Fr., 22.09.2017

Uni-Präsident über die neue medizinische Fakultät in Bielefeld Prof. Sagerer: »Unser Budget muss wachsen«

Die Uni Bielefeld.

Die Uni Bielefeld. Foto: Thomas F. Starke

Bielefeld (WB). Jahrelang ist um eine medizinische Fakultät an der Universität Bielefeld gerungen worden. Seit dem  Regierungswechsel in Düsseldorf ist sie beschlossene Sache. Uni-Rektor Prof. Dr. Gerhard Sagerer ist seit jeher einer der größten Befürworter. Hans-Heinrich Sellmann hat mit ihm gesprochen.

Uni-Präsident Prof. Dr. Gerhard Sagerer Foto: Thomas F. Starke

Herr Professor Sagerer, wann werden an der Universität Bielefeld die ersten Medizin-Studenten begrüßt?

Prof. Dr. Gerhard Sagerer: Wir haben eine ambitionierte Planung, dass wir im Wintersemester 2021/22 mit den Erstsemestern beginnen können und möglichst auch mit den ersten klinischen Semestern. Das sind die Studierenden, die von außerhalb kommen, die ihre vorklinische Ausbildung woanders gemacht haben.

Wie viele Studenten werden es pro Semester sein?

Sagerer: Wir rechnen mit bis zu 300. Die genaue Zahl hängt von Kapazitätsrechnungen ab. Das ist ein relativ komplexer Prozess.

»Es werden um die 1500 Studierenden sein«

Und wo kommen die unter? Es wird ja mehr als ein Semester geben, und der Wohnungsmarkt für Studenten ist in Bielefeld zwar nicht dramatisch, aber eng.

Sagerer: Es werden um die 1500 Studierende sein. Mit Blick auf die Gesamtzahl von insgesamt 35.000 mit FH ist das überschaubar. Ich will das aber nicht klein reden. In den letzten Jahren hatten wir Entwicklungen, die tatsächlich herausfordernd waren. Gegenüber 2005 haben wir ein Drittel mehr Studierende. Damit ist Wohnen ein Thema. Ich bin überzeugt, dass das Studierendenwerk einen guten Job macht.

Seitens der Landesregierung hieß es, dass die Universität Bielefeld jetzt am Zug sei und ein Konzept für eine medizinische Fakultät vorlegen soll. Wie weit sind sie?

Sagerer: 2010 und 2011 gab es erstmals Diskussionen mit dem Resultat, dass die Uni Bochum ihre klinische Ausbildung nach Minden und Herford ausgeweitet hat und wir einen Forschungsfond von 600.000 Euro für Kooperationen erhalten haben. Seit der Zeit haben wir versucht, an den aktuellen Entwicklungen der medizinischen Ausbildung und an den Entwicklungen der medizinischen Fakultäten in Deutschland und im benachbarten Ausland dranzubleiben. Immer mit der Prämisse, dass wir vorbereitet sind, wenn sich ein Fenster für uns ergibt. In dem Zeitraum sind natürlich auch Ideen entstanden, die allerdings nicht weiter ausgeführt wurden.

Was müssen Sie jetzt konkret in die Wege leiten?

Sagerer: An einer systematischen Planung arbeiten wir seit der Koalitionsvertrag verabschiedet worden ist: Was müssen wir an Kliniken haben? Wie gewinnen wir diese Kliniken? Wie kann eine Studienstruktur aussehen? Wie integrieren wir Medizin in unsere Verwaltungs- und Service-Strukturen? Wo planen wir einen Bau für die medizinische Fakultät?

Wann muss das Konzept vorliegen?

Sagerer: Wir sind mit dem Ministerium im Gespräch. Wir erörtern Ideen. Es wird nicht so sein, dass wir in Bielefeld ein Konzept erarbeiten, das Ministerium weiß von nichts, und wir schicken es dann hin. Das ist ein gemeinsamer Prozess.

»Spätestens 2019 müssen die Verträge geschlossen sein«

Wie viel Zeit veranschlagen Sie für diesen Prozess?

Sagerer: Wir gehen davon aus, dass wir für nächstes Jahr Finanzmittel bekommen, um die Planungen intensiv voranzutreiben, dass wir bis Mitte des Jahres eine Studienstruktur stehen haben, dass wir die Klinikauswahl nächstes Jahr beginnen können – spätestens 2019 müssen die Verträge mit den Kliniken geschlossen werden. Das – von der Struktur bis zu den Finanzen – wird das Land vom Wissenschaftsrat begutachten lassen. Auch den Wissenschaftsrat werden wir um einen Begleitprozess bitten.

