Fr., 29.04.2016

Die komplette Erklärung Hannings im Wortlaut »Auschwitz war ein Alptraum«

Reinhold Hanning am Freitag im Prozess.

Reinhold Hanning am Freitag im Prozess. Foto: dpa

Detmold (WB). Im Detmolder NS-Prozess hat der Angeklagte Reinhold Hanning sich erstmals selbst geäußert. Lesen Sie hier die gesamte Erklärung im Wortlaut:

»Ich wurde am 28. Dezember 1921 in Helpup, heute Oerlinghausen, damals Kreis Lemgo, als Sohn des Arbeiters Hermann Hanning und dessen Ehefrau Paula Henning, geb. Lammert, geboren. Aufgewachsen bin ich in Billinghausen, einem heutigen Stadtteil von Lage, Kreis Lippe. Meine Familie bestand aus meinen Eltern, meiner zwei Jahre jüngeren Schwester und einer weiteren, allerdings 14 Jahre jüngeren Schwester. Ich besuchte zunächst von meinem siebten Lebensjahr an die Volksschule in Billinghausen. Dort blieb ich bis zu meinem 14. Lebensjahr. Ich wuchs in einem Elternhaus auf, in welchem die politische Gesinnung nicht im Vordergrund stand. Mein Vater selbst hielt vom Nationalsozialismus nicht viel, war insbesondere nicht Mitglied der NSDAP.

Als ich 13 Jahre alt war, schlossen sich die Schulkameraden aus meiner Klasse der Hitlerjugend an. Auch ich trat mit 13 Jahren, im Jahr 1935, genauer gesagt am 20. April 1935, in die Hitlerjugend ein. Die Mädchen und Schulkameradinnen meiner Klasse schlossen sich größtenteils dem Bund Deutscher Mädel an. Fortan fanden zunächst nur sporadisch, dann jedoch öfter Versammlungen bzw. Treffen der Mitglieder der Hitlerjugend statt.

Die Treffen der Hitlerjugend wurden zunächst vom Bürgermeister des Dorfes Billinghausen abgehalten. Jedes Mitglied der Hitlerjugend bekam ein hellbraunes Hemd. Während dieser Treffen der Hitlerjugend haben wir viel Sport getrieben und gemeinsame Wanderungen unternommen. Nach meiner Erinnerung ging es während dieser Treffen weniger um die politische Bildung der Jungen, sondern vielmehr um ihre sportliche Betätigung, das Durchführen von Wettkämpfen usw. Da mein Heimatort, der Ort Billinghausen, damals sehr klein war, befanden wir uns mit zirka zehn Hitlerjungen in der Hitlerjugend. Wenn Wettkämpfe stattfanden, liefen die Veranstaltungen mehr über die Kreisebene. In Bielefeld, der nächstgrößeren Stadt, war die Hitlerjugend schon anders organisiert. Hier fanden auch öfter Wettkämpfe statt, an denen wir teilnahmen.

Mit 14 Jahren beendete ich die Volksschule und nahm eine Arbeitsstelle in einer Fabrik in Bielefeld an. Ich musste also früh morgens mit dem Fahrrad jeden Tag zunächst einmal nach Bielefeld fahren, um zur Arbeitsstelle zu gelangen. Dort angekommen, habe ich den ganzen Tag schwer arbeiten müssen. Wenn ich dann abends mit dem Fahrrad von Bielefeld nach Billinghausen zurückfuhr, war es oft schon dunkel. Ich war auch müde und kaputt. Ich hatte oft gar keine Zeit und auch keine Lust mehr, nach meiner schweren Arbeit auch noch Sport zu treiben und zu den Treffen der Hitlerjugend zu erscheinen. Hinzu kam, dass mein Vater seinerzeit einen großen Nutzgarten betrieb. Auch hier war ich ständig eingebunden, da mein Vater auch selten zu Hause war und den ganzen Tag über in einer Fabrik zu arbeiten hatte.

Als ich 17 Jahre alt wurde, starb meine Mutter. Meine zwei Jahre jüngere Schwester, die damals 15 Jahre alt war, musste fortan quasi die Leitung des Haushaltes übernehmen. Die jüngere Schwester, die damals drei Jahre alt war, wurde zunächst zur Großmutter in Obhut gegeben. Kurz darauf lernte mein Vater eine andere Frau kennen. Diese war von Beruf Krankenschwester. Ich weiß, dass diese Frau Mitglied in der NSDAP war. Sie stammte aus Detmold. Die neue Frau meines Vaters hieß mit Geburtsnamen Steinhörster. Sie war von Beruf, wie bereits erwähnt, Krankenschwester und in der NS-Schwesternschaft des Gaues Kurhessen organisiert.

