Fr., 17.11.2017

»Horror-Haus«: Im Streit um Gutachter hat Gericht mehrere Optionen Übernimmt Dr. Nahlah Saimeh?

Dr. Nahlah Saimeh am Rande des »Horror-Haus«-Prozesses im Gespräch mit Prof. Michael Osterheider.

Dr. Nahlah Saimeh am Rande des »Horror-Haus«-Prozesses im Gespräch mit Prof. Michael Osterheider.

Von Christian Althoff

Paderborn (WB). Nach 34 Verhandlungstagen steht der »Horror-Haus«-Prozess an einem Wendepunkt, weil massive Vorwürfe gegen den psychiatrischen Gutachter Prof. Michael Osterheider (61) aus Regensburg lautgeworden sind. Doch es gibt Hoffnung, dass die letzten 13 Monate nicht vergeblich verhandelt wurde.

In dem Verfahren, in dem es um den Tod zweier Frauen geht, soll Osterheider den Angeklagten Wilfried W. (47) begutachten. Als Osterheider am Dienstag als Zeuge zu seinen Gesprächen mit dem Angeklagten befragt wurde, geriet seine Aussage zum Desaster . Unter anderem behauptete der Gutachter, Wilfried W. habe ihm gegenüber weitere Taten gestanden, nämlich das Quälen von Frauen durch Beinahe-Ersticken, was ihn erregt habe – Fälle, von denen das Gericht bisher nichts wusste und die auch in Osterheiders schriftlichem Gutachten nicht auftauchen. Auf Nachfragen ruderte Osterheider zurück und sprach nur noch von »einem Fall«, doch der Angeklagte beteuert, dass auch das nicht stimme. Dem Gericht liegt nun seit Dienstag der Antrag des Verteidigers Dr. Detlev Binder vor, einen weiteren Gutachter zu beauftragen. Was bedeutet das, und welche Optionen hat die Schwurgerichtskammer?

Option 1

Das Gericht teilt die Bedenken der Verteidigung nicht und nimmt keinen zweiten

Prof. Michael Osterheider aus Regensburg Foto: Besim Mazhiqi

Gutachter ins Verfahren. Dann könnte die Verteidigung einen zweiten Antrag stellen und Osterheider wegen Befangenheit ablehnen. Das Gericht könnte auch diesen Antrag abweisen, weiterverhandeln und möglicherweise im Januar ein Urteil sprechen. Die Chance der Verteidiger, im Fall einer Verurteilung eine Revision durchzubekommen, stiege.

Option 2

Das Gericht könnte das Verfahren gegen Wilfried W. abtrennen. Dann würde der Prozess gegen die Mitangeklagte Angelika W. zuende geführt. In einem neuen Prozess mit einem neuen Gutachter stünde dann nur noch Wilfried W. vor Gericht, und Angelika W. würde als Zeugin gehört. Den Prozess würde wohl nicht mehr der Vorsitzende Richter Bernd Emminghaus führen, denn er geht voraussichtlich 2018 in den Ruhestand.

Option 3

Das Gericht nimmt in das laufende Verfahren einen zweiten Gutachter für Wilfried W. hinein. Prof. Dr. Michael Heghmans, Lehrstuhlinhaber an der Uni Münster und Vorsitzender Strafrichter am dortigen Landgericht: »Ein psychiatrischer Gutachter muss nicht zwingend an allen Verhandlungstagen im Prozess gewesen sein. Geht es nur um die Frage der Sicherungsverwahrung, kann er den Angeklagten untersuchen, die Akten zu seiner kriminellen Vorgeschichte auswerten und sein Gutachten erstatten. Ist aber die Frage der Schuldfähigkeit umstritten, wird es schwieriger. Dann spielt es auch eine wichtige Rolle, wie der Angeklagte sich anderen Menschen gegenüber verhalten hat. Die entsprechenden Zeugen müssten dann noch einmal gehört werden.« Der Prozess würde etliche Monate länger dauern.

Option 4

Das Gericht beauftragt die Gutachterin Dr. Nahlah Saimeh (51), die für Angelika W. im Prozess sitzt, auch Wilfried W. zu begutachten. Das ist möglich, weil die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie in den vergangenen 13 Monaten auch jene Aussagen verfolgt hat, die sich auf Wilfried W. bezogen, und alle Akten kennt. Selbst wenn Wilfried W. es ablehnen sollte, sich von der Ärztin untersuchen zu lassen, hätte sie genügend Informationen, um Schuldfähigkeit und eine mögliche weitere Gefährlichkeit des Angeklagten zu beurteilen. Dr. Nahlah Saimeh ist Ärztliche Direktorin der Gerichtspsychiatrie in Lippstadt-Eickelborn und lehrt an der Uni Konstanz.

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