Sa., 16.09.2017

Ex-Manager tritt zum ersten Mal seit Haftantritt in Bielefeld in einer Talksendung auf Middelhoff: »Heute überhole ich nur, wenn ich mit dem Fahrrad vom Gefängnis nach Bethel fahre«

Thomas Middelhoff.

Thomas Middelhoff. Foto: dpa

Bielefeld/Bremen/Düsseldorf (WB/acl). Er wirkt fast unscheinbar neben Bill und Tom Kaulitz von der Band »Tokio Hotel«, Komikerin Mirja Boes und der ehemaligen Biathletin Magdalena Neuner: Thomas Middelhoff hat sich zurück ins Rampenlicht gewagt. »Stellvertretend für alle Häftlinge in Deutschland«, wie er sagt.

Reaktion aus Düsseldorf

Der nordrhein-westfälische Justizminister Peter Biesenbach (CDU) ist auf die Kritik von Thomas Middelhoff an den Zuständen im Strafvollzug eingegangen. Middelhoff hatte in einem Buch (»A115 - Der Sturz«) die von ihm erlebten Zustände im Essener Gefängnis kritisiert, etwa das stinkende Klo in seiner Zelle.

Biesenbach sagte dazu der dpa: »Herr Middelhoff beschwert sich, dass das Klo in seinem Haftraum gestunken habe. Sehr gerne hätten wir ihm einen Lappen und Putzmittel zur Verfügung gestellt.« Während seiner Haftzeit in Essen hatte er sich laut Ministerium aber nicht darüber beschwert.

»Und die Aussicht von der Zelle auf den Freistundenhof ist nicht so schön wie der Blick auf das Meer an der Côte d’Azur«, ergänzte der Minister. »Das ist eben ein Gefängnis. Wenn es dort schöner wäre, wäre es auch keine Strafe.«

»Ich will die Öffentlichkeit darauf aufmerksam machen, welche Defizite wir in Deutschland in der Justiz haben«, kündigt Middelhoff zu Beginn der Sendung  »3nach9« an.  Er war im November 2014 vom Landgericht Essen wegen Untreue zulasten des ehemaligen Karstadt-Mutterkonzerns Arcandor zu drei Jahren Haft verurteilt worden. Derzeit verbüßt er den Rest der Freiheitsstrafe im offenen Vollzug in Bielefeld.

Der Entzug von Freiheit sei die schlimmste Strafe, die man einem Menschen zufügen könne. »Den Anzug Stück für Stück abzulegen, dann nackt in einer Kleiderkammer zu stehen und untersucht zu werden, ob man Drogen schmuggelt, das ist auch ein Stück weit traumatisierend«, schildert der Ex-Manager die Aufnahmeuntersuchung in der JVA.

Kritik gerät schnell in den Hintergrund

Doch seine Kritik an der Justiz gerät in der Talkrunde im NDR-Fernsehen dann doch eher in den Hintergrund. An der Person Middelhoff scheint kein Vorbeikommen zu sein. Schließlich sind mittlerweile zwei Bücher über das Leben des früheren Top-Managers erschienen.  Eine Autobiografie , in der der heute 64-Jährige mit der deutschen Justiz abrechnet, und eine  Biografie.

»Was in ihrem Buch fehlt, ist ein bisschen Mitgefühl mit jenen Leuten, die wenig verdient haben und die auch durch sie ihren Job verloren haben, die Lohnverzicht geübt haben, weil sie gehofft haben, dass das Unternehmen dadurch saniert wird«, geht Moderator und »Zeit«-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo mit seinem Gast hart ins Gericht. Dazu stehe keine Zeile in seinem Buch.

Mehr Dankbarkeit in Bethel erfahren

»Ja, ich war gierig«, antwortet Middelhoff schließlich. »Vor dem 14. November 2014 ( Anm. dem Tag seiner Verurteilung ) war ich ein völlig anderer Mensch.« Er habe ein Leben auf der Überholspur gelebt. »Heute überhole ich nur noch, wenn ich mit dem Fahrrad vom Gefängnis nach Bethel fahre.«

Die Arbeit in der dortigen Behinderteneinrichtung erfülle ihn. »Wenn ich heute Behinderten das Material an den Arbeitsplatz bringe, oder beim Toilettengang begleite oder mit ihnen Kettcar fahre, dann bekomme ich mehr Dankbarkeit als vom Eigentümer, nachdem ich ihm sein Eigenkapital versechsfacht habe.«

Kein Zurück

Einen Weg zurück ins Wirtschaftsmanagement sehe er nicht. Stattdessen wolle er sich nach seiner Haftstrafe sozial engagieren und weitere Bücher schreiben.

Wann das sein wird, könne er noch nicht sagen. Der Bielefelder hofft auf eine frühere Entlassung, weil er keine Vorstrafen hatte und sich im Gefängnis gut betragen habe. Dann ist eine Entlassung nach zweit Dritteln der verbüßten Zeit möglich. Das wäre am 24. November der Fall. Middelhoff: »Aber ich habe so viel mit der Justiz erlebt...« Andernfalls ende seine Haftzeit regulär am 24. November 2018.

In der ARD-Mediathek können Sie sich den Auftritt von Thomas Middelhoff noch einmal ansehen.

Kommentare

Der Bursche ist noch genauso mediengeil und arrogant wie früher. Beschämend. Auch die ehemaligen Arcandor- und Karstadt-Mitarbeiter, die ihren Job verloren haben, gehen ihm nach wie vor am Allerwertesten vorbei. Middelhoff kommt mir vor wie ein kleiner Junge, der bei Dummheiten erwischt wurde,dafür etwas "auf die Finger" bekommen hat und nun sein Fehlverhalten auf andere schiebt. Herr Middelhoff, Sie sind zu Recht verurteilt !! Merken Sie es eigentlich nicht, Ihre "Ach die Welt ist ja so schlecht zu mir-Masche" zieht nicht.


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