Mi., 15.11.2017

»Horror-Haus«: Gutachter verstrickt sich in Widersprüche Prozess steht auf der Kippe

Prof. Dr. Michael Osterheider aus Regensburg wird von mehreren Prozessbeteiligten kritisiert.

Prof. Dr. Michael Osterheider aus Regensburg wird von mehreren Prozessbeteiligten kritisiert. Foto: Besim Mazhiqi

Von Christian Althoff

Paderborn (WB). Nach 34 Verhandlungstagen steht der »Horror-Haus«-Prozess auf der Kippe. Grund ist der Auftritt des Gutachters Prof. Michael Osterheider. Er irritierte am Dienstag die Verteidiger und die Anwälte der Nebenkläger, aber auch der Vorsitzende Richter äußerte sich missbilligend.

Osterheider verstrickte sich nicht nur in Widersprüche , er schilderte auch bislang unbekannte Verbrechen, die Wilfried W. angeblich begangen haben soll und von denen bisher keiner der Prozessbeteiligten etwas gehört hatte. Das ließ auch Wilfried W. aufschrecken. In einer Verhandlungspause schrieb er ohne Wissen seiner Anwälte einen Brief an den Vorsitzenden Richter Bernd ­Emminghaus. Darin heißt es wörtlich: »Was Herr Osterheider da sagt stimmt nicht. Ich bin nicht schlau weiß aber genau was ich ihn gesagt habe.«

Verteidiger Dr. Detlev Binder warf Osterheider »grob schlampiges Arbeiten« vor und beantragte, einen anderen Gutachter zu beauftragen. Ob es überhaupt möglich ist, nach einem Jahr einen neuen Experten in die Verhandlung zu holen, ist unklar. Der Prozess könnte platzen.

Osterheider führte Gespräche mit dem Angeklagten

Prof. Osterheider sollte am Dienstag als Zeuge über Gespräche berichten , die er mit Wilfried W. in der Justizvollzugsanstalt Detmold geführt hatte. Osterheiders Aussage war unspektakulär, doch als er anschließend von den Prozessbeteiligten befragt wurde, kamen die aus dem Staunen nicht mehr heraus. Für alle überraschend behauptete Osterheider, Wilfried W. habe ihm gegenüber zugegeben, außer Angelika W. noch andere Frauen sanktioniert zu haben, indem er eine Decke auf sie gedrückt und sich daraufgesetzt habe, um ihnen die Luft zu nehmen. Dr. Binder brauste auf. »Wenn mein Mandant das gesagt haben sollte, warum steht das dann nicht in Ihrem Gutachten? Und warum haben Sie das eben in ihrer Zeugenaussage nicht gesagt?«

Osterheider versuchte zurückzurudern und sagte, es sei wohl nur »ein Fall« gewesen, in dem Wilfried W. das getan habe. Warum der nicht im Gutachten steht, konnte er nicht erklären.

Auf weitere Nachfragen behauptete der Gutachter, Wilfried W. habe ihm gesagt, diese Methode des Quälens habe ihn »sexuell erregt«. Auch diese angebliche Aussage des Angeklagten findet sich nicht in Osterheiders schriftlichem Gutachten – im Gegenteil. Dort heißt es, Wilfried W. habe angegeben, von Gewalt nicht sexuell erregt zu werden.

Verteidiger und Richter sind irritiert

Entscheidende mutmaßliche Angaben des Angeklagten, die der Gutachter erst auf Nachfragen preisgibt – das irritierte nicht nur den Verteidiger. »Ich würde schon erwarten, dass so etwas im Gutachten steht«, sagte der Vorsitzende Richter Bernd Emminghaus.

Widersprüche gab es auch an anderen Stellen. So erklärte Osterheider mehrfach, Wilfried W. habe ihm gesagt, er fühle sich von seiner Ex-Frau Angelika W. erpresst. Als deren Anwalt Peter Wüller nachfragte, worin denn die Erpressung bestanden haben soll, räumte Osterheider ein, Wilfried W. habe das Wort ›erpresst‹ gar nicht benutzt. »Er meinte wohl, sie wolle ihm schaden...«

Dr. Binder: »Wenn der Gutachter nicht einmal den Inhalt seiner Gespräche mit meinem Mandanten korrekt wiedergibt, wie sollen wir dann seinem Gutachten vertrauen?« Osterheiders Gutachten, das bisher nicht in den Prozess eingeführt wurde, ist mitentscheidend für die Frage, ob Wilfried W. neben einer Haftstrafe auch noch Sicherungsverwahrung droht.

Dass ein Verteidiger einen Gutachter ablehnt, kommt vor, aber diesmal ist die Front der Kritiker breiter. Anwalt Christian Meybohm vertritt eine Frau, die im »Horror-Haus« überlebt hat und sagt: »Mit so einer schwachen Leistung eines Gutachters habe ich nicht gerechnet. Wenn der Gutachter im Prozess bleibt, ist nicht sicher, ob das Urteil Bestand hat.« Nebenklage-Anwalt Roland Weber sprach von »unerklärlichen Widersprüchen«. Und Peter Wüller, der Anwalt von Angelika W., sagte, nach diesem Auftritt Osterheiders sei dessen Gutachten hinfällig. »Ich vermute, dass die Schwurgerichtskammer in ihrem Beratungszimmer explodiert ist.«

Gericht entscheidet in nächsten zwei Wochen über Antrag

Über den Antrag Dr. Binders, einen neuen Sachverständigen zu beauftragen, will das Gericht in den nächsten zwei Wochen entscheiden.

Die Richter waren gewarnt: Schon zum Prozessauftakt hatte Binder den Gutachter abgelehnt, und dies unter anderem mit einem Urteil des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs begründet. Der schrieb 2016 in seinem Urteil 3 B 14.1431, Osterheider habe nach einem psychologischen Test die entscheidende Feststellung, dass bei einem Lehrer keine pädophile Neigung festgestellt werden konnte, »unterschlagen«. Und weiter: »Aufgrund des Verschweigens einer für den Kläger günstigen Feststellung vermag der Senat eine unabhängige bzw. unparteiische und vorurteilsfreie Begutachtung nicht zu erkennen.«

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