Do., 07.08.2014

Staatsschutz ermittelt nach Tumulten zwischen Jesiden und Tschetschenen – mehrere Demos in OWL geplant Polizei schützt religiöse Gebäude

Auch am Tag nach den Tumulten in der Herforder Innenstadt war die Polizei dort verstärkt präsent.

Auch am Tag nach den Tumulten in der Herforder Innenstadt war die Polizei dort verstärkt präsent. Foto: Moritz Winde

Herford (dpa/WB/ca). In Herford ist die Polizei auch am Tag nach den Tumulten zwischen muslimischen Tschetschenen und Jesiden weiterhin in Alarmbereitschaft gewesen. Die Beamten schützten am Donnerstag vor allem relevante religiöse Gebäude, hieß es, etwa Moscheen und die Synagoge in der Komturstraße.

Dieses Plakat soll die Gewalt ausgelöst haben. Foto: Winde

Stichwort: Jesiden

Die Jesiden sind Teil der kurdischen Volksgruppe und bilden eine religiöse Minderheit unter den mehrheitlich muslimischen Kurden.

Weltweit zählen Schätzungen zufolge etwa 800.000 Menschen zum jesidischen Glauben. In Deutschland leben rund 80.000 Jesiden, die meisten von ihnen im Raum Oldenburg, wo der Zentralrat der deutschen Jesiden sitzt, sowie in NRW mit Schwerpunkten in Bielefeld und dem Kreis Lippe. Jeside wird man nur durch Geburt, niemand kann zu dem Glauben übertreten oder bekehrt werden.

Das religiöse Zentrum des Jesidentums befindet sich im Nordirak. Aktuell werden in der Region Jesiden wie auch Christen, Schiiten und andere Religionsgruppen von der radikalsunnitischen Miliz »Islamischer Staat« (IS) verfolgt und fliehen zu Tausenden in die kurdischen Autonomiegebiete.

Nach den gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Jesiden und Sympathisanten der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) in Herford ermittelt jetzt der Staatsschutz. Auch am Donnerstag hat die Polizei Herford Unterstützung von Beamten einer Einsatzhundertschaft erhalten und starke Präsenz insbesondere in der Innenstadt gezeigt. »Wir werden dem Versammlungsrecht unterliegende Veranstaltungen schützen, jedoch keine gewalttätigen Aktionen dulden«, teilte die Polizei mit.

Für die nächsten Tage sind in Detmold (Donnerstag), Herford (Freitag) und Bielefeld (Samstag) weitere Demonstrationen von Jesiden gegen die Terrorgruppe Islamischer Staat geplant.

Sechs Männer aus Herford, Hiddenhausen und Hamburg festgenommen

Bei den Tumulten am Mittwoch nahm die Polizei in Herford sechs muslimische Angreifer fest. Wie die Kreispolizei Herford am Donnerstag berichtete, sollen Jesiden in einem Imbiss in der Innenstadt einen Demonstrationsaufruf aufgehängt haben. Sechs IS-Sympathisanten hätten dann die fünf Jesiden attackiert. Zwei 31 und 16 Jahre alte Jesiden wurden dabei durch Messerstiche leicht verletzt.

Nach WESTFALEN-BLATT-Informationen handelt es sich bei den muslimischen Angreifern um vier Deutsche und zwei Russen im Alter zwischen 20 und 26 Jahren, die die »IS« unterstützen. Fünf von ihnen sollen aus Tschetschenien stammen, einer aus Ostdeutschland. Sie sind in Herford, Hiddenhausen und Hamburg gemeldet. Der gebürtige Deutsche soll Konvertit sein. Alle Männer sollen dem Salafismus nahestehen, also einer Strömung, die einen islamistischen Gottesstaat mit den Gesetzen der Sharia anstrebt. Herford gilt in Sachen Salafismus als ein regionaler Brennpunkt.

Schlagwerkzeuge und Schusswaffe sichergestellt

Später versammelten sich mehrere hundert Jesiden, um gegen den Angriff, gegen Salafisten sowie die Übergriffe in Syrien und im Irak zu protestieren. Es kam zu Sachbeschädigungen und Landfriedensbruch, als eine vermummte und mit Schlagwerkzeugen bewaffnete Menge auf Passanten einschlug. Durch einen massiven Einsatz von Pfefferspray der Polizei wurde der Angriff beendet. Ein 24-jähriger Herforder erlitt Platzwunden und Prellungen. Von 86 Menschen wurden die Personalien aufgenommen. Schlagwerkzeuge und eine Schusswaffe wurden sichergestellt. Zur Unterstützung wurden Polizisten aus Ostwestfalen und Hundertschaften aus Bochum und Dortmund nach Herford beordert.

Im Laufe der Nacht warfen Jesiden dann noch die Scheiben eines Hauses ein, in dem früher eine Moschee war. Die ist aber vor einiger Zeit umgezogen und befindet sich jetzt ein paar hundert Meter weiter. In dieser Moschee versammelten sich Muslime, um sie notfalls zu verteidigen.

Kriminaloberrat Thomas Hochhaus, Leiter des Staatsschutzes im Polizeipräsidium Bielefeld, sagte dem WESTFALEN-BLATT: »Wir hoffen, dass sich die Wogen wieder glätten. Gerade bei den Jesiden gibt es mahnende Stimmen, die sich eindringlich gegen Gewalt aussprechen. Die Jesiden wissen, dass Deutschland ein sicheres Land für sie ist und sie als Verfolgte einen gewissen Rückhalt genießen. Wenn sie aber Gewalt ausüben, was nicht zu unserer Kultur gehört, kann die Stimmung in der Bevölkerung kippen.«

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