Mi., 19.10.2016

Sabine Inderlied hofft, Schicksal mit Hilfe von Facebook aufklären zu können Onkel seit 20 Jahren vermisst

Sabine Inderlied (41) sucht mit diesem Foto nach ihrem Onkel Dieter. Das Bild zeigt den Gesuchten im Alter von etwa 18 Jahren. Heute wäre er 68.

Sabine Inderlied (41) sucht mit diesem Foto nach ihrem Onkel Dieter. Das Bild zeigt den Gesuchten im Alter von etwa 18 Jahren. Heute wäre er 68. Foto: Kathrin Heeren

Von Kathrin Heeren

Rödinghausen (WB). Seit 20 Jahren hat Sabine Inderlied aus Rödinghausen kein Lebenszeichen mehr von ihrem Onkel Dieter erhalten. »Es vergeht fast kein Tag, an dem wir uns nicht fragen, ob er noch lebt und wo er jetzt ist«, sagt die 41-Jährige.

Die Rödinghauserin gibt die Hoffnung nicht auf. Sie versucht nun, per Facebook zu erfahren, welches Schicksal ihrem Onkel widerfahren ist.

»Dieter müsste heute 68 Jahre alt sein. Das letzte Lebenszeichen von ihm hat unsere Familie Ende August 1995 erhalten«, sagt Sabine Inderlied. »Am 25. August 1995 ist seine Mutter, also meine Oma, gestorben. Wir haben versucht, ihm den Totenbrief zuzustellen«, sagt die Rödinghauserin.

Ihr Onkel habe weder einen festen Job noch einen festen Wohnsitz gehabt, daher habe er das Dokument erst kurz nach der Beerdigung erhalten. »Er hielt sich immer mal wieder in Herford auf und hatte dort zeitweise auch ein Zimmer. Gegessen hat er beim Sozialberatungsdienst in der Hermannstraße.« Von den Mitarbeitern des Sozialberatungsdienstes habe sie später erfahren, dass ihr Onkel den Totenbrief erhalten habe. »Er soll daraufhin gesagt haben, dass es nun nichts mehr gebe, was ihn hier in der Umgebung hält. Danach hat man weder beim Sozialberatungsdienst noch bei uns in der Familie etwas von ihm gehört«, sagt die Rödinghauserin.

Zunächst habe sich niemand so recht Sorgen gemacht. »Es war nichts Ungewöhnliches, mehrere Monate nichts zu hören«, sagt Sabine Inderlied. Ihr Onkel habe so gut wie nie angerufen. »Wenn er zu Besuch kam, war das meist unangekündigt. Er fuhr per Taxi vor, blieb über Nacht bei meinen Eltern und war am nächsten Tag wieder verschwunden, wenn er mitbekam, dass er bei uns keinen Alkohol kriegen konnte«, sagt die 41-Jährige.

Oft sei ihr Onkel auf Wanderschaft gegangen. »Er erzählte davon, dass er in Frankreich war, wo er kurze Zeit auch in der Fremdenlegion tätig war.« Alle paar Monate habe er sich bei der Familie gemeldet. »Meine Mutter war seine Hauptbezugsperson unter den insgesamt sechs Geschwistern. Wenn es Schwierigkeiten gab, kam er zu ihr.« Erst als die Familie über Jahre überhaupt nichts mehr von Dieter hörte, begann sie, sich große Sorgen zu machen.

Einziges Foto des Onkels ist etwa 50 Jahre alt.

»Weil wir inzwischen auch umgezogen waren und nicht wussten, ob Dieter unsere neue Adresse findet, haben wir uns an den Sozialberatungsdienst gewandt, ans Standesamt, das Sozialamt und an einen Freund aus Hiddenhausen, den er öfter um Almosen gebeten hat. Aber nirgends konnte man uns helfen. Bei den Ämtern und der Polizei gab es aus Datenschutzgründen keine Auskunft. Man sagte uns nur, falls mein Onkel gestorben wäre, wären wir schon informiert worden. Der Freund hatte seit Jahren nichts von ihm gehört.« Im Standesamt habe man Sabine Inderlied die Auskunft verweigert, weil sie keine direkte Angehörige sei. »Man sagte mir, wenn, dann müsse meine Mutter die Anfrage stellen.« Jedes Mal, wenn in der Zeitung Fälle über Leichenfunde gemeldet wurden, sei die ganze Familie sehr hellhörig geworden. »Man hofft natürlich jedes Mal, dass er es nicht ist.«

Ein großes Problem sei, dass ihr Onkel höchst wahrscheinlich nicht einmal Papiere bei sich gehabt habe. Das einzige Foto, das im Besitz der Familie ist, zeigt Dieter im Alter von etwa 18 Jahren während seiner Bundeswehrzeit. »Wie er jetzt aussieht, ist schwer zu erahnen. Er hat auf jeden Fall eine lange, krumme Nase, braune Augen, sehr graue Haare und ist etwa 1,80 Meter groß«, sagt Sabine Inderlied.

Bettina Bredenkötter vom Standesamt Herford sagte, sie dürfe gegenüber der Presse keine Auskünfte zum Gesuchten geben. Die Familie müsse sich am besten schriftlich erkundigen, ob zum Geburtseintrag des Onkels ein Sterbeeintrag vorliege. »Allerdings muss der Sterbeeintrag nicht zwangsläufig bei uns vermerkt sein, falls er in einer anderen Stadt gestorben sein sollte«, so die Standesbeamtin.

Polizei stuft Fall nicht als Vermisstenfall ein.

Uwe Maser von der Polizei Herford erklärte auf Anfrage, dass grundsätzlich jeder Erwachsene das Freiheits- und Persönlichkeitsrecht habe, sich dort aufzuhalten, wo er möchte und Kontakt zu seinem Umfeld zu pflegen oder abzubrechen. »Jeder kann umziehen, wenn er will, auch ohne die Familie zu informieren. Für uns ist dies daher auch kein Vermisstenfall. Da muss schon mehr vorliegen, als dass jemand sich nicht mehr meldet«, betonte Maser. In einigen Fällen hätten Menschen Gründe, sich nicht mehr zu melden.

Aufgrund der Persönlichkeitsrechte verzichtet diese Zeitung darauf, den vollen Namen des Gesuchten zu nennen.

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