Do., 18.05.2017

In der Neustädter Marienkirche haben die Orgelbauer das Regiment übernommen Geburt einer Königin

Teile des Außengehäuses, liegen im Kirchenraum. Hinter Ruth M. Seiler wächst die neue Orgel in die Höhe.

Teile des Außengehäuses, liegen im Kirchenraum. Hinter Ruth M. Seiler wächst die neue Orgel in die Höhe. Foto: Hans-Werner Büscher

Von Uta Jostwerner

Bielefeld (WB). Es duftet nach Holz. Hier wird gesägt, dort gebohrt. Überall liegen Eichenholzteile herum. Ja, hat sich denn die Neustädter Marienkirche in eine Tischlerwerkstatt verwandelt?

Ralph Trompler arbeitet am Spieltisch. Foto: Büscher

Ähnlichkeiten sind durchaus vorhanden. Denn die Orgelbauer der Bautzener Firma Eule, die derzeit mit dem Aufbau der neuen Orgel beschäftigt sind, widmen sich zunächst überwiegend den Holzarbeiten.

Die Orgel wächst in die Höhe. Die Lamellen der beiden Schwellwerke sind schon gut zu sehen. Auch die 32’ (Fuß) Pfeifen stehen schon an Ort und Stelle. »Sie bilden die Rückseite der Orgel. Man wird sie später, wenn man die Kirche durch das Westportal betritt, gut sehen können«, sagt Marienkantorin Ruth Seiler.

Beim Blick durch das Gerippe des Orgelgehäuses sieht man schon einen Teil der Traktur, also des Übertragungssystems von den Tasten des Spieltisches zum Ventilsystem in der Windlade. Schmale Holzleisten, die so genannten Abstrakten, bilden ein für den Laien schier undurchsichtiges Gewirr von Verstrebungen.

Doppelregistratur

Auch der dreimanualige Spieltisch steht schon an Ort und Stelle. Aktuell ist Orgelbauer Ralph Trompler damit beschäftigt, die Traktur zu montieren. Derweil übernimmt es Orgelbaumeister Norman Lohr, die elektronischen Elemente für die Register anzuschließen.

»Die Orgel erhält eine Doppelregistratur, eine mechanische und eine elektronische«, erklärt der Orgelbaumeister. In einem Seitenschiff bohrt Lukas Bartsch Löcher in Holzteile. »Die Teile sind für die Schwellmechanik«, sagt der Orgelbauer, der erst im Januar seine Gesellenprüfung abgelegt hat und als Gesellenstück die Pedalwindladen für die Orgel in Neustadt Marien gebaut hat.

Lukas Bartsch bohrt Löcher fürs Schwellwerk. Foto: Büscher

Acht Orgelbauer aus Bautzen, doppelt so viele wie vorgesehen, arbeiten seit Dienstag vergangener Woche am Aufbau der neuen Orgel, die zuvor im Montagesaal des Traditionsunternehmens Eule bereits einmal vollständig aufgebaut wurde. Zeitlich ist man in einen Rückstand geraten, der nun durch doppelte Mannschaftsstärke aufgeholt wird. Schuld ist Dresden, genauer der Neubau des Dresdener Kulturpalastes, der mit Verzögerung fertiggestellt wurde.

So konnte die Firma Eule, die die Orgel für den Kulturpalast baute, das Instrument auch erst später, nach Abschluss der Bauarbeiten, liefern und aufbauen. Nun hinkt Bielefeld ein wenig hinterher, da die Orgel für Neustadt Marien, deren 10 000 Bauelemente bereits im Januar weitgehend fertig waren, lange nicht im Montagesaal in Bautzen aufgebaut werden konnte.

Doch den Rückstand wird man aufholen können, der Einweihungstermin am Sonntag, 9. Juli, (10 Uhr Festgottesdienst mit der Präses; 17 Uhr Konzert) steht nicht infrage. Begeistert ist Ruth M. Seiler auch von der großen Hilfsbereitschaft vieler Gemeindemitglieder, die den Orgelbauern ihre Privatwohnungen zum Wohnen zur Verfügung gestellt haben. »Wir brauchten ja kurzfristig doppelt so viele Unterkünfte«, erklärt die Kirchenmusikdirektorin, für die der Traum von der neuen Orgel nach bald 20 Jahren Spendensammeln nun endlich in Erfüllung geht.

Aufgestockter Orgelsommer

Nach Pfingsten werden die Metallpfeifen aus Bautzen herbeigeschafft und schließlich kommen die Intonateure, die jede einzelne Pfeife stimmen. Mit dem neuen Instrument erhält Neustadt Marien eine große romantische Konzertorgel mit 46 Registern, Zimbelstern und Crescendowalze.

Carl-Christoph Jatzke streicht die Lamellen des Schwellwerks. Foto: Büscher

Ein Grund, den Bielefelder Orgelsommer erstmals über die gesamten Sommerferien auszudehnen. Die ersten drei Konzerte spielt Ruth Seiler persönlich, danach darf sich das Publikum mit Christoph Grohmann, Thomas Meyer-Fiebich und Rudolf Innig auf drei regional verwurzelte Größen freuen.

Die alte Kleuker-Orgel kommt überholt im französischen Saint Etienne zu neuen Ehren, wo sie am kommenden Sonntag, 21. Mai, um 16 Uhr mit einem Festakt eingeweiht wird.

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