Sa., 14.01.2017

Seit fünf Jahren tobt der Machtkampf zwischen Robert und Clemens Tönnies Die Schlacht der Schlachter

Seit fünf Jahren tobt der Streit zwischen Robert (links) und Clemens Tönnies.

Seit fünf Jahren tobt der Streit zwischen Robert (links) und Clemens Tönnies. Foto: dpa/Montage: Bremer

Von Oliver Horst

Rheda-Wiedenbrück (WB). Geld, Macht, persönliche Eitelkeiten: Seit fünf Jahren tobt öffentlich der Familienstreit an der Spitze des Rheda-Wiedenbrücker Fleischkonzerns Tönnies. Robert Tönnies (38) klagt gegen seinen Onkel und Konzernlenker Clemens Tönnies (60), sein eigenes Unternehmen und weitere Beteiligte. Ein Ende des Konflikts ist trotz etlicher Prozesse und zigtausend Seiten starker Schriftsätze der Anwälte nicht in Sicht. Das Wichtigste zum Streit im Überblick:

Die Ausgangslage

Wem gehört was? Foto: Montage/Scholz

Im Zentrum des Konflikts stehen Robert und Clemens Tönnies . Neffe und Onkel halten jeweils 50 Prozent am größten deutschen Fleischkonzern (12.500 Mitarbeiter/6,3 Milliarden Euro Umsatz). Clemens Tönnies leitet seit dem Tod seines Bruders und Firmengründers Bernd im Jahr 1994 das Unternehmen. Seither vervielfachte sich der Konzernumsatz.

Die längste Zeit hielt der Chef aber »nur« 40 Prozent an der Firma. Dieses Beteiligungsverhältnis aus der Zeit, als Clemens Tönnies ins brüderliche Unternehmen einstieg, änderte sich erst 2008. Damals schenkten ihm seine Neffen Robert und Clemens junior, die Söhne von Bernd Tönnies, jeweils fünf Prozent ihrer Anteile.

Sie hatten je 30 Prozent geerbt und wollten das »Sterbebettversprechen« erfüllen, das ihr Vater dem Onkel nach dessen Angaben vor seinem Tode gegeben hatte. Später übertrug Clemens junior seine restlichen 25 Prozent seinem Bruder Robert – die Zahlung des Kaufpreises steht bis heute aus.

Die Streitpunkte

Robert Tönnies fühlt sich trotz seiner 50-Prozent-Beteiligung systematisch benachteiligt und hintergangen. Die Liste der Vorwürfe ist lang: So habe ihn Clemens Tönnies etwa aus der operativen Arbeit im Unternehmen gedrängt, es sei ihm der Zugang verwehrt und sein E-Mail-Konto sei gesperrt worden.

Zudem habe sein Onkel hinter seinem Rücken ein »Schattenreich« aufgebaut, indem er Aktivitäten im Fleisch- und Wurstbereich auf eigene Rechnung und abseits des gemeinsamen Konzerns betrieben habe. Dazu zählt unter anderem die Wurstwarengruppe Zur Mühlen mit Marken wie Böklunder, Könecke oder Schulte.

Clemens Tönnies weist alle Vorwürfe zurück. Er betont, stets das Wohl des Unternehmens und der Familie im Blick gehabt zu haben. Im Zweifelsfall und in Absprache mit dem langjährigen Testamentsvollstrecker Josef Schnusenberg, gegen den Robert ebenfalls klagt, habe er risikoreichere Geschäfte selbst getätigt und mit eigenem Vermögen abgesichert.

Clemens Tönnies wirft seinem Neffen wiederum vor, ihn aus der Firma »herausdrängen und sie meistbietend verkaufen« zu wollen. Der Onkel betont, dass sich sein Neffe mit ihm streite, nicht umgekehrt. Er selbst habe keine einzige Klage erhoben, bekräftigt Clemens Tönnies.

Der Schenkungswiderruf

Angesichts des Bildes, wie es sich für Robert Tönnies inzwischen darstellt, will er die Schenkung seines Fünf-Prozent-Anteils an den Onkel widerrufen. Wegen »groben Undanks und arglistiger Täuschung«. Der Prozess in dieser Sache, der seit November 2014 am Landgericht Bielefeld läuft, gilt als das Kernverfahren im Familienstreit . Würde sich Robert Tönnies durchsetzen, hielte er mit 55 Prozent die Mehrheit.

Bislang zeichnet sich ein Erfolg des Neffen aber trotz diverser Zeugenbefragungen an etlichen Verhandlungstagen nicht ab. Das Gericht unter Vorsitz von Jörg Schröder deutete mehrmals an, dass einzelne Klagepunkte ins Leere gehen könnten. Zudem gibt es grundsätzliche Bedenken, dass die Klage sich gar nicht gegen den Onkel, sondern den Testamentsvollstrecker Schnusenberg richten müsste. Der Prozess wird an diesem Montag mit gleich sieben Zeugen fortgesetzt.

Das Doppelstimmrecht

Der einzige große Erfolg, den Robert Tönnies mit seiner Klagewelle bislang verbuchen konnte, ist das gekippte Doppelstimmrecht seines Onkels. Clemens Tönnies hatte jahrelang das letzte Wort für sich reklamiert, falls es zwischen den Gesellschaftern zu einem Patt kommt. Wirklich Gebrauch machen musste er davon aber nie. Das Landgericht Bielefeld kassierte das Doppelstimmrecht im Mai 2014. Das Oberlandesgericht ( OLG ) Hamm bestätigte die Entscheidung im März 2015. Der Bundesgerichtshof wies die Beschwerde gegen die Nichtzulassung der Revision im Juli 2016 abschließend zurück.