Die neue Frau meines Vaters bestand darauf, dass wir Kinder, also ich und meine beiden Schwestern, nicht im Hause meines Vaters verblieben. Ich weiß noch, dass die neue Frau meines Vaters zu diesem sagte: »Ich komme nur zu dir nach Hause, wenn deine Kinder aus dem Hause sind.« Die neue Frau meines Vaters sorgte dann dafür, dass meine 14 Jahre jüngere Schwester, dauerhaft bei den Großeltern untergebracht wurde, um dort erzogen zu werden.

Meine ältere Schwester, damals 15 Jahre alt, wurde von der neuen Frau meines Vaters an einer Schwesternschule in Gütersloh angemeldet. Dort sollte sie eine Ausbildung zur Krankenschwester absolvieren. Gleichzeitig bot dies die Möglichkeit, in ein dortiges, nämlich in Gütersloh gelegenes Schwesternwohnheim einzuziehen, so dass meine Schwester ebenfalls nicht mehr im Hause meines Vaters wohnte.

Mittlerweile wurden immer mehr meiner Schulkameraden zur Wehrmacht einberufen. Da meine Einberufung ebenfalls bevorstand, kam mein Großvater auf die Idee, ich solle mich mit meinem Schulfreund aus Billinghausen besser freiwillig bei der Wehrmacht in Augustdorf melden, damit man zumindest bei der Grundausbildung zusammenblieb und heimatnah stationiert war. Ich bin dann mit meinem Schulfreund nach Augustdorf gefahren. Dort war damals bereits Militär stationiert. Ich habe noch eine Bescheinigung der Gemeinde Billinghausen in meinen Unterlagen gefunden, aus welcher hervorgeht, dass ich am 25. Juli 1940 zum Militär einberufen wurde. Die Einberufung erfolgte zur Wehrmacht. Als meine Stiefmutter mitbekam, dass ich mich in Augustdorf zur Wehrmacht melden sollte, sagte sie: »Du gehst zur SS. Ich kann dir dabei helfen. Bei der SS kannst du etwas werden. Ich kenne Mittel und Wege, dich bei der SS anzumelden.« Noch bevor ich zum Dienstantritt bei der Wehrmacht in Augustdarf erscheinen konnte, erhielt ich einen Musterungsbescheid von der SS in Detmold. Ich bin dann nach Detmold gefahren, genauer nach Spork-Eichholz, dort war die Anmeldestelle, bei der man sich zur SS melden konnte. Ich bin alleine dort hingefahren. Noch am selben Tage wurde ich bei der SS gemustert. Das Ergebnis hieß: volltauglich.

In der Anmeldungsstelle der SS erklärte ich dem dortigen Mitarbeiter, dass ich bereits einen Einberufungsbescheid von der Wehrmacht erhalten hatte. Diesen hatte ich bei mir. Man nahm mir diesen Einberufungsbescheid der Wehrmacht sofort ab und sagte mir, dass dieser nun hinfällig sei. Man werde sich nun bei der SS um alles Weitere kümmern. Kurze Zeit später wurde mir ein Schreiben der SS zugestellt. In diesem Schreiben stand, dass ich mich in Graz in Österreich zu melden habe und mich dort einer Ausbildung zu unterziehen hätte. Wenig später bin ich dann nach Graz in Österreich gefahren. Ich kann nicht mehr eingrenzen, welcher Monat dies gewesen ist, ich meine mich aber erinnern zu können, dass es Anfang 1940 gewesen ist. Ich bin mir aber nicht sicher. Sicher bin ich mir, dass die neue Frau meines Vaters erst zu dem Zeitpunkt in mein Elternhaus eingezogen ist, als ich mich in Graz zu melden hatte und von zu Hause weg war.

In Graz selbst wurden wir zunächst eingekleidet. Wir hatten unsere Unterkünfte zu beziehen. Wir mussten eine Wehrausbildung absolvieren. Diese dauerte zwischen einem viertel und einem halben Jahr, genau kann ich das nicht mehr sagen, es waren jedenfalls mehrere Monate. Politisch wurden wir nicht oder nur wenig geschult. Der Schwerpunkt der Ausbildung lag in der Ausbildung an der Waffe. Ich habe dort in Graz mit anderen Kameraden zusammen in einer Kaserne gewohnt. Ich teilte mir ein Zimmer mit mehreren Kameraden meines Alters. Man kann sagen, wir wurden dort in der Kriegsführung ausgebildet. Es wurde uns der Umgang mit der Schusswaffe beigebracht.

