Mo., 11.09.2017

Ausgrabungen bei Fohlenplacken liefern Erkenntnisse über mittelalterliche Glasproduktion im Weserbergland Corveyer Klosterfenster stammen aus Solling-Glashütte

Fundstücke aus der ehemaligen Waldglashütte liegen auf dem Tisch vor dem Archäologen Prof. Dr. Hans-Georg Stephan (rechts). Sie liefern ihm klare Hinweise, wie das Glas als mittelalterliches Luxusgut einst im Solling hergestellt wurde.

Fundstücke aus der ehemaligen Waldglashütte liegen auf dem Tisch vor dem Archäologen Prof. Dr. Hans-Georg Stephan (rechts). Sie liefern ihm klare Hinweise, wie das Glas als mittelalterliches Luxusgut einst im Solling hergestellt wurde. Foto: Marian Berkemeier

Von Marian Berkemeier

Holzminden/Höxter (WB). Wer an den Solling denkt, hat sofort Bilder weitläufiger Naturlandschaften und Wälder vor Augen. Dass das niedersächsische Mittelgebirge auch Standort gefragter Glasproduktionen im Mittelalter war, zeigen jetzt Ausgrabungen an der zweitältesten Waldglashütte Europas.

Glas ist aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Ob Fenster, Trinkgläser, Flaschen oder nur als Dekoration: Der durchsichtige Feststoff ist immer und überall gefragt. Moderne Fertigungstechniken ermöglichen heute diesen Luxus. Im Mittelalter, oder genauer gesagt im zwölften Jahrhundert, war Glas eher die Ausnahme als ein allgemeiner Standard, wissen die Experten.

Die Glashütten im Solling scheinen damals eine echte Anlaufstelle für dieses Luxusgut gewesen zu sein. Überreste einer mittelalterlichen Waldglashütte dienen Grabungsleiter Radoslaw Myszka, Professor Hans-Georg Stephan aus Göttingen und einem Team aus Studenten als Beleg dafür, welches Handwerk damals zwei Kilometer nördlich vom heutigen Fohlenplacken, unweit der Landesgrenze NRW-Niedersachsen und dicht bei Höxter, ausgeübt wurde.

Funde der Grabung in Fohlenplacken. Foto: Berkemeier

»Ich bin begeistert von den Funden – und den sich daraus ergebenden Befunden«, sagte Stephan dem WESTFALEN-BLATT. Glasringe, Scherben, Fragmente, Bleireste und Platten zeigen dem Mittelalterarchäologen, dass dort neben Fensterglas auch Trinkgefäße aus Bleiglas hergestellt wurden. »Das war zur damaligen Zeit ein absolutes Luxusgut.« Man habe sogar blaues Glas mit weißen Farbauflagen gefunden. »Bisher ging man davon aus, dass so etwas zur damaligen Zeit nur im Orient hergestellt wurde«, erklärte der Professor, der auch schon die Stadt Corvey gefunden und teilweise ausgegraben hat und sein Abitur am KWG Höxter ablegte. Der Bedarf nach dem Glas aus der hauptsächlich in der ersten Hälfte des zwölften Jahrhunderts aktiven Produktionsstelle sei durch Kirchen und Abteien in der Gegend gedeckt geworden.

Eine Hypothese sieht darunter auch das damalige Reichskloster Corvey als Kunden. »Die Benediktinerklöster stellen die Vorgänger unserer heutigen Universitäten dar. Es ist möglich, dass man von den Corveyer Mönchen das ›Know-How‹ für die Glasproduktion erhielt. Die geringe Entfernung zum Kloster spricht stark dafür.« In den Zeitraum passen zudem die letzten mittelalterlichen Baumaßnahmen am Kloster, welche um 1150 erfolgt sein sollen, allerdings später durch barocke Neubauten ersetzt wurden. Es ist sehr wahrscheinlich, dass das Glas für die Corveyer Klosterfenster aus einer solchen Sollingglashütte stammte.

Ausgrabungsleiter Radoslaw Myszka erklärte, wie die Produktionsstätte wahrscheinlich ausgesehen hat: »Auf den ausgegrabenen Fundamenten haben drei gewölbte Öfen mit mehreren Öffnungen an den Außenseiten gestanden. Da sie nur aus Lehm bestanden haben und man sie regelmäßig warten musste, sind sie irgendwann einfach eingebrochen.« Doch warum wurde ausgerechnet der Solling als Standort für so eine Luxus-Anlage gewählt? Stephan kennt die Antwort: »Neben dem vielen verfügbaren Holz und dem gebotenem Bedarf, gibt es in Neuhaus alten, fast weißen Sand. Der eignete sich hervorragend für die Herstellung von Glas.« Entdeckt wurde die Waldglashütte auf Hinweis von ihm durch den Hobby-Historiker Roland Henne. Mit der Unterstützung des Landes begannen im Juli diesen Jahres die Ausgrabungen, die sich wohl noch bis in den November erstrecken. Die Waldglashütte ist die zweitälteste Europas. Die älteste stammt aus dem neunten Jahrhundert und wurde in Bodenfelde entdeckt.

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