Do., 12.10.2017

Evangelische Kirche bedauert Terminierung – Schausteller: »existenziell wichtig« Kritik an Weihnachtsmarkt-Frühstart

In Bielefeld beginnt der Weihnachtsmarkt in diesem Jahr erstmals vor Totensonntag.

In Bielefeld beginnt der Weihnachtsmarkt in diesem Jahr erstmals vor Totensonntag. Foto: Hans-Werner Büscher

Von Stefan Biestmann

Bielefeld (WB). Dass der Bielefelder Weihnachtsmarkt in diesem Jahr erstmals vor Totensonntag beginnt, entzweit die Gemüter. Gerade in sozialen Netzwerken stößt die Entscheidung auf Unverständnis. Die Evangelische Kirche kritisiert die Terminierung, äußert sich aber moderat. Die Schausteller nennen die Verlängerung als »existenziell wichtig«.

Man bedauere, dass der Markt bereits vor dem Totensonntag beginne, sagt Uwe Moggert-Seils, Sprecher des Evangelischen Kirchenkreises Bielefeld. »Natürlich finden wir das überhaupt nicht gut – gerade im Sinne der Menschen, die sich im Rahmen der stillen Woche auf den Ewigkeitssonntag vorbereiten.« Dieser Ewigkeitssonntag, der Totensonntag, ist das Ende des Kirchenjahres der Evangelischen Kirche. »Und viele Menschen leben im Rhythmus des Kirchenjahres«, erklärt Moggert-Seils. »Und diesen Rhythmus sollten wir auch als kulturelle Errungenschaft sehen und bewahren.«

Moggert-Seils betont aber auch, dass es bereits im Sommer ein »kon­struktives Gespräch« mit dem Veranstalter gegeben habe, der Bielefeld Marketing GmbH. »Man hat uns versichert, dass es eine Ausnahme bleibt«, sagt Moggert-Seils.

Kirche bittet Schausteller, auf laute Musik zu verzichten

Zudem erkenne der Kirchenkreis durchaus auch das »Problem des Kalendariums« in diesem Jahr. Wie berichtet, hätte der Weihnachtsmarkt bei einer traditionellen Eröffnung am Montag nach Totensonntag nur 31 Tage gedauert. Jetzt sind es drei Tage mehr. »Wir leben nicht in einer fremden Welt und sehen auch die andere Seite: Dass Schausteller und Einzelhandel vom Weihnachtsmarkt leben«, sagt Moggert-Seils. Deswegen spricht er trotz der Kritik von einem »tragfähigen Kompromiss«. Er bittet aber die Schausteller darum, in den Tagen vor dem Totensonntag auf laute Musik zu verzichten – »gerade aus Respekt vor den Gefühlen der Menschen«, die trauern.

Armin Piepenbrink-Rademacher, Pfarrer der evangelischen Altstädter-Nicolai-Kirchengemeinde, sieht die Terminierung gelassen. »Ich habe kein Problem damit«, sagt er. Zum einen sei der Weihnachtsmarkt am Totensonntag selbst geschlossen. Und der Weihnachtsmarkt »spüle« auch viele Menschen in die Kirchen der Innenstadt, lobt er. Die Zusammenarbeit mit dem Veranstalter, den Händlern und den Schaustellern sei immer von Vertrauen und Rücksicht geprägt gewesen. »Der Weihnachtsmarkt geschieht sicher nicht auf Kosten der christlichen Verkündigung.« Zudem sei die Veranstaltung eine »Riesen-Einnahmequelle« für die Schausteller und auch den Einzelhandel.

Schausteller: »Der Weihnachtsmarkt ist unser zweites Standbein«

Thomas Kunz, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands OWL, sagt, man müsse erst einmal abwarten, ob die zusätzlichen drei Weihnachtsmarkt-Tage einen besonderen positiven Effekt für den Einzelhandel hätten.