Im Anschluss an diese Wehrausbildung hatte ich mich in Holland beim SS-Regiment »Der Führer« zu melden. Das SS-Regiment befand sich in den Niederlanden zur Sicherung der Niederlande. Da das SS-Regiment »Der Führer« schon damals Verluste zu verzeichnen hatte, sollten wir das Regiment wieder auffüllen. Ich habe mir seinerzeit, ich weiß nicht mehr wann dies war, mit der Schreibmaschine eine Übersicht über meine Frontdienste gefertigt: Danach befand ich mich in der Zeit vom 08. Dezember 1940 bis einschließlich 15.12.1940 beim Regiment »Der Führer« zur Sicherung der Niederlande. In der Zeit vom 18. Dezember 1940 bis 31. März 1941 beteiligte sich unser Regiment an der Besatzung in Nordfrankreich. In der Zeit vom 08. April 1941 bis 18. April 1941 nahm ich am Feldzug gegen Serbien und am Vorstoß gegen Belgrad teil. Vom 25. Juni 1941 bis 08. Juli 1941 war unser Regiment an einem Vorstoß gegen Berisina beteiligt. Vom 09. Juli 1941 bis 14. Juli 1941 war unser Regiment beim Durchbruch durch die Dnepr-Stellung beteiligt. In der Zeit vom 28. Juli 1941 bis 5. August 1941 fanden Abwehrkämpfe bei Gelnja statt. Vom 4. Septembr 1941 bis 18. September 1941 waren wir in die Verfolgungsschlacht bei Kiew eingebunden. Am 20. September 1941 wurde ich bei einer Schlacht im Raum Kiew verwundet. Im Nahkampf bekam ich einen Granatsplitter in den Bereich der Schläfe. Ferner erlitt ich Oberschenkeldurchschüsse am rechten Bein.

Ich habe damals viel Blut verloren. Ich weiß noch, dass mir Sanitäter helfen wollten. Sobald sie jedoch in meine Nähe kamen, wurden sie vom Feind, dem Russen, unter Beschuss genommen. Schließlich fuhren unsere Panzer auf und beschossen das Mündungsfeuer der russischen Soldaten. Ich konnte dann abtransportiert werden. Ich wurde in ein nahegelegenes Lazarett verbracht. Dieses Lazarett lag in der Nähe von Radom. Dort wurde ich erstbehandelt.
Vom Feldlazarett in Radom wurde ich dann in das Krankenhaus nach Katowitz verbracht. Ich wurde später dort am Kopf operiert, der Granatsplitter konnte schließlich entfernt werden. Die Operation gestaltete sich jedoch insofern schwierig, als dass der Granatsplitter ziemlich tief in der Schläfe steckte. Wie man mir später berichtete, trauten sich die Ärzte zunächst nicht, die Operation durchzuführen. Als es dann endlich soweit war und ich operiert wurde, bekam ich hohes Fieber und Malaria. Das war mein erster Malaria-Anfall. Die Genesung verzögerte sich dadurch. Nachdem ich wieder transportfähig war und mich einigermaßen erholt hatte, wurde ich zur Solahütte verbracht. Dort befand sich ein Sanatorium. Als ich dort ankam, bekam ich wieder einen Malariaanfall und hohes Fieber.

In dieser Zeit musste ich viel an meine Kameraden denken, mit denen ich an der Front gekämpft hatte. Ich wäre damals, als ich in der Solahütte war, viel lieber wieder zu ihnen an die Front gegangen. Mit den Kameraden an der Front habe ich mich immer gut verstanden. Einer stand dort für den anderen ein. Das hat mir als junger Mann sehr gefallen. Ich wollte eigentlich nicht im Sanatorium bleiben, allerdings warf mich das Malaria-Fieber wieder zurück. Der Spieß der Ersatzeinheit sagte damals zu mir: »Hanning, was wollen Sie an der Front? Sie können ja nicht mal einen Stahlhelm tragen und laufen können Sie auch nicht richtig.«

Als ich fragte, was denn mit mir werden solle, sagte mir der Spieß, er wisse schon, was er vorhätte. Er sagte mir, man würde mich zum Innendienst nach Auschwitz schicken. Ich habe mir damals keine Gedanken gemacht. Ich wusste nicht, was Auschwitz war. Ich wusste nur, dass ich dort so eine Art Innendienst absolvieren sollte. Ich habe dann zunächst gedacht, Auschwitz sei ein Kriegsgefangenenlager für gefangene Franzosen, Engländer oder andere Kriegsgefangene. Ich habe mir anfangs überhaupt keine Gedanken gemacht.

Erwähnen möchte ich noch, dass ich für meinen Militäreinsatz an der Front ein Verwundetenabzeichen erhielt. Ferner wurde mir ein Infanteriesturmabzeichen in Silber und das Eiserne Kreuz zweiter Klasse verliehen. Diese Umstände ergeben sich aus einem Ausweis, der als Ersatz für das durch Feindeinwirkung verlorene Soldbuch erstellt wurde.

