Mo., 11.09.2017

Applaus, Gelächter, zufriedene Gesichter: Wie die Kanzlerin im Zelt in Delbrück-Steinhorst zurechtkommt Ein Tag zum Wohlfühlen für Angela Merkel

Das Schlussbild der Volkspartei: Ralph Brinkhaus, Hermann Gröhe, Angela Merkel, Carsten Linnemann und Annegret Kramp-Karrenbauer mit Schwester Arnoldis, Schwester Birgit und Schwester Mechthildis von der Kongregation der Franziskanerinnen in Salzkotten.

Das Schlussbild der Volkspartei: Ralph Brinkhaus, Hermann Gröhe, Angela Merkel, Carsten Linnemann und Annegret Kramp-Karrenbauer mit Schwester Arnoldis, Schwester Birgit und Schwester Mechthildis von der Kongregation der Franziskanerinnen in Salzkotten. Foto: Oliver Schwabe

Von Thomas Hochstätter

Delbrück (WB). Formell ist es der Auftakt zum Wahlkampfendspurt der CDU für ganz Deutschland. Ganz persönlich ist es ein Wohlfühltermin für Angela Merkel.

Auch die Seele der mächtigsten Frau der Welt will mal gestreichelt werden.  Tomaten in Heidelberg, Trillerpfeifen in Finsterwalde, Randale in Wolgast –  da kommt man gern nach Delbrück-Steinhorst .

Hier warten die Fans zu Tausenden,  und die Störer sind an einer Hand abzuzählen . Ein paar Kritiker tragen draußen weit vor dem Zelt ihre Meinung zur Schau, Merkel müsse ins Gefängnis. Die Wirkung ist eng begrenzt. Die meisten Besucher bekommen davon gar nichts mit.

Erst Klönen dann Wahlkampf

Anders als bei Auftritten in der zurückliegenden Woche wird auf dem Schützenplatz nicht rumgebrüllt. Hier stellt man sich gesittet in die Warteschlange vorm Zelteingang. Erst Klönen in der Mittagssonne, dann geduldiges Warten auf den Holzklappstühlen an den Tischen.

Das Lauteste ist noch die krankheitsbedingt brüchige Stimme des CDU-Wahlkreiskandidaten Carsten Linnemann, der kurz nach 13 Uhr die Begrüßungsworte spricht. Linnemann heizt die Stimmung derart an, dass man sich fragt, was jetzt noch kommen kann.

Linnemann als Anheizer

Steinhorst stehe stellvertretend für den ländlichen Raum in ganz Deutschland, sagt der Bundesvorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung (MIT) der CDU/CSU. Jubel.

Er spricht über die vielen Vereinsmitgliedschaften und das ehrenamtliche Engagement der Menschen hier: »Die fragen nicht nach dem Staat, die packen selber an!«. Noch mehr Jubel. Nach der Überleitung zur Kanzlerin feiert das Zelt den Lokalmatadoren, der alles aus sich herausgeholt hat, was die Gesundheit hergibt. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe wird ihm später scherzhaft zur Zweitstimme raten. Nach Linnemann hat die Wahlkampfregie ruhigere Passagen vorgesehen. Kommt die Stimmung zurück, wenn die Kanzlerin spricht?

Merkel mal witzig

Kein Problem, die Menschen hängen an ihren Lippen. Und freuen sich, dass die im Fernsehen oft so spröde Regierungschefin hier auch mal witzig ist. Dass sie einmal vom »Münsterland« spricht – geschenkt. Dass sie mit der Moderatorin der Kundgebung nicht recht harmoniert – egal.

Merkel bringt den Wahlkampfbestseller von den drei Landtagswahlsiegen in Serie (Saarland, Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen) und dass jetzt der Bund und Niedersachsen folgen sollen. Dafür sind fast alle Hauptdarsteller nach Steinhorst gekommen. Der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Daniel Günther habe auch zugesagt, aber dann: »Dann kam raus, er läuft heute in Kiel ... Marathon, Halbmarathon, irgendwas jedenfalls, was ich nicht kann.«

Gelächter. Nach einer guten Minute Merkelrede ist klar: Der Auftritt in der »hochburgigsten Hochburg« (CDU-Bezirkschef Ralph Brinkhaus) ist das heimspieligste Heimspiel.

Zuhörer finden sich wieder

Merkel kokettiert mit den schon zwölf Jahren, die sie an der Macht ist. Bei einem Besuch 2005 hätte im Zelt noch niemand ein Smartphone gehabt, sagt sie. Heute dagegen hätten bestimmt viele Zuhörer beim Abendessen Probleme, ihre Kinder vom Handy zu trennen. Nicken in den Reihen. Die Zuhörer finden sich wieder.

Merkel gibt solchen Geschichten Raum. Weltpolitik wie die Nordkoreakrise dagegen hält sie heute knapp. »Wir halten nur eine diplomatische Lösung für vertretbar«, sagt sie. In der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung« hatte sie noch angedeutet, dass Deutschland wie im Atomstreit mit dem Iran selbst vermitteln könnte: »Wenn unsere Beteiligung an Gesprächen gewünscht wird, werde ich sofort ja sagen.«

Die Kanzlerin ganz routiniert

Die Flüchtlingspolitik referiert sie routiniert. Die Nachricht, die sie in Steinhorst produziert, betrifft die Türkei. Auf die »Reisewarnung« aus Ankara kontert sie mit einer Beschreibung der deutschen Reise- und Meinungsfreiheit. Viel Applaus. Noch mehr für ein Bekenntnis zu Europa, das »größte Friedenswerk, das es je auf dem Kontinent gegeben hat«.

Einmal streift Merkel die viele Kritik, die ihr andernorts entgegenschlägt. Sie möge den Menschenschlag in ländlichen Regionen, erzählt sie. So seien die Ostwestfalen den Menschen in ihrer Heimat, der Uckermark, nicht unähnlich: Diese seien »vergleichsweise schweigsam, im Vergleich zu den Sachsen zum Beispiel.« Gelächter.

»Die CDU hat keine einzige Stimme zu verschenken«, sagt Merkel gegen Ende bei ihrem Wahlaufruf. Glaubt man Ralph Brinkhaus, wird ihr da niemand einen Vorwurf machen können. Er stellt fest: »Hier geht heute keiner aus dem Zelt raus, der nicht begeistert ist.« Die Parteivorsitzende selbst sieht auch so aus. 

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