Stimmt es, dass das Rektorat eine Gründungsbeauftrage ernannt hat?

Sagerer: Wir haben Claudia Hornberg, Professorin für Umwelt und Gesundheit in der Fakultät für Gesundheitswissenschaften, für diese Aufgabe gewonnen. Sie ist Medizinerin und eine sehr gute Kennerin des Faches und der Medizin-Strukturen in OWL und darüber hinaus. Ihr Engagement freut mich sehr. 

»Die 50 Millionen sind keine Anschubfinanzierung«

Zuletzt war immer die Rede von einer Anschubfinanzierung in Höhe von 50 Millionen Euro.

Sagerer: Noch mal: Die 50 Millionen sind keine Anschubfinanzierung. Wir haben bisher nie über Anschubfinanzierung diskutiert, wir haben nie über Investitionen diskutiert, weil gerade wir auch keine Aussagen über Investitionen machen können, weil auch Investitionen in Kliniken notwendig sind. 50 Millionen wären nach unseren Vorstellungen das Jahresbudget für die medizinische Fakultät, wenn sie gestartet ist. Von einer Anschubfinanzierung war bislang noch nicht die Rede.

Mit 50 Millionen könnte weder ein Anschub finanziert werden, noch hätte die Uni die Möglichkeit, die medizinische Fakultät aus dem Bestand heraus, selbst wenn sie wollte, einzurichten. Wir haben immer gesagt, und das ist nicht auf Begeisterung gestoßen in der Region: Wir wollen die medizinische Fakultät, aber wir wollen die Mittel »on top«. Unser Budget muss um die notwendige Summe wachsen. Es wird keine Abstriche in anderen Bereichen der Universität geben.

Gibt es denn eine Summe, die sie vorab brauchen?

Sagerer: Ja, aber das hängt vom Entwicklungsprozess ab. Es werden Kosten entstehen, die vom Projektfortschritt abhängen. Es ist schwer festzulegen, was 2018 passiert, was 2019 passiert.

Über’n Daumen. Was schätzen Sie?

Sagerer: Wir haben in dieser Beziehung noch keine Verhandlungen mit dem Land geführt. Es wäre sehr schwierig, über Aufbaukosten zu reden. Jede Zahl, die ich Ihnen jetzt nenne, wäre irgendwie gegriffen, die könnte mehr oder minder gut sein. Finanzplanung ist ein Teilprojekt des Aufbaus der medizinischen Fakultät. Die größte Investition wird aber sicherlich das Gebäude sein.

Zumindest diesbezüglich müssten Sie Erfahrungswerte haben, was ein solches Gebäude kosten könnte?

Sagerer: Ich gehe von einem dreistelligen Millionenbetrag aus. Das Gebäude X hat 120 Millionen Euro gekostet – ohne Labore. Das ist vergleichbar.

»Parkflächen müssen unter Gebäude geschaffen werden«

Sie haben gesagt, das bisherige Parkhaus-Gelände kommt als Standort in Frage.

Sagerer: Ja, es ist das Ziel des Rektorates, das Gebäude für die medizinische Fakultät dorthin zu stellen. Beschlossen ist aber noch nichts.

Und was passiert mit den Parkplätzen? Das dürften etwas mehr als 2000 sein.

Sagerer: Parkflächen müssen dann unter dem Gebäude geschaffen werden.

Wie wird das Gebäude aussehen?

Sagerer: Es ist zu früh, das zu beurteilen. Das hängt von der Ausgestaltung der Fakultät ab – von der Anzahl der Professuren, die wir im Kern der Fakultät brauchen, ob wir im Bereich der Biologie, Biochemie, Psychologie oder Gesundheitswissenschaften erweitern müssen. Erst wenn wir wissen, wie viel Personal oder wie viele Labore wir brauchen, können wir etwas zur Geschossfläche sagen.

Der Standort bedeutet aber auch, dass der Campus nicht vergrößert wird?

Sagerer: Wir wollen die Medizin als Bestandteil der Universität. Je weiter das Fakultätsgebäude vom Hauptgebäude entfernt ist, desto schwieriger wird dieses Unterfangen. Um die Kooperation mit anderen Fakultäten auch leben zu können, ist uns diese Nähe ganz wichtig.

