Do., 09.11.2017

Gedenken an die Reichspogromnacht: Nachfahren des Lübbeckers Max Lazarus diskutieren mit Schülern »Ich habe keinen Hass im Herzen«

Zu Gast in Lübbecke: Haim Lazarus (69), Enkel des Lübbecker Lehrers Max Lazarus, hat gestern in der Stadtschule aus dem Leben seines Großvaters berichtet. Neben ihm sitzt Englisch-Lehrerin Cornelia Röhler, die ins Deutsche übersetzte.

Zu Gast in Lübbecke: Haim Lazarus (69), Enkel des Lübbecker Lehrers Max Lazarus, hat gestern in der Stadtschule aus dem Leben seines Großvaters berichtet. Neben ihm sitzt Englisch-Lehrerin Cornelia Röhler, die ins Deutsche übersetzte.

Lübbecke (WB/wk). Was fragt man die Nachfahren von Max Lazarus, dem letzten jüdischen Lehrer von Lübbecke? Enkel Haim Lazarus (69) und Urenkel Ariel Lazarus (40) haben am Jahrestag der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 die Stadtschule besucht. Die Israelis sprachen mit den Schülern über ihren Vorfahren und beantworteten Fragen.

Max Lazarus war 1939 aus Lübbecke geflüchtet. Der Lehrer und seine Familienangehörigen hatten zunächst frohe Jahre in der Stadt verbracht. Dann kam es während der NS-Zeit auch in Lübbecke zu Entrechtung, Verfolgung und Verschleppung. Max Lazarus emigrierte in ein karges Kibbuz nach Israel, wo er 1949 im Alter von 80 Jahren starb.

Die Gefühle der Nachfahren

Auf die Frage eines Schülers, welche Gefühle die Nachfahren bei ihrer ersten Rückkehr nach Lübbecke begleitet hätten, erklärte Enkel Haim Lazarus, dass er nach all den Jahrzehnten niemandem in Lübbecke einen Vorwurf machen könne. Zumal sein Großvater immer nur freundlich über die Stadt und ihre Menschen gesprochen hätte: »I have no hate in my heart.«

Sein Sohn Ariel Lazarus räumte in seiner Antwort ein, dass die erste Zugfahrt nach Deutschland mit der Erinnerung an die Deportation der Juden durch die Nationalsozialisten verbunden gewesen sei. Dieses Gefühl, das Englisch-Lehrerin Cornelia Röhler mit dem Begriff »mulmig« übersetzte, sei nach der überaus herzlichen Begrüßung aber schnell gewichen.

Musik und Dachau

Max Lazarus war nicht nur Lehrer, sondern auch Kantor von Lübbecke. Die Liebe zur Musik lebt in seinen Nachfahren weiter, wie die Schüler erfuhren. Ariel Lazarus unterrichtet Musik an zwei Hochschulen in Israel. Er spielte den Schülern einige seiner Kompositionen vor. Haim Lazarus begleitete das Gitarrenspiel seines Sohnes am Ende der Veranstaltung mit Gesang und berichtete, dass sein Vater Lothar Lazarus einst Klavier gespielt hätte. Nach seiner Rettung aus dem Konzentrationslager Dachau habe er das Instrument aber nie wieder angerührt. Statt dessen habe sich Lothar Lazarus als Anwalt um die Opfer des Nationalsozialismus gekümmert und vor diversen Gerichten auf Wiedergutmachung gedrängt. Diese Tätigkeit habe ihn bis nach Montevideo und Buenos Aires geführt.

Am Abend ging es in Lübbecke auf den traditionellen »Weg der Erinnerung« mit Kranzniederlegung am Platz der Synagoge. Nach Polizeiangaben begleiteten etwa 350 Lübbecker den Marsch durch die Stadt. Es gab drei Stationen, an denen Reden gehalten und musiziert wurde.

Mehr lesen Sie am Freitag im WESTFALEN-BLATT, Lokalausgabe Lübbecke.

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