Fr., 14.10.2016

NWD-Orchestername taucht erstmals 1946 in Bad Pyrmont auf – 25 Musiker aus Linz Unbekanntes aus der Anfangszeit

Foto: Hermann Knaup

Von Hartmut Horstmann

Herford(WB). Wie alt ist die Nordwestdeutsche Philharmonie? Während die Orchesterverantwortlichen von der Gründung im Jahr 1950 ausgehen, verweist der Heimathistoriker Titus Malms auf das Jahr 1946. Damals tauchte in Bad Pyrmont erstmals der Name Nordwestdeutsche Philharmonie auf.

Intendant hält am Jahr 1950 fest

Nach Ansicht von Malms, der aus Herford stammt, müsste das Orchester daher sein 70-jähriges Bestehen feiern. Bei einem NWD-Konzert in Bad Pyrmont wies er den NWD-Intendanten Andreas Kuntze darauf hin. Doch Kuntze sagt, die NWD, wie man sie heute kenne, sei eine andere als die damalige in Bad Pyrmont. Daher hält er an dem Jahr 1950 fest.

Musiker aus 1943 gegründeten Elite-Orchester

Dies mag an einen Gelehrtenstreit erinnern – interessant ist die Vorgeschichte, die der 76-Jährige Malms aus Bad Pyrmont bei seinen Recherchen zutage förderte, allemal. So untersucht er, woher die Musiker stammen, von denen viele auch später bei der NWD Herford spielten. Demnach kam ein Teil der Künstler aus dem 1943 gegründeten »Linzer Reichs-Bruckner-Orchester«. Von der Idee her sollte es ein »Spitzenorchester« werden, als »Orchester des Führers«, das beste des Großdeutschen Reiches. Zu den Gastdirigenten zählten Wilhelm Furtwängler und Herbert von Karajan. Nachdem die amerikanische Besatzungsmacht das Orchester 1946 aufgelöst hatte, verschlug es 25 der Musiker nach Bad Pyrmont. Der Versuch, dort ein neues Bruckner-Orchester aufzubauen, scheiterte – stattdessen wurde im Herbst 1946 die Nordwestdeutsche Philharmonie ins Leben gerufen.

»Künstlerisches Auswahlverfahren«

Im Einzelnen nachzulesen sind die Rechercheergebnisse in einem Zeitungsbeitrag, der am 28. September in der Dewezet (Deister- und Weserzeitung) erschienen ist. Der Autor Titus Malms legt Wert auf die Feststellung, dass die Mitglieder des Bruckner-Orchesters in der NS-Zeit ihre Positionen nicht als Parteigenossen bekommen hätten, »sondern erst nach einem strengen künstlerischen Auswahlverfahren«.

Walter Stöver war Chefdirigent

Malms, von 2003 bis 2015 Vorsitzender der Musikbad-Pyrmont Kulturstiftung. urteilt nicht moralisch. Vielmehr will er die Geschichte und ihre Zusammenhänge angemessen darstellen. Gleichzeitig räumt er ein, dass ihn die Sichtweise der heutigen NWD in einem Punkt ärgert: Es geht um die Rolle Walter Stövers, der 1946 Chefdirigent der Nordwestdeutschen war. Stöver hatte sich schon früher um das Kulturleben in Bad Pyrmont verdient gemacht, verlor aber 1933 als »Freimaurer und Kulturbolschewist« seine Stellung. Und er war es, der 1946 einen Neuanfang machte. »Er war der Namensgeber der Nordwestdeutschen Philharmonie und bis 1950 Chefdirigent«, so der Chronist. Die wichtige Rolle Walter Stövers werde in der heutigen NWD-Gründungsgeschichte völlig unterschlagen. Dabei habe der Generalmusikdirektor die Musiker aufgerufen, nach Pyrmont zu kommen.

»Städtebund-Symphoniker«

Den Hinweis Kuntzes, es handle sich bei der Gründung im Jahr 1950 um ein anderes Orchester, lässt er nicht gelten. Unter anderem verweist er auf die personelle Kontinuität und sagt: »Noch im Jahr 1970 haben ältere NWD-Musiker Herrn Stöver zum Geburtstag gratuliert und sich für seinen Mut bedankt. Für sie war er der erste Chefdirigent.«

Intendant Kuntze sagt dazu: »Herr Stöver war Chefdirigent eines Orchesters, das zufällig auch NWD hieß.« Die Bad Pyrmonter Wurzeln seien nie unterschlagen worden, doch sei die Gründungsgeschichte recht kompliziert. Im Jahr 1950 kam es zu einer Fusion der »Nordwestdeutschen Philharmonie Bad Pyrmont« und des »Herforder Symphonischen Orchesters«. Ein Trägerverein »Städtebund-Symphoniker« wurde gegründet. 1951 stimmte der Bad Pyrmonter Orchesterverein zu, dass das neue Orchester den Namen Nordwestdeutsche Philharmonie führen dürfe – ein Titel, der bis heute für eine Erfolgsgeschichte steht. Eine Erfolgsgeschichte, die Musikfreund Titus Malms gerne wieder häufiger in Bad Pyrmont erleben würde.

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