In Auschwitz angekommen, hatte ich mich sofort in der Kommandatur zu melden. Die Kommandatur befand sich direkt links neben dem Haupteingang zum Stammlager. Ich wurde eingewiesen, man zeigte mir meine Unterkunft, die ich mir mit zwei anderen Kameraden des dritten Wachbataillons teilte. Einer dieser Kameraden, das weiß ich noch, stammte aus Hamburg. Da ich zu Beginn meiner Tätigkeit für den Innendienst vorgesehen war, bestand meine Aufgabe zunächst einmal darin, das zu tun, was der Spieß nicht selber machte.

Wenn man den Eingang zum Stammlager Auschwitz l betrat, befand sich auf der linken Seite unmittelbar links gelegen die Kommandatur. In diesem Gebäude befand sich meine Dienststube. Dort befand sich der UvD-Raum. In diesem Raum hielt ich mich auf, wenn ich Dienst hatte – zumeist allein. Nach meiner Erinnerung versah ich den Dienst dort morgens, tagsüber und die Nacht hindurch bis zum nächsten Morgen. Der UvD-Dienst in der Kommandatur dauerte über 24 Stunden an. Nachts musste ich wach bleiben. Man konnte sich zwar mal eine Stunde auf der sich dort befindenden Pritsche hinlegen, im Prinzip musste man aber 24 Stunden wachbereit sein. Sämtliche Leute und Menschen, die durch das Haupttor des Stammlagers gingen, hatten sich beim UvD in der Kommandatur im Eingangsbereich zu melden, also wenn ich Dienst hatte, auch bei mir.

Die ersten Wochen bestand mein Dienst außerdem darin, Stubenappelle durchzuführen. Ich beaufsichtigte das Waffenreinigen der anderen Kameraden. Die Aufsicht über das Waffenreinigen gehörte auch zum Dienst des UvD. Ferner musste ich als UvD als erster morgens aufstehen. Ich hatte damals eine Art Trillerpfeife, in die ich hineinblies, und gleichzeitig hatte ich die Türen der Kasernenräume zu öffnen und »Aufstehen! Raus!« zu schreien. Im Anschluss daran war Antreten zum Frühstück, das heißt, die Soldaten mussten sich im Flur der Kaserne aufstellen und marschierten dann praktisch zum Frühstücksraum. Nach dem Frühstück hatten die Soldaten zum Appell anzutreten. Dieser fand außerhalb des Kasernengebäudes statt. Es wurde festgestellt, ob jemand fehlte, ob jemand krank war oder anderweitig nicht einsatzbereit war. Ferner wurde bei dieser Gelegenheit kontrolliert, ob die Blutgruppe der Soldaten ordnungsgemäß unter dem linken Arm eintätowiert war. Ich selbst hatte die Blutgruppe 0.

Ich habe dann tagsüber die Häftlinge gesehen. Diese bewegten sich im Lager nach meiner Erinnerung jedoch nicht frei, das heißt, sie konnten sich nicht ohne Begleitung bewegen. Wenn ich sage, sie konnten sich nicht frei bewegen, so meine ich damit, dass immer jemand vom Wachpersonal mit dabei war, wenn die Häftlinge im Lager unterwegs waren. Selbst wenn nur ein einzelner Häftling sich im Lager bewegte, war jemand vom Bewachungspersonal bei ihm und begleitete ihn.

Als ich mehrere Wochen in Auschwitz war, war mir bekannt, was dort mit den Häftlingen geschah. Dies offenbarte sich mir nicht sofort, ich bekam dies mit der Zeit jedoch mit. In den ersten Tagen hat uns niemand darüber erzählt. Wenn man aber, wie ich, längere Zeit da war, dann bekam man auch mit, was dort ablief. Es wurden Menschen erschossen, vergast und verbrannt. Ich konnte sehen, wie Leichen hin- und hergefahren oder abtransportiert wurden. Ja, das bekam man mit. Ich nahm Verbrennungsgeruch war. Ich wusste, dass man Leichen verbrannte.

Es herrschte dort eine Atmosphäre, die ich heute nicht mehr beschreiben kann. Man sah was geschah, konnte sich jedoch gegenüber anderen Kameraden nicht so richtig äußern und verständigen. Die Situation war völlig anders als an der Front. Dort war es so, dass man mit den Kameraden über alles sprechen konnte. Dort konnte sich jeder auf den anderen verlassen. Man brauchte sich niemals darüber Gedanken zu machen, dass – wenn ein Kamerad dem anderen etwas erzählte – dies weitergetragen wurde. In Auschwitz war das anders.

