So., 22.10.2017

Konstantin Wecker reißt in der Bielefelder Stadthalle 1000 Fans mit Systemkritik zum Mitswingen

Konstantin Wecker weiß, wie er sein Publikum begeistert – auch bei seinem Auftritt in Bielefeld.

Konstantin Wecker weiß, wie er sein Publikum begeistert – auch bei seinem Auftritt in Bielefeld. Foto: Hans-Werner Büscher

Von Heike Pabst

Bielefeld (WB). »Altersmilde« ist ein Zustand, den Konstantin Wecker nie erreichen wird. Der 70-Jährige kokettiert damit, ein gereifter älterer Herr zu sein. Das Wort »Urgewalt« trifft es aber besser: Davon haben sich etwa 1000 Fans bei seinem Auftritt in der Stadthalle Bielefeld überzeugt.

»Poesie und Widerstand« heißt das Album zur Tour, das sich der Bayer selbst zum 70. Geburtstag geschenkt hat. An diesen Titel hält er sich. Das dreistündige Programm ist eine Mischung aus Konzert, Lesung mit biografischen Einsprengseln und einem Seminar in Antikapitalismus.

»Es gibt kein Recht auf Gehorsam«

Wecker ist als Anarchist bekannt und auch an diesem Abend lässt er das Publikum auf die Melodie von Beethovens Neunter »Nein, ich hör nicht auf zu träumen von der herrschaftsfreien Welt« singen.

Er erklärt mit Nachdruck, dass er weiter für eine neue Friedensbewegung kämpfen wird und predigt: »Es gibt kein Recht auf Gehorsam.« Das ist die eine Seite dieses Abends. Auf der anderen Seite vertont Wecker liebevoll Erinnerungen an seinen Vater oder singt von der Schönheit ei­nes Sommerabends in Italien.

Wenn das Publikum gerade richtig entrückt ist, erdet Konstantin Wecker es mit einem drastischen Donnerbalken-Poem. Kleine Schocks wie diese und Anekdoten aus Weckers Lebensweg sichern ihm die volle Aufmerksamkeit der Zuhörer.

Er thematisiert vergangenes »Möchtegern-Machotum« und singt über Selbstzweifel: »Macht gerechter Zorn nicht müde, ist vielleicht nur Attitüde?« Und so spielt er gekonnt auf der Klaviatur der Stimmungen.

Musik zwischen Klassik, Bombastrock, Jazz und Weltmusik

Wecker hat zudem eine exzellente Band mitgebracht: Multiinstrumentalist Jo Barnikel, Percussionist Jens Fischer, Sängerin und Cellistin Fany Kammerlander, Gitarrist und Bratschist Severin Trogbacher sowie Marcus Wall an der Geige. Selbst ohne Wecker hätte diese Combo ein aufsehenerregendes Konzert gestalten können.

Lässig springen die Musiker zwischen Klassik, Bombastrock, Jazz und Weltmusik hin und her. Gemeinsam mit Wecker am Flügel erschafft die Band unberechenbare Klänge – Songs, die atmen und pulsieren wie ein lebender Organismus.

Konstantin Weckers politischer Überzeugungswille, seine grenzenlose Spielfreude und das enorme Temperament machen aus der Show ein forderndes Erlebnis. »Er spricht mir aus der Seele«, sagt ein 45-jähriger Besucher aus Bad Oeynhausen, »vor allem bei Liedern wie ›Empört euch‹«.

Das sehen offenbar die meisten anderen Besucher auch so: Am Ende sitzt niemand mehr auf seinem Stuhl. Während Wecker durch die Reihen geht und Menschen umarmt, klatschen und singen die Besucher und fordern immer mehr Zugaben.

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