Do., 22.09.2016

Gregor Gysi (Linke) spricht über sein wechselvolles Leben Zwischen Sympathie und Hass

Eine halbe Stunde lässt Gregor Gysi (Linke) das Publikum in der ausverkauften Werretalhalle warten. Nach der verkehrsbedingten Verzögerung gibt der 68-Jährige Vollgas. In 90 Minuten spannt er den Bogen von der deutschen Wiedervereinigung bis zur Gegenwart.

Eine halbe Stunde lässt Gregor Gysi (Linke) das Publikum in der ausverkauften Werretalhalle warten. Nach der verkehrsbedingten Verzögerung gibt der 68-Jährige Vollgas. In 90 Minuten spannt er den Bogen von der deutschen Wiedervereinigung bis zur Gegenwart.

Von Malte Samtenschnieder

Löhne (WB). Eine eigene Strategie zur Bundestagswahl 2017 hat sich Gregor Gysi bereits zurechtgelegt. »Ich strebe keine neuen Spitzenämter an, möchte aber politisch wahrnehmbar bleiben«, sagte das Aushängeschild der Linkspartei am Dienstagabend in der ausverkauften Werretalhalle.

Um dieses Ziel zu erreichen, kann sich Gregor Gysi eine erneute Kandidatur im Berliner Wahlkreis Treptow-Köpenick vorstellen – sofern er darum gebeten wird. Dreimal hat der 68-Jährige dort bereits das Direktmandat geholt. »Zum ersten Mal gelang das 2005, okay war auch das Ergebnis 2009, von allen akzeptiert werde ich aber erst seit 2013«, sagte Gregor Gysi. Das motiviere ihn, die Arbeit über 2017 hinaus fortzusetzen.

Nur so könne er auch einem weiteren selbst gesteckten Fernziel einen großen Schritt näher kommen. So träumt Gregor Gysi nach eigenen Angaben davon, den Bundestag eines Tages als Alterspräsident zu eröffnen. »Denn dann müssten sich bei meinem Einzug einmal alle Mitglieder von CDU und CSU von den Plätzen erheben«, sagte der Linke mit einem Lachen. Auch sei die Redezeit des Alterspräsidenten nicht begrenzt.

Wie auch immer gearteten Farbenspielen im Hinblick auf mögliche Koalitionen nach der Bundestagswahl 2017 erteilte der Gast aus Berlin eine Absage. Stattdessen äußerte er sich zur aktuellen politischen Situation. CDU und SPD näherten sich immer mehr an. »Echte« Unterschiede seien zunehmend schwerer zu identifizieren. Das bringe Probleme: Am rechten Rand profitiere die AfD.

»CDU und SPD sollten sich auf ihre Werte besinnen«

»Für die Union wäre es nach der nächsten Bundestagswahl gut, sich in der Opposition auf ihre konservativen Werte zu besinnen«, sagte Gregor Gysi. In einer denkbaren Koalition aus SPD, Grünen und Linken könnte seine Partei gleichzeitig durch »Druck von links« dazu beitragen, dass die SPD wieder sozialdemokratischer werde. Um eine Regierungsfähigkeit der Linken mache er sich keine Sorgen. »Ich habe den Eindruck, dass dazu in der Vergangenheit keine besonderen Fähigkeiten erforderlich waren«, fasste der 68-Jährige flapsig zusammen.

Nach der Veranstaltung, die die Volkshochschule Löhne organisiert hat, gibt Gregor Gysi (rechts) im Foyer bereitwillig Autogramme. Foto: Malte Samtenschnieder

Auch zur gegenwärtigen Krise der Europäischen Union bezog der Linke Stellung. »Es ist oft schwierig, zu vermitteln, dass ich die EU kritisiere, gleichzeitig aber für ihren Erhalt kämpfe«, sagte Gregor Gysi. Er mache sich für einen Neustart stark. Dieser könne nicht darin bestehen, eine Mauer um Europa zu ziehen.

Stattdessen gelte es, speziell die Flüchtlingskrise in den Griff zu bekommen, indem Fluchtursachen beseitigt würden. Gysi: »Vorrang hat in diesem Kontext das Beenden des Syrienkriegs.« Dazu müssten sich die USA und Russland auf einen Kompromiss verständigen und ihn gegen anders gelagerte Interessen durchsetzen.

»Die AfD ist ein Sammelbecken für Frustrierte«

Auch zur Diskussion über ein Burka-Verbot hat Gregor Gysi eine klare Meinung. Grundsätzlich halte er nichts von Bekleidungsvorschriften. Was jemand auf der Straße anziehe, sei ihm deshalb egal. Anders gestalte sich die Situation, wenn eine Frau etwa in ihrer Rolle als Erzieherin, Lehrerin, Rechtsanwältin oder Staatsanwältin agiere. »Ich erwarte, dass sie im Gespräch mit Bürgern ihr Gesicht zeigt«, sagte der Politiker.

»Ich kann diesen Verein nicht leiden«, stellte Gregor Gysi im Hinblick auf die AfD fest. Für den großen Zulauf der Rechtspopulisten sei vor allem ihre ablehnende Haltung in der Flüchtlingsfrage verantwortlich. Zudem sei die AfD ein Sammelbecken für Frustrierte.

Als probates Mittel gegen Politikverdrossenheit sieht Gregor Gysi das Durchführen von Volksentscheiden – allerdings unter bestimmten Spielregeln: Das Bundesverfassungsgericht müsse zuvor prüfen, ob alle Ausgänge verfassungskonform seien. Zudem müsse sich die Finanzierbarkeit der Beschlüsse darstellen lassen.

Auch ein kurzer Exkurs in die Zeit der deutschen Wiedervereinigung durfte nicht fehlen. »Die Wende hat mein Leben sehr bereichert«, sagte Gregor Gysi. Allerdings habe er im Nachgang viel Hass erfahren, so dass er in der gleichen Situation wohl nicht wieder ähnlich handeln würde. Beim Einigungsprozess seien Fehler gemacht worden: »Es wurde zu wenig aus der DDR übernommen.«

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