Do., 07.05.2015

Hartmut Richter hat Brustkrebs überlebt und will Selbsthilfegruppe gründen Mann mit »Frauenkrankheit«

Hartmut Richter bezeichnet sich selbst als Glückspilz: Trotz später Diagnose hat er den Brustkrebs besiegt.

Hartmut Richter bezeichnet sich selbst als Glückspilz: Trotz später Diagnose hat er den Brustkrebs besiegt. Foto: Peter Monke

Von Peter Monke

Herford/Löhne (WB). 74.000 Fälle von Brustkrebs gibt es jedes Jahr in Deutschland, doch nicht immer trifft es eine Frau. Etwa 600 Mal wird ein Mann mit dieser Diagnose konfrontiert. Einer von ihnen ist Hartmut Richter (59). Seine Erfahrungen mit der Krankheit will der gebürtige Herforder weitergeben. Er sucht Menschen, die sein Schicksal teilen, um mit ihnen eine Selbsthilfegruppe zu gründen.

Im Sommer 2009 merkt Hartmut Richter zum ersten Mal, dass etwas nicht stimmt: »In der rechten Brust hatte ich eine leichte Verdickung. Die habe ich gespürt, wenn ich mich auf der Liege im Garten zum Sonnen auf den Bauch gedreht habe«, erzählt er. Der Hausarzt vermutete eine Entzündung und verschrieb ein Antibiotikum.

Zwei Jahre zuvor war Richter ein Abszess aus der linken Brust entfernt worden. »Der war so dick wie ein Hühnerei. An den habe ich damals wieder gedacht, aber nicht an Krebs«, sagt der 59-Jährige, der heute in Löhne lebt.

»Als habe jemand den Finger in die Wunde gelegt«

Fast vier Jahre vergingen. An den Druck in der Brust gewöhnte sich Richter, denn schmerzhaft war er nicht. Dann kam der Moment, der alles verändern sollte. Bei seiner Arbeit als Nachrichtentechniker wollte er eine Leiter in ein Haus tragen, blieb an einem Türrahmen hängen und stieß sich mit der Leiter gegen die rechte Brust. Der Schmerz war so heftig, dass Richter das Gefühl hatte, »als habe jemand einen Finger in eine offene Wunde gelegt«.

Der Hausarzt schickte ihn zum Röntgen, dort angekommen leitete man ihn direkt weiter zur Mammographie. Beide Brüste wurden geröntgt. Es folgte die Überweisung ins Screeningzentrum. »Dort hat man mich erstmal gefragt, ob ich mich verlaufen habe, diese Abteilung sei doch nur für Frauen«, erinnert sich Richter.

Die Diagnose war ein Schock

Gewebeproben wurden analysiert, aus den Lymphknoten in der Achsel mussten sie mit einer 20 Zentimeter langen Nadel entnommen werden. Dann die Diagnose: Brustkrebs. »Das war ein Schock«, erinnert sich Hartmut Richter. Fragen über Fragen türmten sich vor ihm auf: »Wie sage ich es meiner Frau? Was wird aus meinem Arbeitsplatz? Und wie geht es überhaupt weiter für einen Mann mit einer typischen Frauenkrankheit?«

Die Operation folgte rasch. 497 Gramm Haut, Gewebe und Muskel wurden herausgeschnitten, darunter 40 Lymphknoten, die sich zum Teil schon verändert hatten. Der Tumor selbst war 4,5 Zentimeter groß und bösartig, hatte aber noch keine Metastasen gebildet. Glück im Unglück für Hartmut Richter, denn: »Im Durchschnitt wird Brustkrebs beim Mann 22 Monate später erkannt, als bei der Frau. Dadurch sinken die Überlebenschancen.«

Übelkeit, Haarausfall und Kraftlosigkeit

Der erste Blick in den Spiegel nach der OP fiel ernüchternd aus: »Rechts war eine tiefe Kuhle bis auf die Rippen, eine 30 Zentimeter lange Narbe, mit 30 Klammern zugetackert«, beschreibt Richter, auf den nun eine aggressive Chemotherapie wartete. Acht Sitzungen mit den bekannten Nebenwirkungen: Übelkeit, Haarausfall, extreme Kraftlosigkeit.

Danach viermal in der Woche zur Bestrahlung, insgesamt 28 Mal. Der Körper von Hartmut Richter spielte verrückt: »Ich lagerte bis zu 14 Kilo Wasser ein. Entwässerungstabletten zeigten keine Wirkung. Hände und Füße wurden taub und ich immer kraftloser«, schildert er sein Leid.

Hinzu kam der Kampf mit der Krankenkasse. Durch die fehlenden Lymphknoten in der rechten Achsel bildete sich rasch ein massives Lymphödem. Der rechte Arm und die rechte Hand wurden immer dicker. Zwei Lymphdrainagen pro Woche von jeweils 30 Minuten reichten nicht. »Mehr war vom Hausarzt jedoch nicht zu bekommen, da es sein Budget zu stark belastet hätte. Erst der Onkologe während der Chemo konnte mir helfen«, erzählt Richter.

Dafür machte wenig später der linke Arm Probleme. Thrombosen ließen auch ihn dick werden – Nebenwirkung des Medikaments Tamoxifen, das der 59-Jährige seit dem Ende der Bestrahlungen für fünf Jahre schlucken muss.

Zurück ins Leben

Heute muss Hartmut Richter dreimal die Woche für eine Stunde zur Lymphdrainage. Er trägt an beiden Armen Kompressionsärmel und -handschuhe – »rechts wohl für immer«, sagt er. Mit dem Medikament Xarelto haben sich die Nebenwirkungen des Tamoxifen gebessert. »Ich entwickle keine neuen Thrombosen und keine Krämpfe mehr.«

Mit enormer Willenskraft und viel Unterstützung aus dem Familien- und Freundeskreis hat sich der 59-Jährige zurück in ein halbwegs normales Leben gekämpft. Vor allem seine Frau, die als Krankenschwester arbeitet, hat ihn immer wieder aufgebaut, wenn er nach einer Chemotherapie entmutigt war.

Die Wiedereingliederung in seine Firma ist abgeschlossen. »Ich arbeite seit September Vollschicht«, sagt Richter, der sich trotz aller Qualen als Glückspilz bezeichnet, denn: »Dass ich den Krebs trotz der sehr späten Diagnose überlebt habe, ist nicht selbstverständlich.«

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