Fr., 27.10.2017

Trainer des TuS N-Lübbecke geht voller Selbstvertrauen in die Wochen der Wahrheit Ziercke: »17 Trainer würden nicht tauschen«

Aaron Ziercke lässt sich durch den 2:18 Punkte-Start nicht von seinem Weg abbringen.

Aaron Ziercke lässt sich durch den 2:18 Punkte-Start nicht von seinem Weg abbringen. Foto: WB

Lübbecke (WB). Seit Mittwoch stehen die Handballer von Bundesligist TuS N-Lübbecke nach kurzer Regeneration wieder in der Halle. Sportredakteur Volker Krusche sprach mit Trainer Aaron Ziercke über die aktuelle Situation beim Tabellenschlusslicht.

Herr Ziercke, ein knappes Drittel der Saison ist vorbei. Wie fällt Ihr bisheriges Fazit aus?

Aaron Ziercke: »Das abzugeben, ist gar nicht so einfach. Ich habe mir in den zurückliegenden Tagen noch mal alles angeschaut und für mich selbst versucht, eine Bewertung vorzunehmen. Da ist zum einen das Auftaktprogramm, das sicherlich 17 andere Trainer nicht mit mir hätten tauschen wollen. Wir hatten es bislang mit den aktuellen Nummern zwei bis sieben sowie neun der Tabelle zu tun. Allesamt Mannschaften, die uns an Erfahrung und personeller Besetzung einiges voraus haben. Zudem ist es für uns eine völlig neue Umgebung. Kaum einer hat bislang in der ersten Liga gespielt. Uns war von vornherein klar, dass jeder Punkt, den wir holen würden, ein Bonuspunkt sein würde. So wie der in Leipzig. Und der in Ludwigshafen ist auch viel wert. Wir haben nämlich bei einem Mitkonkurrenten im Kampf um den Klassenverbleib nicht verloren. Natürlich hätten wir gern den einen oder anderen Punkt mehr gehabt, zum Beispiel daheim gegen Wetzlar, wo mit einer anderen Leistung bestimmt auch mehr drin gewesen wäre.«

Im Training war auf einmal eine ganz andere Stimmung

Und ihre Hoffnung auf Besserung. Worauf basiert sie?

Ziercke: »Auf dem, was jetzt kommt. In den Wochen bis Weihnachten werden sich uns ausreichend Möglichkeiten bieten, unser Punktekonto deutlich aufzubessern. In den Spielen müssen wir dann aber auch da sein. Aber ich glaube fest daran, dass das so sein wird. Trotzdem darf man dabei nicht vergessen, dass wir jetzt nicht nur Heimspiele gegen die direkte Konkurrenz bestreiten. Wir müssen auch nach Erlangen, nach Stuttgart und nach Hüttenberg. Trotzdem sollen es unsere Monate werden! Daheim gegen Gummersbach, Lemgo und GWD wollen wir Punkte holen. Und in den Auswärtsspielen sind wir auch nicht chancenlos. Das Unentschieden in Leipzig war ein erster Knotenlöser. Der hat Auftrieb gegeben. Im Training war auf einmal eine ganz andere Stimmung.«

215 Tore sind die mit Abstand wenigsten in der Liga, keine 22 Tore im Schnitt pro Spiel dar. Eine Quote, mit der kaum etwas zu holen ist. Das macht nicht gerade Hoffnung.

Ziercke: »Die Ausbeute ist nicht von der Hand zu weisen. Aber sie hat auch damit zu tun, dass sich unser Rückraum erst einmal auf die neue Klasse umstellen musste. Das ging nicht von heute auf morgen. In der zweiten Liga waren wir der Konkurrenz physisch überlegen, konnten uns im Eins-gegen-Eins durchsetzen oder den Durchbruch schaffen. Das ist jetzt anders. Die Konkurrenz ist körperlich mindestens genauso stark und die Abwehrreigen sind deutlich besser. Jetzt müssen wir für unsere Tore viel härter arbeiten, viel mehr investieren. Das heißt aber auch, dass wir im Abschluss sicherer sein müssen. Da ist unsere Quote bei den Hundertprozentigen einfach nicht gut genug. Gegen Melsungen kassieren wir nur 22 Gegentreffer, werfen selbst aber nur 19 Tore, weil wir allein in der ersten Halbzeit zweimal von Rechtsaußen, zweimal von Linksaußen, einmal vom Kreis, einmal beim Durchbruch und einmal beim Konter freistehend verwerfen. Wir spielen uns viele Chancen gut heraus, lassen sie dann aber leichtfertig liegen. Wir haben uns in vielen Dingen verbessert, aber wir müssen uns noch weiter verbessern. Fakt ist aber auch: Hast du mehr Punkte auf dem Konto, spielst du mit mehr Lockerheit.«

Die Spieler waren sehr enttäuscht

Das Warten auf den ersten Sieg ist deutlich zu spüren. Wie groß war die Enttäuschung, dass es damit in Ludwigshafen nicht geklappt hat?

