Do., 09.11.2017

Kreisfischereiberater Uphoff äußert sich kritisch zum Zustand der Großen Aue »Diese Renaturierung ist eine Katastrophe«

Die Sorge steht Kreisfischereiberater Helmut Uphoff ins Gesicht geschrieben. Die Läufe der Neuen Großen Aue, wie hier zwischen Kleinendorf und Ströhen, bezeichnet er als »stehende Kloaken«. Viele besondere Fisch- und Pflanzenarten seien inzwischen ausgestorben.

Die Sorge steht Kreisfischereiberater Helmut Uphoff ins Gesicht geschrieben. Die Läufe der Neuen Großen Aue, wie hier zwischen Kleinendorf und Ströhen, bezeichnet er als »stehende Kloaken«. Viele besondere Fisch- und Pflanzenarten seien inzwischen ausgestorben. Foto: Mareile Mattlage

Von Mareile Mattlage

Rahden (WB). Scharfe Kritik an den Maßnahmen zur Renaturierung der Großen Aue hat Helmut Uphoff geäußert. Gegen ein Verbot der fischereilichen Nutzung, das mit der Ausweisung des Naturschutzgebietes »Gewässerlandschaft Große Aue« einhergeht, hat der Kreisfischereiberater schriftlich Widerspruch beim Kreis Minden-Lübbecke erhoben.

Von »falscher Planung«, »großem Unsinn« und »stehenden Kloaken« hat Helmut Uphoff gesprochen, als er gemeinsam mit dieser Zeitung den neu geschaffenen Flusslauf zwischen Kleinendorf und Ströhen besichtigte.

Zum Hintergrund: Im Jahr 1989 wurde ein in NRW bis dahin einmaliges Projekt ins Leben gerufen: Das Gewässerbett des Flusses Große Aue und seine bis zu 300 Meter breiten Seitenräume sollten wieder zu einer Auenlandschaft mit artenreicher Tier- und Pflanzenwelt umgestaltet werden. Durch die Vertiefung des Flusses in den 1950er Jahren war die Landschaft verarmt. Da, wo zuvor Hochwasser übergetreten war, verschwanden Auewälder, Hecken, Feuchtwiesen und die typischen Tiere und Pflanzen nun zusehends. Dies ist auf der Website der Biologischen Station Minden-Lübbecke nachzulesen (www.biostation-ml.de).

In Anlehnung an den historischen Verlauf des 18. Jahrhunderts wurden 16 Bauabschnitte von insgesamt 23 Kilometern Länge fertiggestellt. »360 Hektar Auenflächen, in deren Zentrum ein neu gestaltetes Parallelgewässer fließt, wurden in die Maßnahme einbezogen«, schreibt die Biologische Station weiter. Im Jahr 2002 galt das Projekt nach 13 Jahren in seinen wesentlichen Bestandteilen als abgeschlossen. Regelmäßige Untersuchungen der Biologischen Station würden zeigen, dass an der Großen Aue für typische Pflanzen und Tiere ein wertvoller Lebensraum entstanden sei. Die Feuchtbiotope und die naturnahen Still- und Fließgewässer seien heute ein Paradies für Tiere und Pflanzen, heißt es auf der Internetseite.

Uphoff kritisiert Ausführung der Renaturierung

Das Bild, das Helmut Uphoff zeichnet, sieht anders aus. Der Kreisfischereiberater war 40 Jahre lang Vorsitzender des Fischereivereins Rahden. Von Anfang an habe er Bedenken geäußert, sei jedoch nicht gehört worden. Seitdem sei es immer nur schlechter geworden. »Es heißt ständig, es habe sich alles so toll entwickelt«, so Uphoff im Gespräch mit dieser Zeitung. »Zugewachsen ist es toll, das stimmt. Aber der Flusslauf ist nicht mehr da«, sagte er.

Das Hauptproblem sieht der Kreisfischereiberater darin, dass die Große Aue für zwei Flussläufe zu wenig Wasser habe. Im Sommer würden manche Stellen schlichtweg austrocknen.

Eine »falsche Planung« und das geringe Gefälle würden dazu führen, dass es in der »Neuen Großen Aue«, also in den nach historischem Vorbild neu geschaffenen Seitenarmen, keine Fließgeschwindigkeit geben würde. Hinzu käme, dass alles so stark zugewachsen sei, was in Summe eine »Kloake« ergeben würde. Uphoff: »Zur Entwicklung eines Gewässers gehört eine gewisse Dynamik – und die fehlt total. Das Gewässer ist ganz schnell gealtert.«

Die Parallelgewässer würden immer mehr verlanden, an manchen Stellen sei die Schlammschicht bis zu 70 Zentimeter dick.

Untersuchung belegt Uphoffs Ansicht

Eine Untersuchung des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz von Anfang dieses Jahres würde belegen, dass alle der anfänglichen FFH-Arten zum Erliegen gekommen seien. Steinbeißer, Quappe und Bitterling und Pflanzen wie Froschbiß, Quirliges Tausendblatt und Wasserschlauch seien wegen der Verschlechterung der Gewässer laut Uphoff nicht mehr vorhanden. Auch Wasserflöhe und Hüpfer würde man in engmaschigen Keschern heute nicht mehr entdecken, verschiedene Großmuschelarten seien bereits in den 1990er Jahren schnell weggestorben, führt Uphoff aus. »Es sind heute nur noch robuste Allerweltsarten wie das Rotauge zu finden. Doch selbst von denen gibt es deutlich weniger, als es für ein Gewässer eigentlich normal ist.«

Uphoff verweist auf ein Gutachten, das das Ministerium für Umwelt und Naturschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz des Landes NRW im Juni 2004 in Auftrag gegeben hatte.

Das Ergebnis: »Die Große Aue hat zu wenig Wasser, um ein Fließgewässer zu bleiben, das den Restbeständen gewässertypischer Fischarten ein längerfristiges Überleben ermöglicht, und die Neue Große Aue nicht genug Wasser hat, um ein naturraumtypisches Fließgewässer mit den entsprechenden Fischlebensräumen zu werden.«

Kartierung »am Schreibtisch« gemacht

Laut Kartierung würden die Parallelgewässer jetzt als »Gewässer Nr. 1« gelten. Das heiße, dass hier ökologisch nichts mehr gemacht werden müsse. »Die Umkartierung ist am Schreibtisch gemacht worden ohne zu wissen, was für eine Katastrophe das geworden ist«, findet der Kreisfischereiberater.

Sein Vorschlag: »Man muss jetzt den Mut haben, zu sagen: ›Das war nichts‹ und sich umorientieren.« Die Kartierung sollte aus seiner Sicht zurückgenommen und der Fokus auf die Alte Große Aue gelegt werden. »Der Hauptpunkt ist, dass das Wasser grundsätzlich durch einen Fluss fließen muss«, meint er. Es sollten Altarme reingebaggert und das Ufer »richtig schön flach gemacht werden«.

Nach den Maßnahmen zur Renaturierung soll die »Gewässerlandschaft Große Aue« jetzt als Naturschutzgebiet ausgewiesen werden. Damit einher geht ein Fischereiverbot in den Renaturierungsbereichen. Dagegen hat der Kreisfischereiberater schriftlich Einspruch eingelegt.

Im Bauausschuss wird heute, Donnerstag, ab 17 Uhr, im Rahdener Rathaus über die Ausweisung des Naturschutzgebietes »Gewässerlandschaft Große Aue« und die damit verbundenen Regelungen für Landwirtschaft, Jagd und Fischerei gesprochen.

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