizieren können, auszuschließen sei es aber nicht. W. habe bei diesem Thema betroffen gewirkt.

Detlev Binder, Wilfried Ws Anwalt, möchte indes wissen, wie der Tod von Anika W. zur Sprache kam und welche Fragen gestellt und protokolliert wurden. Zur Erinnerung: Angelika W. hatte ausgesagt, diese sei schwer gestürzt, Wilfried W. hatte geschildert, seine Mitangeklagte habe seine dritte Frau erwürgt. Dies hatte W. in einem Brief an den Gutachter geschildert.

Binder moniert, dass der Gutachter den Inhalt dieses Briefes nicht wiedergeben könne. Oberstaatsanwalt Ralf Meyer schaltet sich ein und weist daraufhin, dass der Brief Teil des Gutachtens sei, sodass Osterheider diesen auch gelesen haben müsse.

W. habe einmalig davon gesprochen, aber keine weiteren Antworten gegeben, so der Gutachter. 

Verwirrung um »Decken-Alte«

Dr. Nahlah Saimeh, die Gutachterin für Angelika W., geht auf die Bestrafung bzw. Sexualpraktik »Decken-Alte« ein. Dabei wurde Angelika W. nach ihren Aussagen in Decken eingewickelt, bis sie kaum Luft bekam. Während es bei Angelika um sexuelle Erregung gegangen sei, so der Gutachter, war es bei anderen Frauen als Bestrafung gedacht, um Ordnung ins Haus zu bringen und Regeln einzuhalten.

Angelika W. hatte bisher ausgesagt, dies sei eine Bestrafung, die ausschließlich ihr vorbehalten gewesen sei. Dies bekräftigt sie auch jetzt nickend. Osterheider kann auf Nachfragen Binders aber keine konkreteren Beweise dafür liefern, dass auch anderen Frauen die Luft abgeschnürt worden sei.

Es wird lauter: Detlev Binder kritisiert, dass diese Schilderungen nicht im Gutachten aufgeführt sei. »Das ist schlampiges Arbeiten«, so der Anwalt, der auch seinen Mandanten kurz anherrscht, als dieser wiederholt unruhig auf ihn einredet. An einer Stelle sei die Rede davon, dass »Decken-Alte« Angelika W. sexuell befriedigt hätte, an anderer Stelle nicht, so Binder.

Binder stellt Antrag

»So einen Gutachter kann man nicht gebrauchen«, schlussfolgert Binder und will einen schriftlichen Antrag formulieren. Wenn er darin ein neues Gutachten einfordern sollte, dürfte das den Prozess weiter in die Länge ziehen.

Ob der Antrag Erfolg hätte, ist aber schwer abzuschätzen. Zunächst gibt es erstmal eine Pause, in der Binder seinen Antrag verschristlichen will. Danach wissen die Prozessbeteiligten mehr.

Die Pause ist gegen 14 Uhr vorbei. Es kommt, wie es kommen muss: Detlev Binder beantragt einen neuen Sachverständigen und ein neues psychologisches Gutachten für seinen Mandaten: Es fehle Prof. Dr. Osterheider »erkennbar an Kompetenz für die Erstellung eines Gutachtens«, heißt es dort. »Im Zuge der Befragung traten Widersprüche auf.« Der Sachverständige habe berichtet, dass W. »Decken-Alte« auch mit anderen Frauen vollzogen habe. Auf Bitte Namen zu nennen, seien keine genannt worden, so Binder. Auf Nachfragen soll Osterheide gesagt haben, dass er nun mit einer Frau »Decken-Alte« vollzogen habe.

Zudem wirft Binder dem Gutachter vor widersprüchliche Aussagen im Bezug auf sein Gutachten getätigt zu haben. So habe Angelika es sexuell nicht als erregend empfunden gewürgt zu werden, sagte Osterheider demnach. Im Gutachten stehe jedoch etwas anderes. 

»Der Sachverständige widerspricht sich in einem fort«, schließt Binder seine Ausführungen. Offenbar willkürlich würden widersprechende Sachverhalte zugrunde gelegt.

Auch Wilfried W. hat die Pause zum Schreiben genutzt: »Decken-Alten habe ich noch nie gemacht, bei keiner Frau. So was habe ich noch nie gemacht. Ich bin nicht schlau, weiß aber, was ich gesagt habe«, so der Angeklagte. 

An diesem Tag wird es keine Entscheidung zu diesem Antrag geben. So soll Prof. Dr. Osterheider dazu noch Stellungnahmen, ebenso wie die Staatsanwaltschaft.

Kommentare

Protest gegen Osterheider

Gut, dass mal jemand öffentlich die Praktiken dieses Gutachters anprangert! Und Respekt vor Ihren Blatt, das sich nicht scheut, dies zu drucken.

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