Ziercke: »Die war sehr groß, wobei man nicht vergessen darf, dass es nach dem Spielverlauf zunächst einmal ein Punktgewinn war. Aber richtig freuen konnten sich die Spieler nicht. Bei ihnen überwog die Enttäuschung darüber, es nicht geschafft zu haben. Aber noch mal, wir haben bei einem Konkurrenten, der wie wir die Punkte in erster Linie daheim machen muss, nicht verloren.«

Vor Wochen war zu spüren, dass die Fans unruhiger wurden. Hat Sie das belastet?

Ziercke: »Die Fans haben das Recht, Unmut zu äußern, ungeduldig zu werden oder aber zu zweifeln. Ich muss das natürlich sehr viel emotionsloser und trockener sehen. Dass bei zwischenzeitlich 0:16 Punkten alles in Frage gestellt wird, ob Trainer, Spieler, Anwurfzeit, ist doch normal. Da ist es egal, wie die vorherigen Gegner hießen oder ob wir gegen nicht einen einzigen Gegner aus unserer Tabellenregion in eigener Hallegespielt haben. Aber letztlich müssen wir an dem gemessen werden, was wir in einer Saison oder zumindest Halbserie auf die Platte bringen. Und da steht uns jetzt das Programm bevor, das die meisten vor uns liegenden Konkurrenten in großen Teilen schon hinter sich haben und daher nach Punkten auch vor uns liegen. Fakt ist, dass wir gegen die Füchse und danach in Erlangen nicht als Favorit auflaufen werden. Aber spätestens im Heimspiel gegen Gummersbach steht uns ein absolutes Muss-Spiel bevor. Da gibt es keine Ausreden. Das muss gewonnen werden! Bis Weihnachten müssen acht Punkte auf unserem Konto sein. Am besten, wir holen noch weitere in der Fremde.«

Ihre Spieler hatten ein paar Tage frei, seit Mittwoch geht’s wieder in die Vollen. Was bestimmt die Trainingseinheiten, bevor es am 5. November, daheim gegen Spitzenreiter Füchse Berlin weitergeht?

Ziercke: »Die Spieler hatten zwar frei, hatten aber Hausaufgaben mitbekommen, die sie alle zu meiner Zufriedenheit erledigt haben. Ich denke, dass wir inzwischen über eine starke Defensive mit gutem Zusammenspiel von Abwehr und Torwart verfügen. Auch das Timing im aufgebauten Angriff hat sich deutlich verbessert. Wo wir allerdings noch Nachholbedarf haben, ist das Umschaltspiel aus der Deckung heraus. Die Schnelle Mitte und die zweite Phase sind unbestritten Baustellen, an denen wir kurzfristig zu arbeiten haben. Bei uns verpuffen noch zu viele Angriffe, weil wir nicht wie gewünscht ins Tempospiel kommen. Vorn müssen wir die Zahl an technischen Fehlern weiter minimieren. Dabei steht jeder Spieler für sich selbst in der Verantwortung.«

Kaleb steht zwischen zwei Positionen

Wie haben Sie die kurze Pause genutzt?

Ziercke: »Ich bin mal drei Tage weggefahren, wollte einfach den Kopf frei kriegen. Zudem konnte ich mich im Centerpark Bispingen meiner Frau und den Kids widmen. Das hat gut getan.«

Werden Sie gegen die Füchse wieder auf Kenji Hövels zurückgreifen können?

Ziercke: »Ich will nicht zu weit nach vorne schauen. Kenji war noch mal zum Kontrollröntgen. Alles ist gut verheilt. Aber er muss erst mal die Belastung steigern. Immerhin hat er neun Wochen nichts mit dem Arm machen können. Ob es für die Füchse reicht oder nicht, kann ich nicht sagen.«

Seit dem Leipzig-Spiel setzen Sie in erster Linie neben Pontus Zetterman auf Lukasz Gierak und Marko Bagaric. Ante Kaleb bekommt nur noch wenige Spielanteile. Woran liegt es?

Ziercke: »Ante steht irgendwie zwischen den zwei Positionen. Als Mittelmann spielt er weniger für seine Nebenleute, als dass er selbst in die Aktion geht. Und als Halblinker fehlt ihm einfach die Durchschlagskraft. Gut möglich, dass er seine spielerische Stärke mit einem zurückgekehrten Kenji Hövels besser ausspielen kann.«

Es ist Ihre erste Saison als verantwortlicher Trainer in der 1. Bundesliga. Wie ist das zum Vergleich mit dem Vorjahr?

Ziercke: »Vorab: Es ist natürlich der Traum eines jeden Trainers, mal ganz oben arbeiten zu dürfen. Aber einen großen Unterschied sehe ich da nicht. Wie auch. Wir sind 2016 angetreten, ein neues Team zu formen, uns aber auch die Zeit dafür zu geben. Das hat mit dem Aufstieg sehr schnell funktioniert. Jetzt machen wir den nächsten Schritt, auch wenn er völlig normal mit Steinen gepflastert ist. Mir macht es jedenfalls unheimlich viel Spaß, hier arbeiten zu dürfen.«

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