Hier habe ich so gut wie niemandem getraut. Es wurde auch wenig gesprochen. Man wusste ja nie, wenn man irgendetwas sagte, ob es nicht an andere weitergetragen wurde. Hinzu kam, dass unter den SS-Soldaten des Wachbataillons auch welche ihren Dienst versahen, die der deutschen Sprache nicht oder nur unzureichend mächtig waren. Zwar wurde im Lager, wenn man länger dort war, schon einmal das eine oder andere Wort zwischen den Kameraden und Mitgliedern des Wachbataillons gesprochen. Ich bin der Meinung, dass jeder, der Mitglied des Wachbataillons war, wusste, was dort geschah. Dieses Wissen bestand meines Erachtens unabhängig vom jeweils geleisteten Dienst. Natürlich waren andere Kameraden näher dran, andere weniger nah. Mit nah dran meine ich nah an den Tötungshandlungen.

Diese Wachdienste waren nach meiner Erinnerung in den sogenannten Tag- und Nachtdienst eingeteilt, der jeweils für zwölf Stunden andauerte. Der Wachdienst dauerte dann jeweils fünf bis sechs Tage. Im Anschluss daran hatte man zwei Tage Freizeit. Nach meiner Erinnerung haben auch die Kompanien untereinander den Wachdienst getauscht, so dass diejenige Kompanie, der man dort angehörte, immer nur turnusmäßig diesen Wachdienst zu absolvieren hatte. Während des Wachdienstes war ich mit einem Karabiner, einer so genannten 98er bewaffnet. Ferner trug ich im Innendienst eine Pistole.

Ich habe auch öfter den Wachdienst in der inneren Postenkette absolviert. Ich kann mich erinnern, dass ich während des Wachdienstes in der inneren Postenkette auf einem Wachturm eingesetzt war. Es handelte sich um den Hauptturm. Dieser Wachturm lag direkt neben oder über dem Wachlokal, genau weiß ich das nicht mehr. In diesem Wachturm war auch ein Telefon vorhanden. Dies war außergewöhnlich, da es nicht in jedem Wachturm der inneren Postenkette ein Telefon gab.

Auf diesem Hauptturm befanden sich große Scheinwerfer. Diese Scheinwerfer, so genannte Strahler, waren nachts nicht durchgängig angeschaltet. Sobald man aber eine Bewegung wahrnahm oder irgendetwas unklar war, wurden diese großen Strahler angeschaltet. Die Scheinwerfer waren beweglich. Man konnte so die Strecke, über welche der Elektrozaun geführt war, ableuchten. Das Stammlager Auschwitz l war von einer doppelten Reihe Betonpfosten umgeben. Diese waren etwa drei Meter hoch und mit Stromleitungen ziemlich eng bespannt. Es handelte sich um Hochspannungsleitungen, also um Starkstromleitungen. Vor diesen beiden Zäunen mit Hochspannungsleitungen war noch ein normaler Drahtzaun angebracht.

Wir hatten als Mitglieder des Wachbataillons zunächst darauf zu achten, dass niemand diesen Drahtzaun berühren konnte. Schon, wenn jemand diesen normalen Drahtzaun berührte, hatten wir, wenn wir innerhalb der inneren Postenkette auf den Wachtürmen Wachdienst hatten, Schießbefehl. Der Strom wurde des Nachts in den Zaun geladen. Die Wachtürme, die sich innerhalb der kleinen Postenkette befanden, standen nicht so weit auseinander. Nach meiner Erinnerung wurden die Wachtürme der inneren Postenkette nur nachts besetzt. Wenn die Wachtürme nachts besetzt wurden, wurde auch der Strom im Zaun eingeschaltet. Wenn ich mich richtig erinnere, waren die Türme, also die Wachtürme der inneren Postenkette, tagsüber nicht besetzt. Das ging dann im Wechsel über auf die äußere Postenkette, die weiter entfernt war. Dort habe ich jedoch keinen Wachdienst ausgeübt. Ich war in der inneren Postenkette eingesetzt.

Für die Häftlinge war es meines Erachtens unmöglich zu flüchten, schon gar nicht, wenn der Elektrozaun eingeschaltet wurde. Wenn man nachts auf dem Wachturm Dienst hatte, so konnte man mit den dort installierten Scheinwerfern und Strahlern auch in das Lagerinnere hineinleuchten. Allerdings waren die Scheinwerfer nicht durchgängig an. Sobald man jedoch eine Bewegung im Lager selbst oder irgendetwas Ungewöhnliches wahrnahm, wurden diese großen Strahler angeschaltet. Man durfte jedoch nicht ohne Grund mit den Scheinwerfern innerhalb des Lagers leuchten, aber stets dann, wenn dort irgendeine Bewegung wahrgenommen wurde, die nicht ohne weiteres zugeordnet werden konnte.