Verantwortlich für die Schlappe des Onkels war ein Formfehler. Durch eine Änderung der Konzernstruktur war das Machtins­trument letztlich bei einer Tochtergesellschaft und nicht mehr bei der Dachgesellschaft eingetragen.

Die 100-Millionen-Klage

Im dritten größeren Prozess des Familienstreits fordert Robert Tönnies seinen Konzern zur Auszahlung von bis zu 100 Millionen Euro auf. Mit dem Geld will er den Kauf der Anteile von seinem Bruder finanzieren. Der Preis war aus steuerlichen Gründen auf den Buchwert – maximal aber 100 Millionen Euro begrenzt worden. Der Wert ist noch nicht abschließend ermittelt, soll sich aber auf etwa 67 Millionen belaufen. Der Verkehrswert dürfte bis zu 400 Millionen Euro betragen haben.

Zur Finanzierung war einst neben Fremdkapital auch die Auszahlung größerer Summen von Robert Tönnies’ Gesellschafterkonto vorgesehen. Der Konzern sieht sich daran aber nicht gebunden. Die Entnahmepraxis wurde später geändert und sieht eine Auszahlung von maximal fünf Millionen Euro pro Jahr vor. Der Prozess am Landgericht Bielefeld wird am 17. Februar mit der Befragung des damals eingeschalteten Notars fortgesetzt.

Die Nebenkriegsschauplätze

Insgesamt hat Robert Tönnies mehr als ein Dutzend Klagen auf den Weg gebracht – größtenteils gegen das eigene Unternehmen zur Durchsetzung seiner Forderungen. Auf dem Klageweg wollte er so auch die Abberufung des langjährigen Geschäftsführers Josef Tillmann erreichen, der als rechte Hand seines Onkels gilt.

Robert Tönnies warf dem Geschäftsführer vor, im Zusammenhang mit dem »Sterbebettversprechen« seines Vaters als Zeuge bewusst die Unwahrheit zugunsten von Clemens Tönnies gesagt zu haben. Weder das Landgericht Bielefeld noch in der Berufung das OLG Hamm sahen dafür hinreichende Belege. Die Klage wurde abgewiesen. Eine Beschwerde dagegen beim BGH lässt Robert Tönnies derzeit vorbereiten. Tillmann wiederum hat den Gesellschafter wegen Verleumdung verklagt.

Der 38-Jährige geht auch gegen den früheren Testamentsvollstrecker und einstigen Freund der Familie, Josef Schnusenberg, vor. Dem langjährigen Konzernsteuerberater wirft er vor, mit Clemens Tönnies, mit dem Schnusenberg nach wie vor ein enges Verhältnis pflegt, zu seinem Nachteil gemeinsame Sache gemacht zu haben. Die Schadenersatzklage über rund 155 Millionen Euro soll im Frühjahr verhandelt werden. Roberts Mutter Evelin Tönnies scheiterte derweil mit einer Schadenersatzklage gegen Schnusenberg.

Im Streit um Fehler als Steuerberater hat Schnusenberg nach einem Vergleich 350.000 Euro an Robert Tönnies überwiesen.

Die Anwälte

Beide Seiten haben im Laufe des Streits bereits ihre Anwälte ausgetauscht: Robert Tönnies setzte lange auf den in Familienstreitigkeiten gefürchteten Stuttgarter Anwalt Prof. Dr. Mark Binz. Der 67-Jährige mit dem Lausbuben-Lächeln stellte für den Schenkungswiderruf eine Liste von rund 40 »Verfehlungen« des Onkels auf.

Clemens Tönnies machte Binz immer wieder für das Scheitern von außergerichtlichen Einigungsversuchen verantwortlich. Inzwischen führt Christine Gärtner (Frankfurt/Düsseldorf) die Riege der Rechtsberater des Neffen an. Im Herbst trieb sie Clemens Tönnies bei einer Zeugenbefragung derart in die Enge, dass dessen Münchener Anwalt Dr. Tobias Bürgers einschritt, um seinen Mandanten zu schützen.

Bürgers hatte die Advokaten der Kanzlei Hengeler-Mueller nach der Schlappe im Prozess ums Doppelstimmrecht abgelöst. Nach Schätzung von Prozessbeobachtern dürfte der Rechtsstreit inzwischen Kosten in zweistelliger Millionenhöhe verursacht haben.

Die Perspektive

Egal wie die Gerichte am Ende entscheiden: Neffe und Onkel muss eigentlich klar sein, dass sie anschließend ohnehin in Gesprächen regeln müssen, wie ihre Zusammenarbeit als Gesellschafter aussehen soll. Es sei denn, einer von beiden trennt sich von seinen Anteilen. Das gilt aber als wenig wahrscheinlich.

Robert Tönnies fordert die Gleichberechtigung etwa in einem Gremium, das die Strategie vorgibt. Inwieweit sich Clemens Tönnies komplett aus dem Tagesgeschäft zurückziehen will und kann, ist unklar. Ebenso, ob er sich bis 2021 wirklich zurückziehen will, wie zum 60. Geburtstag im Mai 2016 angekündigt.

So zerstritten Neffe und Onkel sind – eines eint sie: das Interesse am Erfolg des Konzerns.

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