Do., 09.11.2017

Anschlag auf Höxteranerin vor drei Jahren: Kriegsreporterin Kathy Gannon will Freilassung verhindern Clan will Anja-Niedringhaus-Mörder frei bekommen

Oft ein Team: AP-Reporterin Kathy Gannon (links) mit Anja Niedringhaus.

Oft ein Team: AP-Reporterin Kathy Gannon (links) mit Anja Niedringhaus. Foto: dpa

Von Michael Robrecht

Höxter (WB). Der Oberste Gerichtshof Afghanistans hat den Mörder der aus Höxter stammenden AP-Fotojournalistin Anja Niedringhaus 2015 zu  einer 20-jährigen Haftstrafe verurteilt. Zurzeit versucht die einflussreiche Familie des jungen Polizeioffiziers, ihn vorzeitig aus der Haft frei zu bekommen.

Damit das nicht passiert, ist die am 4. April 2014 beim Attentat in Chost mit im Wagen sitzende und schwer verletzte Kriegsreporterin Kathy Gannon jetzt erstmals seit dem Anschlag wieder nach Afghanistan gereist.

Sie führte Gespräche mit dem Richter, der den Attentäter verurteilte, und mit Ex-Präsident Hamid Karzai. Begleitet wurde Gannon, die noch vor Weihnachten das Grab von Anja Niedringhaus in Höxter besuchen möchte, von RTL-Chefkorrespondentin Antonia Rados, die vor einigen Tagen den Kabul-Besuch in ihrer neuen TV-Serie »Starke Frauen« dokumentierte.

Noch viele Fragen offen

Auch mehr als drei Jahre nach dem tragischen Tag sind noch immer viele Fragen offen. Der Täter sitzt zwar im Gefängnis, aber Gannon weiß nicht, warum der Mann damals plötzlich auf das Auto mit den beiden Reporterinnen mit einer Kalaschnikow-MP schoss.

Die Folgen des Angriffs spürt die Kanadierin jeden Tag. Sie hat nicht nur ihre beste Freundin Anja Niedringhaus verloren, durch die Schussverletzungen ist sie eingeschränkt. 16 Operationen musste sie über sich ergehen lassen. »Mein Arm ist kaputt. Die Hand hing nur noch so dran«, erzählt sie. Jeder Handgriff sei heute eine Herausforderung.

Trotzdem will sich die 63-Jährige, deren Ehemann in Pakistan lebt, nicht unterkriegen lassen und schreibt wieder bei der Nachrichtenagentur Associated Press (AP) in Kabul. Sie ist die einzige westliche Reporterin ihrer Agentur, die noch in der Region arbeitet. »Wenn ich nicht zurückgekommen wäre, wäre ich die Geisel meiner eigenen Angst geworden.«

Ohne Leibwächter unterwegs

Der Film beeindruckt nicht nur mit den letzten Videoaufnahmen von Anja Niedringhaus im Auto kurz vor dem Mord, sondern auch durch Kathy Gannons Schilderungen. Sie ist ohne Kopftuch auf einem Markt zu sehen und besucht Ex-Präsident Hamid Karzai, den sie seit Jahren kennt.

Leibwächter lehnt die Journalistin ab: »Sonst spricht hier niemand mit mir«. Sie denke oft an ihre Kollegin Anja Niedringhaus, für die zurzeit  in Höxter ein »Forum« mit einer Dauerausstellung ihrer besten Fotos geplant wird .

Dem Richter macht Kathy Gannon klar, dass sowohl Anjas Familie als auch sie gegen die Todesstrafe waren, aber es Gerechtigkeit geben und der Mörder ins Gefängnis müsse, wie sie im TV-Film erklärte. Der Richter war sichtlich beeindruckt von Gannons Vorstoß. Eine feste Zusage, dass der Täter die Strafe ganz absitzen müsse, bekam sie aber nicht. Gannon dankte Karzai persönlich, der 2014 ihren Transport ins US-Krankenhaus ermöglichte.

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