Diese Wachtätigkeit, die ich in der inneren Postenkette ausübte, bezieht sich auf den Zeitraum, in welchem ich noch nicht zum Unterscharführer befördert wurde. Irgendwann meldete ich mich dann freiwillig zum Unteroffizierslehrgang an. Wann dies genau war, kann ich nicht mehr nachhalten. Dieser Unteroffizierslehrgang fand in Bad Tölz statt. Nachdem ich den Lehrgang beendet hatte, stand die Beförderung zum Unterscharführer an. In dieser Funktion war ich öfter Kommandoführer und habe vier bis fünf Soldaten des Wachbataillons kommandiert, vornehmlich bei Arbeitseinsätzen außerhalb des Lagers. Wir wurden dann abgestellt, Häftlinge zu Arbeitseinsätzen zu begleiten, damit keiner flüchten konnte. Ich war dann oft Kommandoführer, jedenfalls war der Unterscharführer immer Kommandoführer, wenn diese Leute zu Arbeitseinsätzen außerhalb der inneren Postenkette geführt wurden. Je nach Größe der Arbeitsgruppe hatte ich dann drei oder vier Soldaten aus dem Wachbataillon dabei. Diese Soldaten, die ich befehligen konnte, haben sich dann im Kreis aufgestellt, so dass von den Häftlingen, sobald die Arbeitsstelle erreicht war, keiner flüchten konnte.

Ich kann mich erinnern, dass während dieser Einsätze, an denen ich als Zugführer beteiligt war, sich zu keinem Zeitpunkt irgendein Häftling entfernt hat. Ich glaube auch, dass das Risiko viel zu hoch und dies den Häftlingen auch bewusst war. Wir hätten für diesen Fall sofort von der Schusswaffe Gebrauch gemacht. Um die Arbeiten selbst mussten wir uns nicht kümmern. Das war Sache der Kapos. Diese wussten Bescheid, was für ein Tagespensum zu leisten war oder was die Häftlinge zu arbeiten hatten. Meine Aufgabe war es mit meinem Kommando dafür zu sorgen, dass sich kein Häftling entfernen konnte.

Wenn ich gefragt werde, ob ich auch an der alten Judenrampe als Wachführer eingesetzt war, so muss ich dies verneinen. An der alten Judenrampe war ich nicht als Wachführer eingeteilt. Ich weiß aber, dass die dritte Kompanie dort Leute abgestellt hatte. Ich selbst wurde nie an die alte Judenrampe abkommandiert. Ich habe mir aber mal nach Dienstschluss angesehen, wo die neue Bahnlinie nach Birkenau verlegt wurde. Ich habe damals die Maschinen und die Arbeiter gesehen, die die Gleise nach Birkenau verlegten.

Während meines Dienstes in der inneren Postenkette habe ich nie erlebt, dass Häftlinge versucht haben, aus dem Lager zu fliehen. Das war meiner Meinung nach von vornherein auch gar nicht möglich, da ja die Elektrozäune verbaut waren. Den Häftlingen wurde auch gesagt, dass man den Zaun nicht berühren sollte. Ihnen wurde gesagt, dass man dann gleich in Flammen steht und sich Starkstrom im Zaun befindet.

Während meiner weiteren Dienstzeit im Stammlager Auschwitz l bekam ich wieder Malaria-Anfälle. Man schickte mich dann vom Lager Auschwitz l wieder zur Solahütte. Dort angekommen, bekam ich wiederum hohes Fieber. Es wurde mir gesagt, dass man mich hier nicht gebrauchen könne. Ich solle wieder ins Lager. Im Stammlager Auschwitz l befand sich ja auch eine Krankenstation.

Während ich dann im Stammlager in der Krankenstation war, bekam ich durch andere Kameraden mit, dass wieder ein Zug angekommen sei. Man erfuhr natürlich, dass Züge mit Guterwagens in Auschwitz ankamen, die vollgestopft mit Menschen waren. Woher die Züge im Einzelnen kamen, wurde uns nicht gesagt. Uns war aber schon bekannt, dass ein Großteil der Leute, die mit den Zügen ankamen, getötet wurde.

