Mi., 30.11.2016

Wie digital muss Bildung sein? – Experten diskutieren in Bielefeld Wenn Roboter unterrichten

Roboter sollen in Kindergärten und Schulen zum Einsatz kommen.

Roboter sollen in Kindergärten und Schulen zum Einsatz kommen. Foto: dpa

Von Dietmar Kemper

Bielefeld (WB). Der Roboter steht vor der Klasse und im Kindergarten baut sein »Kollege« mit den Kleinen Türme aus Bauklötzen. Noch ist das Zukunftsmusik, aber längst wird erforscht, wie Roboter in Schulen und Kindergärten eingesetzt werden können.

Denn sie werden nicht müde, haben keine schlechte Laune, behandeln alle Kinder gleich und können ihr Wissen jederzeit abrufen. Über die Digitalisierung der Bildung diskutierten 30 Erziehungswissenschaftler, Psychologen, Informatiker und Sportwissenschaftler in der Universität Bielefeld. Der Ort war kein Zufall: Im Projekt »L2TOR« arbeiten Forscher am Bielefelder Institut Citec an einem Roboter, der Kindergartenkindern helfen soll, eine Fremdsprache zu lernen. Auch die Universitäten in Tilburg, Utrecht, Plymouth und Istanbul forschen im Rahmen eines EU-Projekts zu diesem Thema. »Kinder kommen sehr früh mit Technik in Berührung – es wäre falsch, das nicht zu nutzen«, sagte die Linguistin Katharina Rohlfing von der Universität Paderborn. Wenn Roboter so weit seien, dass sie Kinder individuell wahrnehmen und auf sie eingehen können, spräche nichts dagegen, sie als Spielpartner einzusetzen – »und nicht, um Erzieherinnen zu ersetzen«.

Der Bielefelder Informatikprofessor Stefan Kopp hält es für wichtiger, durch digitale Medien und Inhalte »den Unterricht zu verbessern, statt den Roboter-Lehrer zu bauen«. Assistenz statt Ablösung und Medienkunde schon im Kindergarten – so lautet sein Credo. Der Bielefelder Erziehungswissenschaftler Oliver Böhm-Kasper betont jedoch: »Ein guter Lehrer, der guten Unterricht macht, ist so gut wie die besten Lernprogramme.« Das belege die Erfahrung. Die Realität zeige aber auch, dass das Schulwesen in Deutschland von der totalen Digitalisierung noch weit entfernt sei: »Im Schnitt teilen sich zwölf Schüler einen Computer, und in den Schulen gibt es meist nur sechs Whiteboards.«

Weiterbildung eine Frage der Zeit und Anreize

Durch digitale Medien könnte der Unterricht zeitlich und räumlich flexibler werden, zuhause und in Gruppen außerhalb der Klassen ablaufen.

Das setzt die Bereitschaft bei Lehrern voraus, die neuen Medien zu akzeptieren und sich weiterzubilden. Bei einem flächendeckenden Einsatz fürchteten einige Lehrer, dass die Hierarchie auf den Kopf gestellt werde, wenn die Schüler besser Bescheid wüssten als sie, berichtete der Psychologe der Uni Frankfurt, Holger Horz. Andere wiederum sträubten sich, weil sie ihre Lehrerausbildung und ihr Berufsverständnis für das einzig richtige hielten, wieder andere, weil sie die bereits in den Schulen installierte Technik als unzuverlässig erlebten. Weiterbildung sei nicht zuletzt eine Frage der Zeit und der Anreize. Letztlich sei sie Privatvergnügen und werde nur gering bezuschusst.

Die Wissenschaftler zeigten sich einig, dass es nicht damit getan sei, Schulen nur mit Laptops zu bestücken. Konzepte für deren Einsatz seien mindestens genauso wichtig. Und es müssten Fragen beantwortet werden, wie Smartphones im Unterricht eingesetzt und gleichzeitig die Privatsphäre der Schüler und Lehrer gewahrt werden können. Oder die, ob Schüler tatsächlich sechs Stunden vor Bildschirmen sitzen sollten. Bundesbildungsministerin Johanna Wanka hatte im Herbst ein Fünf-Milliarden-Euro-Programm für digitale Bildung angekündigt. Böhm-Kasper wies darauf hin, dass Geld für Hardware kein Allheilmittel sei: »Eine Kreidetafel hält 20 bis 25 Jahre, ein Tablet ist nach fünf Jahren Schrott.«

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