Mi., 04.10.2017

Schaustellerkinder in Warburg: Leben zwischen Schulbank und Rummelplatz Unterricht im Wohnmobil

Die sechsjährige Ashley und der 13-jährige Wayne sitzen im Schulmobil der Bezirksregierung Detmold. In dem »fahrenden Klassenzimmer« erhalten Schaustellerkinder ein zusätzliches Lern- und Förderangebot.

Die sechsjährige Ashley und der 13-jährige Wayne sitzen im Schulmobil der Bezirksregierung Detmold. In dem »fahrenden Klassenzimmer« erhalten Schaustellerkinder ein zusätzliches Lern- und Förderangebot. Foto: Michaela Weiße

Von Michaela Weiße

Warburg (WB). Sie lernen Lesen und Schreiben, schwitzen über den Matheaufgaben und stöhnen über zu viele Hausaufgaben: eigentlich ist bei ihnen alles so, wie bei anderen Kindern auch.

Und doch unterscheidet sich das Schulleben der Schaustellerkinder erheblich von dem der Regelschüler. Den Alltag zwischen Schulbank und Rummelplatz erleben auf der Warburger Oktoberwoche derzeit sieben Schulkinder.

Am Ende des Jahres haben Vivien (14) und ihre Schwester Lindsay (11) rund 20 verschiedene Schulen besucht. Für die beiden Mädchen ist das nichts Außergewöhnliches, denn seitdem sie auf der Welt sind, reisen sie gemeinsam mit ihren Eltern, ihrer Großmutter und drei Mitarbeitern von Stadt zu Stadt – von Kirmes zu Kirmes. Die Familie betreibt das Fahrgeschäft »Wellenflieger«.

An Stammschule in der Heimat angemeldet

Doch das Leben der Schaustellerkinder besteht nicht nur aus Karussellfahren, denn genau wie alle anderen Kinder müssen auch sie zur Schule gehen und lernen. »Die Kinder sind an einer Stammschule in ihrer Heimat angemeldet«, berichtet Dr. Ulrich Voigt, der bei der Bezirksregierung Detmold für die Koordination der schulischen Förderung von Kindern beruflich Reisender zuständig ist.

Von dieser Schule erhalten die Jungen und Mädchen Materialien und Lernpläne für ihre unterschiedlich langen Reisen. Zudem besuchen sie am jeweiligen Kirmesort die Stützpunktschule, erklärt Dr. Ulrich Voigt. So gehen Vivien und Lindsay während ihres Aufenthaltes in Warburg in die Sekundarschule. Die Grundschüler nehmen am Unterricht in der Falkschule und der Graf-Dodiko-Schule teil.

Schulmobil als »fahrendes Klassenzimmer«

Außerdem setzt die Bezirksregierung Detmold in diesem Jahr wieder ein »fahrendes Klassenzimmer« ein, um die Kinder von Schaustellern während der Volksfeste schulisch zu unterstützen. Dabei handelt es sich um ein Wohnmobil, in dem sechs Schülerarbeitsplätze eingerichtet wurden und viele Lern- und Arbeitsmaterialien zur Verfügung stehen.

Das Schulmobil dient auch dazu, den Bereichslehrern, die die Schaustellerkinder nach dem Schulunterricht betreuen, die Arbeit zu erleichtern. Für diese Arbeit hatten sich die Lehrer bisher von Wohnwagen zu Wohnwagen vorgearbeitet, da es keine zentrale Anlaufstelle gab, an der alle gemeinsam lernen konnten.

»Für mich ist das ganz normal, ich kenne es nicht anders«

Auch Cinderella Gerste (31) bringt ihre sechsjährige Tochter Ashley ins Schulmobil der Bezirksregierung Detmold, das mitten auf dem Festgelände der Warburger Oktoberwoche platziert ist. Für Ashley ist alles noch ganz neu, schließlich wurde sie in diesem Jahr erst eingeschult. Fleißig malt das Mädchen die Zahlen und Buchstaben auf dem Übungsblatt nach, das ihr Dr. Ulrich Voigt gegeben hat.

Lernen im Schulmobil der Bezirksregierung Detmold (von links): Cinderella Gerste mit Tochter Ashley (6), Wayne (13), Dr. Ulrich Voigt, Ludwig (10), Vivien (14) und Lindsay (11). Foto: Michaela Weiße

Mutter Cinderella sieht in dieser Form des Lernens keine Nachteile, ist sie doch selbst schon so aufgewachsen. »Für mich ist das ganz normal, ich kenne es nicht anders«, sagt die Betreiberin des Autoscooters Hammecke.

Und würden die Kinder ihr Leben gern mit dem von »normalen Kindern« tauschen? »Nein, schließlich können wir immer so viel Karussell fahren wie wir wollen«, schmunzelt der 13-jährige Wayne. Und auch Vivien ist sich sicher, dass ihr ohne den Rummelplatz etwas fehlen würde. »Man erlebt sehr viel und sieht viele Städte«, berichtet die 14-Jährige von den Vorteilen.

Doch an manchen Tagen wünsche auch sie sich, Zuhause zu sein. Für die Zukunft hat sie schon einen Plan: Vivien strebt den Realschulabschluss an und möchte dem Schaustellerleben weiter treu bleiben. »Doch ich möchte zusätzlich eine Ausbildung machen. Wahrscheinlich im Bereich Marketing«, verrät sie. »Sicher ist sicher.«

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