Ich kann mich an einen Vorfall erinnern. Ich hatte meinen Wachdienst beendet. In meiner Freizeit begab ich mich in das Gebiet, welches sich zwischen dem Stammlager Auschwitz l und Auschwitz II, nämlich Birkenau befand. Auch dort gab es Zäune.  An einem solchen Zaun, der sich zwischen dem Lager l und Birkenau befand, sprach mich plötzlich eine Frau an. Die Frau war zirka 40 bis 50 Jahre alt. Sie flehte mich an: »Bitte helfen Sie mir, nehmen Sie mich in Ihre Familie auf. Ich mache alles für Sie. Ich koche, ich putze, ich mache alles.« Ich sagte der Frau, dass ich ihr nicht helfen könne. Die Frau hatte keine Häftlingskleidung an, war noch normal gekleidet. Sie war völlig durcheinander und flehte mich an, ihr doch zu helfen. Ich sagte ihr noch einmal, dass ich ihr nicht helfen könne. Ich erklärte der Frau, sie solle ganz langsam in Richtung der Häuser in Richtung Polen gehen. Dort könne man ihr vielleicht helfen. Ich sagte ihr, sie solle äußerst langsam gehen, damit man nicht den Eindruck hätte, sie würde vor etwas flüchten. Die Frau ging dann auch ganz langsam und nach vom gebeugt in Richtung der Häuser, die ich ihr angewiesen hatte, und verschwand dort.

Ich musste damals nicht an dem Zaun Wache schieben, ich habe mir das nur angeguckt und bin da herumspaziert. Ich kann mich noch erinnern, dass uns gesagt wurde, die Transporte kämen jetzt nicht mehr über Auschwitz l, sondern Birkenau bekäme einen eigenen Anschluss. Schon auf halber Strecke, wenn man sich vom Stammlager l in Richtung Birkenau begab, nahm man den Geruch der sich dort befindenden Krematorien wahr. Ich wollte absolut nicht nach Birkenau, ich wusste wohl, was dort los war. Ich habe immer zugesehen, dass ich dort nicht zum Einsatz kam. Ich muss noch erwähnen, dass man sich als Mitglied der Wachmannschaft frei innerhalb des Stammlagers bewegen konnte.

Während des Wachdienstes kontrollierte ich einen Häftling, der in der Nähe der Kommandatur ein Fahrzeug reparierte. Er hatte Sträflingskleidung an. Ich fragte ihn, ob er auch das Fahrzeug ordnungsgemäß reparieren könne. Er antwortete, dass er dies gelernt habe. Ich fragte ihn, wo er herkomme. Er antwortete, dass er aus Bielefeld stamme. Ich teilte ihm mit, dass ich aus Lage käme und fragte ihn, ob er Lage kennen würde. Dies bejahte der Häftling. Am nächsten Tag kontrollierte ich den Häftling erneut. Der Häftling sprach mich an und fragte mich, ob ich ihm einen Gefallen tun könne. Ich fragte ihn, was er denn wolle. Er fragte mich dann, ob ich nicht einen Brief an seine Frau mitnehmen könne. Ich sagte ihm, ich wisse nicht, was auf mich zukomme, wenn dies jemand in Erfahrung brächte. Der Häftling bat mich noch einmal, ich möge ihm diesen Gefallen doch tun. Ich sagte ihm dann, dass der Transport des Briefes große Gefahren für mich bedeuten würde. Ich würde es mir noch einmal überlegen. Dieses Gesprach fand statt, kurz bevor ich meinen Heimaturlaub antreten konnte. Wenige Tage später traf ich diesen Häftling erneut im Bereich der Kraftfahrzeugwerkstatt im Stammlager. Der Häftling bat mich nochmals, ihm diesen großen Gefallen doch zu tun. Ich sagte ihm, wenn ich beim Transport dieses Briefes erwischt würde, wäre ich dran. Ob er denn wisse, was mich zu erwarten hätte. Der Häftling bat mich trotzdem noch einmal eindringlich und sagte, dass seine Frau in Bielefeld lebe. Sie wisse nicht einmal, wo er sei. Der Häftling holte dann den Brief aus der inneren Jackentasche. Ich habe ihn schnell an mich genommen und eingesteckt.

Als ich meinen Heimaturlaub angetreten habe, bin ich mit dem Fahrrad nach Bielefeld gefahren. Ich habe meine Uniform jedoch nicht angezogen. Das war mir zu riskant. Die Frau des Häftlings lebte ein oder zwei Straßen unterhalb der Detmolder Straße in Bielefeld. Ich habe diese Frau schließlich gefunden und ihr den Brief übergeben. Ich habe nicht viel mit der Frau gesprochen. Die Frau wollte wissen, von wem dieser Brief denn sei. Ich habe ihr gesagt, ich wisse es nicht. Ich habe sie gefragt, ob sie den Brief annehmen würde oder nicht. Schließlich nahm sie ihn an. Ich habe mich dann schnell mit meinem Fahrrad entfernt. Ich hatte mich der Frau weder vorgestellt noch einen Namen genannt. Ich kann nicht sagen, was aus dem Häftling, der mir den Brief übergeben hat, geworden ist.

