Sa., 05.11.2016

Bielefeld: Neue Plakataktion des Naturkunde-Museums wirbt für kleine Krabbler Insekten sichern Ernährung der Welt

Dezernent Dr. Udo Witthaus, Dr. Isolde Wrazidlo, Dr. Hans-Dietrich Reckhaus und Wolfgang Kuhlmann, Arbeitsgemeinschaft Regenwald und Artenschutz (von links), wollen das Faszinierende, Interessante und Nützliche der Insekten verdeutlichen.

Dezernent Dr. Udo Witthaus, Dr. Isolde Wrazidlo, Dr. Hans-Dietrich Reckhaus und Wolfgang Kuhlmann, Arbeitsgemeinschaft Regenwald und Artenschutz (von links), wollen das Faszinierende, Interessante und Nützliche der Insekten verdeutlichen. Foto: Bernhard Pierel

Von Sabine Schulze

Bielefeld(WB). Insekten sind lästig, schädlich, übertragen Krankheiten und sind irgendwie igitt? Völlig falsch, sagt Dr. Isolde Wrazidlo, Leiterin des Naturkundemuseums: »Sie sind nützlich, wir können von ihnen lernen, und sie sind faszinierend.« Eine neue Plakatserie des »Namu« bricht eine Lanze für die Krabbler. Denn sie sind auch bedroht.

Die Plakate, mit denen die Namu-Schaukästen entlang der Stadtbahnlinie 4 bestückt sind, sollen dazu beitragen, Insekten mit anderen Augen zu sehen und den Wert der Vielfalt zu schätzen. Kooperationspartner der Aktion des Naturkundemuseums ist »Insect Respect«, das Gütesiegel für einen bewussten Umgang mit Insekten.

Für einen bewussten Umgang mit Insekten

Ins Leben gerufen wurde es von Dr. Hans-Dietrich Reckhaus – ausgerechnet, könnte man sagen. Denn der Bielefelder ist geschäftsführender Gesellschafter eines Unternehmens, das seit 60 Jahren Insektenvernichtungsmittel für Innenräume herstellt. »Meine Produkte töten täglich Tausende Insekten«, sagt er. 20 Jahre hat sich der Betriebswirt darüber nicht den Kopf zerbrochen, seit vier Jahren aber plädiert er für ein Umdenken.

Natürlich, niemand möchte Krabbler in den Lebensmitteln, Motten im Kleiderschrank und Mücken im Schlafzimmer. »Aber wir verbrauchen einfach zu viele Insektizide«, sagt Reckhaus. Er hat für seine Produkte berechnen lassen, wie stark sie in die Natur eingreifen. »Und diesen Schaden will ich kompensieren.« Das soll über Schutzräume für Insekten geschehen, etwa auf Flachdächern.

Wer also Reckhaus-Produkte mit dem Gütesiegel »Insect Respect« kauft, weiß, dass er zehn bis 20 Cent mehr bezahlt, dafür aber Ausgleichsflächen für Insekten mitfinanziert und so zum Erhalt der Vielfalt beiträgt. Tatsächlich, erklärt Wrazidlo, seien 40 Prozent aller Insektenarten in ihrem Bestand bedroht, vor allem durch Flächenversiegelungen. Sogar in Naturschutzgebieten habe man bereits einen enormen Rückgang festgestellt, ohne das Phänomen erklären zu können. »Das hat nicht nur Auswirkungen auf Vögel oder Fledermäuse, sondern auch auf uns.«

Die Larve der Schmeißfliege ist nützlich

Denn 75 Prozent aller Kulturpflanzen werden durch Insekten bestäubt – längst nicht nur durch Bienen, Hummeln und Schmetterlinge. Die Bartmücke etwa ist das einzige Insekt, das Kakaopflanzen bestäubt. Schokoladen-Freunde sollten sie also schätzen. Andere Mücken dienen etwa der Ernährung der Süßwasserfische.

Ameisen – »Für jeden Mist zu haben«, wie ein Plakat betont –, fungieren als Müllabfuhr auf sechs Beinen. Andere Insekten und Kotkäfer befreien unsere Umwelt von Exkrementen – »was die Ausbreitung von Krankheiten reduziert«, betont Wrazidlo.

Nützlich macht sich auch die Larve der Schmeißfliege: Sie wird in der Medizin bei Störungen der Wundheilung eingesetzt, weil sie wundes und abgestorbenes Gewebe wegknabbert, gesundes nicht antastet und nebenbei die Wunde desinfiziert. Auch ihr ist ein Plakat gewidmet. Und auch der Asiatische Marienkäfer hat Potenzial: Seine Körperflüssigkeit enthält antimikrobiell wirkende Substanzen, die womöglich einmal helfen, Medikamente zu entwickeln.

Auf diese und andere faszinierende Eigenschaften der Insekten wollen Wrazidlo und Reckhaus aufmerksam machen. »Die Bekämpfung der Insekten an sich ist ein Problem«, sagt Reckhaus. Langfristig möchte er seine gesamte Branche zum Umdenken bringen. Das Gütesiegel »Insect Respect«, weltweit einzigartig, darf jeder nutzen – egal ob Hersteller oder Händler von Insektiziden –, der sich an die Regeln hält und Insekten-Ausgleichsflächen schafft. Irgendwann, so Reckhaus’ Hoffnung, werde der Markt für Insektizide vielleicht halbiert sein, aufgeteilt unter einigen wenigen, dafür »respektvollen« Herstellern.

Wer mehr wissen will, kann im Namu an der Kreuzstraße das Buch »Warum jede Fliege zählt«, von Reckhaus verfasst, erwerben. Der Erlös kommt dem Museum zugute.

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