Do., 22.09.2016

Ein Jahr und einen Tag war die Zeltstadt Notunterkunft für Flüchtlinge Abschied mit ein bisschen Wehmut

Mit ein bisschen Wehmut berichtet die Leiterin der Zeltstadt, Simone Hünninghaus, aus dem Alltag der Flüchtlinge in der Notunterkunft. Hier sind Kinder geboren worden und Freundschaften entstanden, berichtet sie vor der Kamera.

Mit ein bisschen Wehmut berichtet die Leiterin der Zeltstadt, Simone Hünninghaus, aus dem Alltag der Flüchtlinge in der Notunterkunft. Hier sind Kinder geboren worden und Freundschaften entstanden, berichtet sie vor der Kamera. Foto: Monika Schönfeld

Von Monika Schönfeld

Schloß Holte-Stukenbrock (WB). »Das sind liebe Familien, die uns fehlen werden.« Simone Hünninghaus, die Leiterin der Zeltstadt von der Bezirksregierung, und ihre Stellvertreterin Gabi Wiebusch-Krüger, winken den 204 Flüchtlingen nach, die am Donnerstag mit dem Bus nach Herford und nach Detmold in feste Unterkünfte verlegt worden sind.

Im improvisierten Fahrradanhänger transportiert dieser Zeltstadtbewohner Bettwäsche aus den Zelten zur Sammelstelle.

Es bleiben bis Montag noch zehn Flüchtlinge in der Zeltstadt. Das sind die, die ihren Asylantrag auf den Weg gebracht haben und jetzt den Kommunen zugewiesen werden. Bis Montag bleibt der komplette Betrieb der Zeltstadt aufrecht erhalten.

101 Menschen kommen in die ehemalige Harewood-Kaserne nach Herford, 103 Menschen werden in einer Wohnsiedlung in Detmold einquartiert. »Wir haben uns Mühe gegeben, Menschen, die hier Freundschaft geschlossen haben, nicht zu trennen«, sagt Simone Hünninghaus.

»Wir hatten hier eine nette Klientel«

»Wir hatten hier eine nette Klientel«, sagt ihre Stellvertreterin. »Man kennt die Hintergründe, ihre Geschichte, menschliche Schicksale, die uns sehr berührt haben«, so Gabi Wiebusch-Krüger.

Die Flüchtlinge verabschieden sich, sie winken aus dem Bus, die Mitarbeiter der Bezirksregierung und die Mitarbeiter von European Homecare, die sie betreut haben, müssen sich beim Abschied fast eine Träne verdrücken. Ein Fernsehteam ist da. Einige möchten vor die Kamera und etwas sagen, holen sich dafür eine Dolmetscherin.

»Ein Riesen-Dankeschön an das deutsche Volk«

Ein 16-jähriger Aserbaidschaner spricht Simone Hünninghaus auf Englisch an. »I had a very good time« – ich hatte eine sehr gute Zeit. Zwei ältere Aserbaidschaner bedienen sich der Russisch-Übersetzerin. »Ein Riesen-Dankeschön an das deutsche Volk. Wir sind sehr freundlich und offen empfangen worden.«

Der eine Mann gibt zu, dass er nach Deutschland gekommen ist, um seinem Sohn eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Nicht nur aus den aktuellen Kriegs- und Terrorgebieten Syriens, des Iran und Irak haben Menschen in der Zeltstadt eine erste Zuflucht gefunden. Sie kommen aus Gebieten, wo sie unter der Diktatur und Verfolgung leiden, auch aus Tibet oder Südamerika.

Nach einem Jahr und einem Tag hat die Zeltstadt ihre Aufgabe vorerst erledigt.

»Ein Jahr und einen Tag« lang war die Notunterkunft am Gelände der Polizeischule am Emsweg in Betrieb. Zu Spitzenzeiten, so Simone Hünninghaus, war die Zeltstadt fast voll belegt. Fast 1000 Menschen hat sie Ende November 2015 gezählt. »Hier ist eine kleine Stadt entstanden. Hier haben Menschen gelebt. Hier wurden Kinder geboren. Manche sind bis zu neun Monate hier gebleiben.«

Den Umzug der Flüchtlinge hat auch die örtliche Polizeiwache begleitet. Deren Leiter Markus Wolff macht unmissverständlich klar, dass er und seine Leute die Zeltstadt wie bisher im Auge haben werden. Auch wenn ab Montag dort niemand mehr wohnt, werden die Zelte, die vorerst stehen bleiben, bewacht und auch beleuchtet.

Das Gelände wird weiter bewacht

»Die Zeltstadt wird von uns so behandelt, als wäre sie noch voller Menschen«, sagt Wolff. Sicherheitspersonal wird rund um die Uhr das Gelände bewachen. Es handelt sich immerhin um ein 45 000 Quadratmeter großes Gelände, auf dem 24 Leichtbauhallen (davon 15 Wohnzelte für je 75 Personen) und sieben Verwaltungscontainer stehen.

Der Leiter der Polizeiwache, Markus Wolff und Simone Hünninghaus.

Wolff begleitet die Zeltstadt von der Planung an. »Hier war nichts, nur Gestrüpp. In 19 Tagen ist hier eine Zeltstadt entstanden. Das war eine respektable Leistung.«

Die Zelte bleiben also vorerst stehen. Die Stadt, so hatte es der Sprecher der Bezirksregierung, Andreas Moseke, bereits berichtet , könne innerhalb weniger Stunden reaktiviert werden. Geplant sei, die Zeltstadt zum 1. Mai 2017 zu schließen, wenn sich die politische Großwetterlage nicht weiter verschlechtere und Deutschland doch wieder mehr Flüchtlinge aufnehmen müsse.

Bleibt es bei der bisherigen Situation, werden die Zelte abgebaut, da sie nur geliehen sind. Die Infrastruktur in der Erde bleibt aber. Für alle Fälle.

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