Wenn ich vorher gesagt habe, dass wir uns im Stammlager frei bewegen konnten, so trifft dies nicht ganz zu. Die eigentlichen Blocks, in welchen die Häftlinge untergebracht waren, konnten wir ohne weiteres nicht betreten. In den Blocks selbst hatte nach meinem Wissenstand keiner der SS-Leute etwas zu suchen. Wir durften in diese Blocks nicht hinein. Das war nur den Blockführern, den so genannten Kapos gestattet. Offiziell waren ja Misshandlungen von Häftlingen ausdrücklich verboten. Ich weiß jedoch, dass dies den Kapos vorbehalten blieb. Ich gehe auch davon aus, dass die Kapos von ihren Befugnissen in diesem Bereich Gebrauch gemacht haben. Von den Häftlingen selbst hat sich nach meinem Wissen keiner über den jeweiligen Kapo oder die Kapos beschwert. Ich nehme auch an, dass die Häftlinge dies später hätten büßen müssen, da sich der Kapo das jedenfalls nicht hätte gefallen lassen. Wir selbst haben mit den Häftlingen grundsätzlich nicht gesprochen. Wenn etwas zu beanstanden war, dann wurde dies den Kapos mitgeteilt. Diese sorgten dann dafür, dass der Fehler korrigiert wurde.

Ich hatte bereits erwähnt, dass ich mit den Kameraden, die in Auschwitz mit mir Dienst hatten, nie so richtig warm geworden bin wie mit denjenigen, mit denen ich an der Front gekämpft habe. Das waren zwei völlig verschiedene Situationen und auch völlig verschiedene Verhältnisse zu den einzelnen Kameraden. Ich hatte in der ersten Zeit, in der ich nach Auschwitz abkommandiert worden war, zweimal Versetzungsanträge zur Front gestellt. Ich wollte zu meiner Einheit zurück. Beide Versetzungsanträge wurden schon bei der Abgabe abgelehnt. Bei meinem zweiten Antrag habe ich richtig Ärger bekommen. Man hat mir gesagt, dass ich nicht hier weg komme und dass es besser wäre, nicht noch einmal einen Antrag zu stellen.

In Auschwitz war es jedenfalls so, dass einem dort recht deutlich gemacht wurde, dass man zu funktionieren hatte und das zu tun hatte, was von einem verlangt wurde. Wenn ich mich richtig erinnern kann, ließ man auch keinen Zweifel daran, dass, sollte man sich weigern, man Schlimmeres zu befürchten hatte. Diesbezüglich herrschte ein Spruch zwischen den Soldaten, der wie folgt lautete: »Das lass mal sein, da spürst du schon den Daumen im Rücken.« Da wusste jeder Bescheid. Jeder misstraute dem anderen. Es gab im Grunde keine richtige Kameradschaft, so wie ich diese von der Front her kannte.

Irgendwann wurde ich dann nach Oranienburg versetzt. Als ich dort stationiert war, näherte sich der Russe dem Lager. Aus den Wachmannschaften wurden dann Kampfeinheiten gebildet. Ich gehörte in dieser Zeit zur Kampfgruppe Wimmer. Die Kampfgruppe Wimmer wurde gegen die Engländer eingesetzt. In Oranienburg habe ich mich dann als so genannter »Zwölfender« verpflichtet, weil ich ja eine Frau und einen Sohn hatte. Wir mussten ja von irgendetwas leben. Ich kann mich erinnern, dass man damals zirka 1000 Reichsmark im Monat bekam.

Schon als ich noch in Auschwitz stationiert war, wurde mir klar, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen war. Man hörte auch immer wieder, dass der Russe vor der Tür stehe. Als ich dann in Oranienburg hörte, dass der Russe immer näher kam, wusste ich, dass der Krieg verloren war. Wir haben dann mit den Engländern gesprochen. Diese sagten uns: »Wollt Ihr zu den Russen, oder wollt ihr zu uns?« Wir sind dann geschlossen in Gefangenschaft zu den Engländern gegangen. Ich muss auch sagen, dass ich damals als junger Soldat davon geleitet war, wieder nach Hause zu kommen. Das war nachher mein einziges Ziel. Ich wollte nur noch überleben.

Später, als ich aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrte, habe ich mit keinem anderen Menschen über meine Erlebnisse in Auschwitz gesprochen. Ich habe weder mit meiner Ehefrau oder meinen Kindern oder Enkeln jemals über Auschwitz gesprochen. Niemand in meiner Familie hat gewusst, dass ich in Auschwitz tätig war. Ich konnte einfach nicht darüber reden. Ich habe mich geschämt. Ich habe dann immer gesagt, dass ich am Russlandfeldzug teilgenommen und anschließend in Kriegsgefangenschaft geriet. Ich habe mein Leben lang versucht, diese Zeit zu verdrängen. Auschwitz war ein Alptraum. Ich wünschte, nie dort gewesen zu sein.«

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