Sa., 16.09.2017

Gericht sah 2005 »leichte Intelligenzminderung« bei Thomas T. Detmolder Doppelmord: Verdächtiger stand auf Horror-Filme

Vor dem Haus, in dem Hatidzhi B. (24) und ihr Sohn Achmed (6) erstochen wurden, steht diese Bild zwischen zwei Rosensträußen. Der Junge war nach den Sommerferien in die Detmolder Weerth-Grundschule eingeschult worden.

Vor dem Haus, in dem Hatidzhi B. (24) und ihr Sohn Achmed (6) erstochen wurden, steht diese Bild zwischen zwei Rosensträußen. Der Junge war nach den Sommerferien in die Detmolder Weerth-Grundschule eingeschult worden. Foto: Althoff

Von Christian Althoff

Detmold (WB). Das Foto ist gut eine Woche alt. Es zeigt eine sichtlich glückliche Mutter und ihren Sohn, der stolz seine Schultüte festhält und lächelt. Jetzt sind beide tot – niedergemetzelt von einem Nachbarn, davon sind jedenfalls Kripo und Staatsanwaltschaft überzeugt.

Detmold, Immelmannstraße. Vor dem Sechsfamilienhaus, in dem Mutter und Sohn niedergestochen wurden, stehen Rosen, Fotos und Plüschtiere – eine Gedenkstätte für Hatidzhi B. (24) und ihren Sohn Achmed (6), die hier vor ein paar Wochen eingezogen waren.

Thomas T. – eine Zeitbombe

Wie die übrigen Mieter ahnten sie nicht, dass in einer der beiden Dachgeschosswohnungen ein Mann lebte, der 2004 in Bad Salzuflen eine Nachbarin fast umgebracht und vergewaltigt hatte. Thomas T. war offensichtlich eine Zeitbombe – auch wenn Gutachter und Gericht ihn als ungefährlich einschätzten, als sie ihn 2010 vorzeitig aus dem Gefängnis entließen.

»Damals war das der nette Mann von nebenan. Es gab keinen Hinweis auf eine Gefährlichkeit«, sagt Oberstaatsanwalt Christopher Imig über den Verdächtigen, der nach drei Tagen auf der Flucht in Hamburg festgenommen wurde und der nun in der JVA in Detmold untergebracht ist.

Lernen fiel ihm schwer

T. wuchs mit sechs Geschwistern im Kalletal auf. Zu seiner Mutter, die 1996 starb, hatte er ein gutes Verhältnis, während er mit seinem Stiefvater nicht klarkam. Er kam deshalb als Schüler in eine betreuende Einrichtung nach Lemgo.

Das Lernen fiel dem Jungen schwer, schon in der Grundschule musste er Klassen wiederholen. Das setzte sich auf der Hauptschule fort, die T. nach der sechsten Klasse entließ. In einer Armaturenfirma lernte er das Drehen und blieb dort drei Jahre bis zum Konkurs.

Hobbys: Fußball, Schwimmen, Horrorfilme

1989 kam T. zur »Arbeitsgemeinschaft für Arbeit« in Detmold, die ihn einer Abteilung für psychisch Kranke zuwies und ihm einfache handwerkliche Arbeiten gab. T. zog damals nach Bad Salzuflen und bekam eine eigene Wohnung in einer Betreuungseinrichtung.

Seine Hobbys waren Fußballspielen und Schwimmen, außerdem hatte er eine große DVD-Sammlung von Action- und Horrorfilmen und ein Premiere-Abo. Das war wohl der Grund, warum er häufiger Besuch von einer Nachbarin (24) bekam, die im Dachgeschoss wohnte.

20 Messerstiche

Das Landgericht Detmold schrieb 2005 in sein Urteil, die beiden hätten sich am 22. August 2004 zwei Horrorfilme angesehen. Die Frau habe dann in ihre Wohnung zurückgehen wollen und das Angebot Ts., die Nacht mit ihm zu verbringen, abgelehnt. Da sei er über sie hergefallen, »um dennoch seine Befriedigung zu erlangen«.

Das Opfer wurde von mehr als 20 Messerstichen an Kopf, Hals, Oberkörper und Armen sowie zahlreichen Faustschlägen getroffen und verlor das Bewusstsein. T. vergewaltigte die Frau, von der er glaubte, sie sei tot. Er wischte die Blutlachen auf, packte die blutige Kleidung des Opfers in eine Tüte und duschte. Als er aus dem Bad kam, war die vermeintlich Tote weg – die lebensgefährlich verletzte Frau hatte das Bewusstsein wiedererlangt und sich zu einem Nachbarn geschleppt. Sie wurde im Klinikum Herford gerettet.

Verminderte Schuldfähigkeit

Wann Hatidzhi B. und ihr Sohn Achmed erstochen wurden, kann die Kripo noch nicht sagen. Sie nimmt aber an, dass die Tat am Wochenende geschah. Tatort könnte der Gemeinschaftskeller gewesen sein, aus dem T. die Toten in seine Wohnung geschafft haben könnte. Dafür spricht, dass die Spurensicherung nicht nur Blut im Keller feststellte, sondern auch nicht vollständig weggewischtes Blut im Treppenhaus dokumentierte.

2005 hatte das Landgericht Detmold T. verminderte Schuldfähigkeit zugestanden. Bei ihm liege eine Persönlichkeitsstörung als Folge einer leichten Intelligenzminderung vor. Sie habe dazu geführt, dass er auf die Zurückweisung durch die Frau nicht angemessen reagieren konnte »und ihm die Kontrolle der Situation aus der Hand glitt«.

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