Mo., 10.08.2015

Landeskirche unterstützt ehrgeiziges, aber nicht unumstrittenes Projekt in Namibia Grundeinkommen für alle

Alfred Nuseb hat seinen Laden mit Hilfe des Grundeinkommens eingerichtet.

Alfred Nuseb hat seinen Laden mit Hilfe des Grundeinkommens eingerichtet. Foto: Duderstedt

Otjivero/Bielefeld (WB/bex). Ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle? Nicht im reichen Europa, in Namibia ist dies im Dorf Otjivero bereits Wirklichkeit. Die westfälische Landeskirche unterstützt das Vorhaben. Eine Delegation informiert sich derzeit vor Ort über das nicht unumstrittene Projekt.

Die Regierung von Präsident Hage Geingob (74), seit einem halben Jahr im Amt, hat sich die Bekämpfung der Armut auf ihre Fahnen geschrieben und dafür ein eigenes Ministerium geschaffen.  Ziel ist landesweit ein  Grundeinkommen, englisch Basic Income Grant (BIG).
 Im  Dorf Otjivero  gibt es das schon: Dort, 100 Kilometer östlich der Hauptstadt Windhoek,  erhält jeder Einwohner monatlich umgerechnet  acht Euro. Urheber dieses Pilotprojekts war 2008 die lutherische Kirche in Namibia. Ihr damaliger Bischof Zephania Kameeta (70) ist heute ebenjener Minister für Armutsbekämpfung.

Projekt auf Spendenbasis

In Otjivero wurde BIG mit Unterstützung  der Evangelischen Kirche von Westfalen (EKvW) verwirklicht.   Zwischenzeitlich kam das Aus, auch weil es an Spenden mangelte.  Jetzt  läuft   das Projekt auf Spendenbasis mit reduziertem Umfang weiter.

Eine Kirchenleitungsdelegation aus Bielefeld besucht  derzeit Otjivero und berichtet von positiven Erfahrungen. Zum Beispiel von Alfred Nuseb: Der 24-Jährige nenne sich stolz »Händler und Unternehmer«, berichtet Andreas Duderstedt, Sprecher der EKvW, aus Namibia.  Mit dem  Grundeinkommen habe Nuseb einen kleinen Laden aufgebaut. Dort gebe es Grundnahrungsmittel wie Mehl, Konserven oder Wasser,  Kosmetikartikel sowie Handy-Telefonkarten. Zu seinen Kunden zählten nicht nur die 3000 Dorfbewohner, sondern  auch Arbeiter  umliegender  Farmen.  Der Tagesumsatz liege bei 40 bis 50 Euro – genug, um seine Familie mit drei Kindern zu ernähren, einschließlich Schulgebühren, erzählt Nuseb. »BIG hat uns unsere Würde zurückgegeben«, erklärt Lehrer Stefan Eigowab der Delegation aus Bielefeld.

Kritiker argumentieren, ein bedingungsloses Grundeinkommen würde die Leute faul und bequem machen. »Trotz dieser Stütze ist in Otjivero keinerlei Entwicklung zu sehen«, urteilte 2012 die Allgemeine Zeitung in Windhoek, die einzige deutschsprachige Tageszeitung Afrikas. Aber auch außerhalb des Landes gibt es mächtige Gegner: die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds (IWF).  

Positive Auswirkungen

Die Bewohner von Otjivero sehen das  anders. Lehrer Eigowab: »Vorher herrschte eine depressive Grundstimmung.« Das sei heute vorbei. Mehr Geld sei im Umlauf, die Leute könnten kaufen und verkaufen. Die Kriminalität sei zurückgegangen, der Anteil der unterernährten Kind stark gesunken, die Beschäftigungsquote gestiegen, hieß es bereits bei vorigen Auswertungen. Aber auch diese Bilanzen sind umstritten.

»Ich bin nicht naiv«, sagt Minister Kameeta mit Blick auf den Widerstand. Großverdiener, von deren Steuer das Grundeinkommen wohl finanziert werden müsste, wehrten sich dagegen, erläutert Duderstedt. Namibia gehört weltweit zu den Ländern mit den größten Einkommensunterschieden.

Kommentare

Steuerrückfluss

Kritiker und Gegner eines Grundeinkommen sind unfair was die Finanzierung anbelang, weil sie verschweigen, dass das Grundeinkommen bei armen Menschen vollständig verkonsumiert wird, also in den Wirtschaftskreislauf gelangt und somit als Steuern zurückfließen.

Bei Menschen mit (hohen) Einkommen könnte man die Steuern so festsetzen, dass das Grundeinkommen sich neutral auswirkt, also nicht finanziert werden muss. Menschen mit (hohem) Einkommen brauchen gerade in Namibia das kleine Grundeinkommen nicht sie sollten es aber erhalten wegen der Bedingungslosigkeit.

1 Kommentare

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