2019 müssen die Verträge mit den Krankenhäusern geschlossen sein. Wie kommt es zu den Kooperationen?

Sagerer: Laut Approbationsordnung brauchen wir wahrscheinlich circa 24 Kliniken, also Fachabteilungen in Krankenhäusern. Wir werden ausschreiben und Krankenhäuser können sich dann mit Kliniken bewerben.

»Wir schließen andere Bereiche aus Ostwestfalen-Lippe nicht aus«

Bevorzugt aus Bielefeld?

Sagerer: Bielefeld ist sicher ein großer und starker Standort, wenn man Bethel und das städtische Krankenhaus betrachtet. Aber wir schließen andere Bereiche aus Ostwestfalen-Lippe nicht aus. Es soll ein offenes Konzept für die Region sein. Immer unter der Berücksichtigung, wie wir es logistisch lösen können. Wichtig ist aber, dass es sich um ein Universitätsklinikum handeln wird: Leistungen der Ärzte in Forschung und Lehre sind entscheidende Faktoren. Auch in dem »Bochumer Modell« sind aus Herford und Minden längst nicht alle Kliniken vertreten.

Das »Bochumer Modell« ist ein gutes Stichwort. Bleibt diese Kooperation zwischen der Ruhruni und den Krankenhäusern Herford und Minden bestehen oder sollen die angedockt werden?

Sagerer: Der Vertrag, den die Mühlenkreis-Kliniken und das Klinikum Herford mit dem Land und der Universität Bochum geschlossen haben, läuft nach meiner Kenntnis noch zirka acht Jahre. Das soll auch so bleiben. Alles andere würde dort die offenbar gut funktionierende Ausbildung behindern und würde auch den Effekt, den wir erzielen wollen, nämlich Medizin-Ausbildung in Ostwestfalen-Lippe, behindern. Das wollen wir nicht. Wir sind aber offen dafür, dass es auch dort eines Tages ein »Bielefelder Modell« geben wird.

»Allgemeinmedizin als Schwerpunkt«

Hängt die Auswahl der Kliniken von dem anvisierten Schwerpunkt Allgemeinmedizin ab?

Sagerer: Die Allgemeinmedizin will auch das Land als einen Schwerpunkt, insbesondere im Bereich der Forschungstätigkeiten. Die Approbationsordnung legt aber die Bandbreite fest, die sie abbilden müssen. Allgemeinmedizin wird häufig mit Hausärzten gleichgesetzt, da kommen aber auch viele aus der Inneren Medizin oder aus anderen Bereichen.

Wenn wir trotzdem vereinfacht Allgemeinmedizin mit Hausärzten gleichsetzen, sind wir bei den am meisten verwendeten Begriffen während der jahrelangen Debatte: Klebeeffekt und Hausärztemangel. Das hängt schon zusammen und ist auch so gewollt?

Sagerer: Ja. Wenn sie zum Beispiel Witten-Herdecke anschauen. Die haben ein sehr gutes Netzwerk im Bereich Allgemeinmedizin mit niedergelassenen Praxen. In München arbeitet die Allgemeinmedizin mit um die 200 Praxen zusammen. Von solchen Netzwerken versprechen wir uns, dass der Klebeeffekt wirklich auch stattfindet. Ziel ist es, Studierende über ein solches Netzwerk auch in Ostwestfalen-Lippe frühzeitig in Kontakt mit diesen Praxen zu bringen und letztendlich auch mit dem Beruf des Hausarztes.

»Nicht sicher, ob wir auf NC verzichten können«

Im Gespräch ist sogar, dass auf den Numerus clausus verzichtet werden könnte?

Sagerer: Ich bin nicht sicher, ob wir auf einen NC verzichten können. Aber wenn wir ihn haben, dann müssen 20 Prozent über die Abitur-Note vergeben, 20 Prozent über die Wartezeit. Wir können aber auch dann 60 Prozent der Studienplätze nach eigenen Verfahren verteilen.

»Eigene Verfahren« bedeutet dann was?

Sagerer: Sie werden sicher nicht mit allen Einzelgespräche führen können. Man kann ein Bewerbungsverfahren vorstellen, in dem unterschiedliche Kriterien zur Anwendungen kommen. Das wird ein gewisser Aufwand werden und wir müssen das noch genau prüfen. Ich hoffe aber, dass wir das umsetzen können.

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