Di., 14.11.2017

Millionenbeute bei Raub auf Geldtransporte und Supermärkte Ex-RAF-Terroristen kaufen Fluchtwagen in Bielefeld

Bildmaterial von einem Überfall auf einen Markt in Hildesheim.

Bildmaterial von einem Überfall auf einen Markt in Hildesheim. Foto: LKA

Von Christian Althoff

Bielefeld/Porta Westfalica (WB). Jahrzehnte hatte die Polizei kein aktuelles Foto des untergetauchten Ernst Volker Staub (63). Dann ermittelte sie einen Autohändler aus Ostwestfalen, der dem Gesuchten 2016 ein Auto verkauft hatte – und eine Videoaufnahme des Kunden besaß.

Serie von Raubüberfällen

30.09.2011: Supermarkt in Celle (100.000 Euro)

24.12.2012: Supermarkt in Stade (135.000 Euro)

23.08.2014: Supermarkt in Elmshorn (46.000 Euro)

02.01.2015: Supermarkt in Osnabrück (60.000 Euro)

06.06.2015: Missglückter Überfall auf Geldtransporter in Stuhr

19.10.2015: Einkaufsmarkt in Northeim (50.000 Euro)

28.12.2015: Missglückter Überfall auf Geldtransporter Wolfsburg-Nordsteimke

07.05.2016: Missglückter Überfall Geldboten in Hildesheim-Bavenstedt

25.06.2016: Mit Panzerfaust und Automatikgewehr bewaffnet überfallen zwei Männer und eine Frau Geldtransporter und Geschäft in Cremlingen (Braunschweig). Die Beute: mehrere hunderttausend Euro.

Blaue Jeans, schwarze Jacke, graues Käppi: Auf dem Foto, mit dem die Polizei nach dem mutmaßlichen Ex-Terroristen der Roten Armee Fraktion (RAF) fahndet, lacht der 1,83 Meter große Staub mit schlechten Zähnen in die Kamera. Nicht so gut sind die Aufnahmen seiner mutmaßlichen Komplizen Burkhard Garweg (49) und Daniela Klette (59).

Das Trio lebt seit fast drei Jahrzehnten im Untergrund und soll immer wieder mit Waffengewalt  Zentralkassen von Supermärkten und Geldtransporte überfallen, um seine Lebensunterhalt zu sichern. Einige Opfer beschreiben die Täter als »ruhig, höflich und besonnen«. Die Räuber betonten, dass es ihnen nur um das Geld gehe.

Wie viele Überfälle?

Wie viele Überfälle es bis heute sind, weiß die Polizei nicht. Zehn Taten seit 1999 glauben die Ermittler der Gruppe nachweisen zu können, unter anderem durch DNA-Spuren. Die Beute soll in diesen Fällen insgesamt etwa 1,5 Million Euro betragen.

Staub, Garweg und Klette sollen 1993 mit zwei weiteren Komplizen den noch nicht bezogenen Neubau der Justizvollzugsanstalt Weiterstadt gesprengt haben – 90 Millionen Mark Schaden, der Wiederaufbau dauerte vier Jahre. Ihnen werden etliche schwere Straftaten vorgeworfen, darunter versuchter Mord.

Autos für höchstens 3000 Euro gekauft

Nach den Überfällen auf Supermärkte und Geldtransporte flohen die Täter in alten, unauffälligen Autos, die sie meist Monate vorher für höchstens 3000 Euro bei Händlern gekauft hatten –  in fünf Fällen in Ostwestfalen-Lippe. »Wir wissen leider nicht, welchen Bezug die Gesuchten zu der Region haben«, sagt Hans Retter, Sprecher im Landeskriminalamt Niedersachsen.

Die Fluchtwagen ließen die Räuber nach den Taten zurück, manchmal zündeten sie sie auch an, um Spuren zu vernichten.

Fahrgestellnummern führen nach OWL

Über die Fahrgestellnummern ermittelte die Polizei unter anderem vier Gebrauchtwagenhändler in Bielefeld und einen in Porta Westfalica. Die Kripo erfuhr von ihnen, dass immer nur eine Person zum Kauf erschien. Sie wollte bei der Probefahrt auf dem Beifahrersitz Platz nehmen, bezahlte das jeweilige Auto und kündigte an, den Wagen später abzuholen – außerhalb der Öffnungszeiten.

So wollten die Täter möglicherweise vermeiden, dass der Händler sie beim Anschrauben gestohlener oder gefälschter Nummernschilder beobachtet. Die Wagen behielten die Täter über Monate. So kaufte einer von ihnen im November 2013 in Bielefeld einen dunkelblauen VW Golf II. Im August 2014 benutzte die Gruppe den Wagen bei einem Überfall auf einen Marktkauf in Elmshorn, bei dem sie 46.000 Euro erbeutete.

Überwachungsvideo aus Bielefeld

Durch ihre Ermittlungen bei Autohändlern gelangte die Polizei schließlich an Aufnahmen aus dem Jahr 2016, die nach Überzeugung der Ermittler Ernst Volker Staub und Burkhard Garweg zeigen. Diese Fotos wurden anderen Autohändlern vorgelegt, die die Männer wiedererkannten.

Die mutmaßliche Komplizin Daniela Klette war mit der Beschaffung der Fluchtwagen offenbar nicht befasst. Das aktuellste Foto, das die Polizei von ihr besitzt, ist fast 30 Jahre alt, es wurde 1988 aufgenommen. 

Um neue Hinweise auf das Versteck der Gesuchten zu bekommen, veröffentlichte das Landeskriminalamt drei Videos. 

Bis zu 80.000 Euro Belohnung

Sachdienliche Hinweise nimmt jede Polizeidienststelle oder das LKA Niedersachsen unter 0511/26262-7400 entgegen. Für entscheidende Hinweise, die zur Aufklärung der Taten und zu einer rechtskräftigen Verurteilung der Täter führen, wurde eine Belohnung bis zu 80.000 Euro ausgesetzt.

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