Der Schaustellerverein Bielefeld sieht die Verlängerung als »großen Vorteil«. »Der Weihnachtsmarkt ist unser zweites Standbein – gerade weil im Sommer einige Schützenfeste und kleinere Märkte weggebrochen sind«, berichtet Vorsitzender André Schneider. Deshalb sei man dankbar für jeden zusätzlichen Veranstaltungstag. »Am Weihnachtsmarkt hängen also auch Existenzen.« Er betont zudem, dass der Weihnachtsmarkt mit 34 Tagen nicht länger ist als in den Vorjahren. Die Kritik an der Terminierung kommt für ihn nicht überraschend. »Dass das nicht auf 100-prozentige Zustimmung stößt, war uns klar.«

Anfang 2018 soll es jetzt ein Gespräch zwischen der Bielefeld Marketing GmbH und der Evangelischen Kirche geben. Dann soll Bilanz gezogen werden unter einen Weihnachtsmarkt, der schon jetzt für Aufregung gesorgt hat, obwohl er erst am 23. November startet.

Kommentare

Die verquere Ansicht des Pfarrers Piepenbrink-Rademacher ist nicht recht nachzuvollziehen, zumal sie der Ansicht seiner vorgesetzten Behörde widerspricht. Für viele Christen gehört die stille Woche vor dem Ewigkeitssonntag zu diesem Tag und sollte nicht durch einen Fress- und Trinkmarkt gestört werden.
Wenn also schon der Pfarrer der Altstädter-Nicolai-Kirchengemeinde die Prinzipien der Kirche verrät, muß er sich nicht wundern, wenn die Kirchen zunehmend und zu Recht immer leerer werden. Wozu braucht man also noch eine Kirche ?

Völlig daneben

Zweites Standbein hin oder her - wenn es der Kalender nun einmal nicht anders hergibt, so hat man ausreichend Vorlauf, um sich auf einen kurzen Weihnachtsmarkt einzustellen als Schaustellerbetrieb. Mittelfristige Planung nennt man das!
Wie wäre es denn, wenn der W-markt am 24. öffnet für die Kurz-vor-Toresschluß- Einkäufe und dann mittags schließt? Und auch nach Weihnachten nicht wieder öffnet, denn das Fest ist dann ja vorbei, soweit ich weiß.

Ich denke auch, das ist nur der Anfang einer Aufweichung. Traurig, daß anscheinend der Pfarrer der Altstädter Kirche das alles nicht so schlimm findet.
Bei uns in der Familie sind vor wenigen Wochen Mutter und Schwiegermutter verstorben. Und ja, die stille Woche vor dem Ewigkeitssonntag hat sehr wohl eine Bedeutung für uns. Dieses Jahr noch mehr.

Problem des Kalendariums

Wo bitte liegt das Problem des Kalendariums ?
Statistisch gesehen fällt alle 5 bis 6 Jahre der 24.12. mit dem 4. Advent zusammen, d. h. es bleibt eine Adventszeit von immerhin noch 4 Wochen.
In diesem Jahr wird dieses als großes existenzgefährdendes Problem dargestellt und der Weihnachtsmarkt muss deswegen vorzeitig starten.
Im kommenden Jahr ist die Adventszeit exakt einen Tag länger als an diesem Jahr - vermutlich muss dann der Weihnachtsmarkt trotzdem wieder vor dem Ewigkeitssonntag eröffnet werden. Damit ist der Bann vermutlich gebrochen - nieder mit Tradition und Pietät !
Süßer die Kassen nie klingen !!!

Nicht ganz richtig

@Meyer:
Jedenfalls nicht nach dem christlichen Kirchenkalender ;)

Wundert mich übrigens auch, dass das Westfalen-Blatt immer noch von Weihnachtsmarkt spricht und nicht vom Wintermarkt oder Lichterfest die Rede ist.

Antwort an Kommentar vonMeyer:

Sehr geehrte/r Herr/Frau Meyer,
mit meiner Äußerung "nach dem Kirchenkalender leben" meine ich alle großen christlichen Feste wie z.B. Ostern oder Weihnachten. Ich meine Damit nicht einen konkreten Kirchgang etc. Und diese Feste werden nun einmal an bestimmten Tages des Kirchenjahres ! gefeiert - ganz unabhängig davon, ob man zur Kirche geht oder zur Kirche gehört. Ich jedenfalls feiere Heilig Abend am 24. Dezember. Und Sie?

Nicht schlimm!

Ich glaube nicht das in Bielefeld noch viele nach dem Kirchenkalender leben!

6 Kommentare

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