Mo., 28.08.2017

460 Gäste verfolgen Lesung von Literaturnobelpreisträgerin bei »Poetischen Quellen« Herta Müller philosophiert über Sprache

Vor allem im munteren Gespräch mit Moderator Jürgen Keimer gelingt es Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller am Samstagabend, 460 erwartungsvolle Zuhörer im voll besetzten Literaturzelt auf der Aqua Magica in ihren Bann zu ziehen.

Vor allem im munteren Gespräch mit Moderator Jürgen Keimer gelingt es Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller am Samstagabend, 460 erwartungsvolle Zuhörer im voll besetzten Literaturzelt auf der Aqua Magica in ihren Bann zu ziehen. Foto: Malte Samtenschnieder

Von Malte Samtenschnieder

Bad Oeynhausen/Löhne  (WB). Samstag, 20.15 Uhr, auf der Aqua Magica: Eine Viertelstunde vor dem Beginn von Herta Müllers Lesung bei den »Poetischen Quellen« haben der künstlerische Leiter Michael Scholz und sein Team Schweißperlen auf der Stirn. Der Besucherstrom reißt nicht ab. Letztlich finden auf eilig beschafften Stühlen jedoch alle Wartenden Platz. Keiner der 460 Gäste muss den Auftritt der Literaturnobelpreisträgerin verpassen.

Gut gelaunt betritt Herta Müller das Podium. Auszüge aus drei ihrer Werke hat die Schriftstellerin für die Lesung vorbereitet. Letztlich sind aber nur zwei Passagen zu hören. Zu spannend und kurzweilig – sowohl für die Autorin als auch für das Publikum – ist das Zwiegespräch mit Jürgen Keimer. Herta Müller nimmt es mit Humor. »Ich kann lesen oder mit Ihnen reden. Sie müssen mir nur sagen, was ich tun soll«, sagt sie an den Moderator gewandt.

Das lässt sich Jürgen Keimer nicht zweimal sagen. Wie nicht anders zu erwarten, taucht er dazu tief in Herta Müllers Biografie ein. Von ihrer Kindheit und Jugend in Rumänien lässt er die Literaturnobelpreisträgerin berichten. Ihr Widerstand gegen das diktatorische Ceausescu-Regime ist dabei ein wichtiges Thema. Später geht es um die erste Zeit der heute 64-Jährigen in Deutschland. Die Verleihung des Literaturnobelpreises 2009 ist dagegen während des Abends nicht der Rede wert.

»Jede Sprache eröffnet einen anderen Blick auf die Welt«

Stattdessen philosophiert Herta Müller über Sprache. Zwar spreche sie auch fließend Rumänisch. Sie schreibe aber nur auf Deutsch. »Jede Sprache eröffnet einen anderen Blick auf die Welt«, erklärt sie dazu. So würden Dinge ganz unterschiedlich benannt. Beispielsweise laute der rumänische Begriff für »Maiglöckchen« ins Deutsche übersetzt »kleine Träne«. Andere Begriffe wie die Rose oder die Lilie seien im Rumänischen männlich. Das wirke sich unmittelbar auf Sprachbilder aus. Auch von der Anfangsformel rumänischer Märchen sei sie aufgrund ihrer Ehrlichkeit fasziniert. »Anders als im Deutschen beginnen sie mit ›Es war einmal, wie es niemals war‹«, sagt die Autorin.

Eloquent, intelligent und stets humorvoll lässt sich Herta Müller auch auf viele weitere Themen ein. So vertritt sie die Auffassung, dass Reden nicht immer hilft, sondern oft alles nur verschlimmert. Das liege daran, dass Sprache nicht allgemeingültig ist. »Sprache entsteht durch das, was wir mit ihr tun oder auch nicht tun«, betont die Schriftstellerin. Nicht nur wir passten uns der Sprache an, auch sie passe sich uns an. Das Schweigen sei ebenfalls eine eigene Art, mit Sprache umzugehen.

»Ich habe die Worte verstanden, nicht aber den Humor«

Mit der Tatsache, dass sie in Deutschland als Rumänin und in Rumänien als Deutsche gesehen wird, geht Herta Müller offen um. Sie spreche beide Sprachen mit Akzent. Meist vermuteten Deutsche ihre Herkunft auf dem Balkan. Sie sei aber auch schon nach Frankreich verortet worden. »Wenn ich anonym unterwegs bin, fragen mich die Leute oft nach meiner Herkunft«, sagt Herta Müller. Die Frage, wie lange sie schon in Deutschland lebe, weil sie die Sprache so perfekt beherrsche, habe sie schon öfter amüsiert schmunzeln lassen, sagt die Literaturnobelpreisträgerin.

Die erste Zeit nach der Flucht aus Rumänien im Jahr 1987 sei für sie nicht einfach gewesen. »Ich habe zwar die Worte verstanden, aber nicht den Humor«, erinnert sich Herta Müller. Mit der Zeit habe sie aber gelernt, sich in Deutschland zurechtzufinden.

Mit dem Schlussapplaus war der Abend für Herta Müller nicht zu Ende. Im Anschluss schrieb sie bereitwillig Autogramme.  

Mehr lesen Sie am Montag, 28. August, auf zwei Sonderseiten im WESTFALEN-BLATT, Lokalausgabe Bad Oeynhausen/Löhne.

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