Do., 09.11.2017

KHWE-Chef Spieß: »Das gehört alles nach Brakel« - Prof. Bader kritisiert Auflösung funktionierender Strukturen in Höxter Streit um Unfallchirurgie: Duell im Kreistag

Blick in den dicht gefüllten Zuschauerraum: vorne (von links) Ansgar Risse (BI), Prof. Dr. Werner Bader, Prof. Dr. Rolf Haaker, KHWE-Geschäftsführer Reinhard Spieß und Dr. Rolf Schulte (Ärztlicher Leiter Rettungsdienst) am Donnerstagabend in der Kreishausaula.

Blick in den dicht gefüllten Zuschauerraum: vorne (von links) Ansgar Risse (BI), Prof. Dr. Werner Bader, Prof. Dr. Rolf Haaker, KHWE-Geschäftsführer Reinhard Spieß und Dr. Rolf Schulte (Ärztlicher Leiter Rettungsdienst) am Donnerstagabend in der Kreishausaula.

Von Michael Robrecht

Höxter (WB). Es war ein Versuch, die Wogen im Streit um die Verlegung der Unfallchirurgie vom St.-Ansgar-Krankenhaus in Höxter ans Brakeler St.-Vincenz-Hospital zu glätten. Erstmals trafen Kritiker und Katholische Hospitalvereinigung direkt aufeinander. Im Kreistag sind am Donnerstagabend aber nur Positionen ausgetauscht worden. Diskutiert wurde nicht.

Was im Rat Höxter nicht möglich war, gelang in der Kreistagssitzung: KHWE-Chef Reinhard Spieß erklärte sich zum ersten Mal öffentlich. Als Sekundanten hatte er Orthopädiechefarzt Prof. Dr. Rolf Haaker und Unfallchirurg Dr. Rolf Schulte mitgebracht. Für die Höxteraner Bürgerinitiave für die Rückholung der Unfallchirurgie , die die 50 Zuschauerplätze in der Kreishausaula bevölkerte, trug Prof. Dr. Werner Bader die Kritik in einem frei gehaltenen Vortrag vor. Er forderte zwei unabhängige Gutachten zur Sache: Der Berufsverband der Unfallchirurgen und externe Fachleute sollten Expertisen zur Situation der Unfallchirurgie im Kreis Höxter und zur Perspektive einer Zertifizierung als Traumazentrum verfassen. Er bat die Kreispolitiker, diese Forderung aktiv zu unterstützen.

Bader erinnerte, dass Höxter als Akutkrankenhaus einst für die Kreise Höxter und Holzminden mit einem Umfeld von 240.000 Einwohnern ausgebaut worden sei. Die kostenintensive bauliche Umgestaltung habe eine perfekt funktionierende und breit gefächerte Versorgungsstruktur, in deren Zentrum die Notfallversorgung stand, garantiert. Zertifizierung als Traumazentrum, Anästhesie, Intensivmedizin mit 24-Stunden-Präsenz jeden Tag, 24-Stunden-Röntgenabteilung und ständig verfügbares Labor gehörten in Höxter dazu. »Die Verlagerung der Unfallchirurgie nach Brakel bedingt nun eine Auflösung einer seit Jahren bestehenden perfekten Versorgungsstruktur zugunsten einer von der Geschäftsführung angestrebten Stärkung dieses Standortes jedoch ohne logistischen Hintergrund. Es besteht Grund zur Annahme, dass lebensbedrohliche und somit todbringende Diagnosen in Brakel nicht zeitgerecht erkannt und therapiert werden können , da humane Ressourcen insbesondere in der Notfall- und Intensivmedizin fehlen«, so Bader im Kreistag.

Wichtige Vorazssetzungen fehlen in Brakel

Darüber hinaus fehle es am Standort Brakel an den wichtigen Voraussetzungen, die eine mit Höxter vergleichbare Notfall- und Rundumversorgung sichern würde: keine Hauptabteilung für Innere Medizin, infrastrukturelle Anbindung, Notfallambulanz mit Schockraumgröße und Ausstattung nach Zertifizierungsvorgaben und gute personelle Ausstattung in allen zentralen Abteilungen. Man könne den Umzug auch damit vergleichen, wenn Kanzlerin Merkel sage, Bonn sei auch eine schöne Stadt: also alles zurück von Berlin an den Rhein.

KHWE-Chef Reinhard Spieß trug eine auch den Medien ausgehändigte Stellungnahme im Kreistag vor. Er warf der BI, Prof. Bader und den weiteren Kritikern eine unsachliche und unrichtige Darstellung der Situation vor. Die KHWE sei auch kein Akteur der Höxteraner Kommunalpolitik. Man erfülle Vorgaben der fünf Gesellschafter der KHWE – die Kirchenvorstände aus Höxter, Beverungen, Brakel, Steinheim und Bad Driburg. Die KHWE führe den Doppelvorhalt von Abteilungen in den vier Krankenhäusern der KHWE zurück und habe bereits schmerzhafte Einschnitte wie die Aufgabe der Inneren Abteilung in Brakel und der Chirurgie in Steinheim vorgenommen.

Unfallchirurgie und Orthopädie sollen zusammenarbeiten

Eine Rückverlagerung der Unfallchirurgie nach Höxter gefährde Arbeitsplätze und würde ein erfolgreiches Konzept der KHWE zerstören. Spieß verwies auf Millioneninvestitionen in Standorten wie Höxter und dort eingerichtete neue Fachabteilungen. »Wir bieten eine zeitgemäße Medizin an und habe vier Krankenhausstandorte erhalten«, stellte Spieß fest. Die Beratungsfirma Solidaris empfehle eine Spezialisierung der Häuser.

Reinhard Spieß wies darauf hin, dass sich die Rahmenbedingungen für Unfallchirurgie und Orthopädie verändert hätten und beide laut Weiterbildungsordnung zusammenarbeiten müssten. Die Zukunftsfähigkeit der Fächer Orthopädie und Unfallchirurgie sei gefährdet gewesen, weil Assistenzarztstellen bei zwei Standorten nicht mehr besetzt werden konnten, weil die Abteilungen getrennt gearbeitet hätten. Der Prozess der Zentralisierung in Traumazentren sei noch in vollem Gange. Der Standort Orthopädie Brakel sei größer und traditionsreicher als die Unfallchirurgie in Höxter, deshalb gehöre alles nach Brakel. Das sei unumgänglich.

Dr. Rolf Schulte sagte, dass 2016 nur einer von 20 Patienten auf die Unfallchirurgie Höxter entfallen sei. Am 9. November 2017 seien 15 Patienten auf der Unfallchirurgie und 44 auf der Orthopädie in Brakel behandelt worden.

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