Mi., 01.02.2017

Unterrichtsmaterial über das Schicksal jüdischer Kinder in Vlotho veröffentlicht Anne Frank hatte viele Geschwister

Vor dem Gebäude des ehemaligen jüdischen Kaufhauses Loeb stellen Manfred Kluge und Claudia Steiner das Unterrichtsmaterial vor. Es behandelt auch die Schicksale der jüdischen Kinder, über die im Gedenkbuch aus dem Jahr 2008 informiert wird.

Vor dem Gebäude des ehemaligen jüdischen Kaufhauses Loeb stellen Manfred Kluge und Claudia Steiner das Unterrichtsmaterial vor. Es behandelt auch die Schicksale der jüdischen Kinder, über die im Gedenkbuch aus dem Jahr 2008 informiert wird.

Von Jürgen Gebhard

Vlotho (WB). Das Schicksal von Anne Frank kennt jeder. Doch es gab auch in unserer Stadt Kinder und Jugendliche, die Opfer der Nazis geworden sind – jüdische Kinder und Jugendliche aus Vlotho wurden in Konzentrationslager verschleppt und ermordet. Einige überlebten die KZ, andere hatten ihre Heimatstadt gerade noch rechtzeitig vor dem Holocaust verlassen können. Um sie geht es in einem Unterrichtsprojekt, mit dem die Mendel-Grundmann-Gesellschaft Schüler aus Vlotho erreichen möchte.

Anne Frank, die sich mit ihrer Familie in Amsterdam versteckt hielt und am Ende doch im KZ umkam, ist wegen ihres ergreifenden Tagebuchs das wohl bekannteste jugendliche Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns. »Doch es war nicht Anne Frank allein«, sagen Manfred Kluge und Claudia Steiner. Anlässlich des heutigen Holocaust-Gedenktages verweisen sie auf die Schicksale der vielen anderen jüdischen Kinder und Jugendlichen in jener Zeit. Sie alle waren sozusagen Geschwister von Anne Frank.

Didaktische Begleitung von Claudia Steiner

Der Historiker Manfred Kluge, der für zahlreiche Veröffentlichungen der Mendel-Grundmann-Gesellschaft über die ehemaligen jüdischen Mitbürger Vlothos verantwortlich ist, hat zu diesem Thema ein Unterrichtsprojekt zusammengestellt. Für die didaktische Beratung zeichnet die Geschichtslehrerin des Weser-Gymnasiums Claudia Steiner verantwortlich.

Den Anstoß habe 2005 eine Begleitausstellung zur Anne-Frank-Ausstellung in der Herforder Zellentrakt-Gedenkstätte gegeben. An dieser Begleitausstellung hatte sich die Mendel-Grundmann-Gesellschaft unter anderem mit Arbeitsbögen für Schüler beteiligt.

Auch Ehrenbürger Hans Loeb wird erwähnt

Im Zusammenhang mit der Aktion des Kölner Künstlers Gunter Demnig, der 2006 und 2007 insgesamt 41 Stolpersteine für die Holocaustopfer verlegt hatte, ist im Jahr 2008 ein »Gedenkbuch für die Vlothoer Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung« veröffentlicht worden, das inzwischen in den weiterführenden Vlothoer Schulen in Klassensätzen vorliegt. Das jetzt veröffentlichte Unterrichtsprojekt »Schicksale der jüdischen Jugend aus Vlotho« geht weiter: Es berücksichtigt nicht nur die insgesamt neun in den Konzentrationslagern ermordeten jüdischen Kinder und Jugendlichen dieser Stadt, sondern auch die elf übrigen, die wie der spätere Ehrenbürger Hans Loeb den Holocaust überlebt haben.

Manfred Kluge konnte auf Briefe aus jener Zeit und auf das von ihm bereits zusammengetragene und ausgewertete Material zurückgreifen. Veröffentlicht hat er seine lokalhistorischen Forschungen bisher unter anderem in den Büchern »Wir wollen weiterleben – das Schicksal der jüdischen Familie Loeb« (2003) und in dem 2013 in Neuauflage erschienenen Standardwerk »Sie waren Bürger unserer Stadt«. Beide Bücher sind weiterhin im Buchhandel erhältlich. Bereits anlässlich der Verleihung des »German Jewish History Award« im Jahr 2008 hatte Sue Altermann, Tochter des aus Vlotho stammenden jüdischen Unternehmers Herbert Mosheim, Manfred Kluges Werk gelobt: »Sie schreiben über die jüdischen Mitbürger, als hätten Sie sie alle persönlich gekannt.«

Betroffenheit erleichtert den Zugang zur Geschichte

In dem jetzt vorgelegten Unterrichtsmaterial werden Vlothos 20 jüdische Kinder und Jugendliche der Geburtsjahrgänge 1914 bis 1937 so authentisch wie möglich vorgestellt – unter anderem durch im Original abgedruckte Briefe und Dokumente, durch eigene biografische Aussagen und durch Fotos. Bei diesem Unterrichtsmaterial stünden Gleichaltrige aus dieser Stadt im Mittelpunkt, die teilweise ähnliche Sorgen und Probleme gehabt hätten wie junge Leute aus Vlotho heute. Diese Besonderheit schaffe persönliche Betroffenheit und erleichtere den Zugang zur Geschichte, sagt Lehrerin Claudia Steiner, die auch Vorstandsmitglied der Mendel-Grundmann-Gesellschaft ist.

Die vom Lehrer auszuwählenden Informations- und Arbeitsbögen laden zum Lesen des Gedenkbuchs und zum Besuch der Stolpersteine, des Synagogen-Gedenksteins oder des jüdischen Friedhofes ein: »Wir wollen unsere Schüler über das Schicksal der jüdischen Kinder in Vlotho an das Thema Holocaust heranführen und sie dazu motivieren, das Gedenken an die jüdischen Mitbürger unserer Stadt aufrechtzuerhalten«, sagt die Lehrerin. Das Material sei ein Angebot für den Unterricht. Mit ihm könne kreativ und in Eigeninitiave gearbeitet werden – auch in Projektwochen.

Material kann von der Homepage heruntergeladen werden

Das Material kann kostenfrei für die nicht kommerzielle Nutzung von der neugestalteten Homepage (www.mendel-grundmann-gesellschaft.de) »Projekte/Unterrichtsprojekt«) heruntergeladen werden. Eingesetzt werden kann es etwa ab Klasse sieben in Geschichte, Deutsch und Religion.

 

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