Mi., 24.12.2014

Sprechstunde beim Schlaganfallexperten Dr. Ronald Sträter »Das kindliche Gehirn ist eine Wunderkiste«

Merle Härtig beruhigt ihren schwerbehinderten, blinden Sohn Janne, während Dr. Ronald Sträter das Gehirn des Jungen mit einem Ultraschallgerät untersucht. Janne hatte noch im Mutterleib einen Schlaganfall erlitten.

Merle Härtig beruhigt ihren schwerbehinderten, blinden Sohn Janne, während Dr. Ronald Sträter das Gehirn des Jungen mit einem Ultraschallgerät untersucht. Janne hatte noch im Mutterleib einen Schlaganfall erlitten. Foto: Oliver Schwabe

Von Christian Althoff

Münster (WB). Uniklinik Münster, 15. Etage. Die Untersuchungszimmer heißen »Harry Potter« und »Fred Feuerstein«. Das soll den kleinen Patienten die Angst nehmen – sofern sie überhaupt wissen, wo sie sind. Denn hier werden Kinder untersucht, die Schlaganfälle erlitten haben.

Sprechstunde bei Privatdozent Dr. Ronald Sträter. Er singt ein Kinderlied, um Janne zu beruhigen. Der Sechsjährige liegt weinend und krampfend auf der Untersuchungsliege. Seine Mutter streicht mit ihren Händen über Jannes Brust, während der Kinderarzt die Ultraschallsonde vor dem Ohr ansetzt, um einen Blick in Jannes Kopf zu werfen. Der Junge ist geistig und körperlich behindert. »Und blind«, sagt die Mutter. Vermutlich durch eine Fettstoffwechselstörung hatten sich in der 20. Schwangerschaftswoche Blutgerinnsel gebildet, die Adern blockierten und das Gehirn von der Sauerstoffzufuhr abschnitten.

Medizinischer Fortschritt

Dass Kinder Hirninfarkte bekommen können, wissen Ärzte seit mehr als 100 Jahren. Der Arzt und spätere Psychoanalytiker Siegmund Freud hatte das bei der Obduktion von Kindern beschrieben. »Trotzdem spielten kindliche Schlaganfälle in meinem Medizinstudium noch keine Rolle«, sagt Dr. Sträter. Ultraschall und MRT seien in den 80er Jahren noch nicht so weit gewesen, dass sie Schäden im Kopf zeigen konnten.

Das ist heute anders. Das Gerät, mit dem Dr. Sträter Janne untersucht, lässt selbst Adern mit einem Durchmesser von einem Millimeter erkennen. Der Arzt kann die Blutgeschwindigkeit vor und hinter Engstellen ablesen. Jannes Mutter erfährt, dass sich der Zustand des Jungen im letzten Jahr nicht verschlechtert hat. Sie lächelt. »Eine gute Nachricht!«

300 Kinderschlaganfälle pro Jahr

Die Fachwelt schätzt die Zahl der Kinderschlaganfälle in Deutschland auf 300 pro Jahr. »Aber es sind möglicherweise mehr, denn allein in unsere Sprechstunde kommen jährlich 50 neue Patienten«, sagt Dr. Sträter. Manche litten darunter, eine Hand nicht richtig bewegen zu können. Andere säßen im Rollstuhl.

Dass sich Dr. Sträter ausgiebig um seine kleinen Patienten und ihre Eltern kümmern kann, wird erst dank der Gütersloher Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe möglich. »Die Krankenkassen zahlen der Uniklinik pro Quartal und Kind nur einen kleinen Betrag. Der reicht nicht, wenn man sich Zeit und Ruhe nehmen möchte. Damit ich das trotzdem tun kann, unterstützt uns die Schlaganfall-Hilfe mit Spenden.«

Die Ursachen sind vielfältig. »Bei vorgeburtlichen Schlaganfällen kann eine Herzkrankheit die Ursache sein, oder eine zu hohe Gerinnungsneigung des Blutes.« Im Kindesalter kämen andere Risiken dazu: »Wo die Schlagadern durch die Schädelbasis in den Kopf führen, können die Adern verletzt werden – zum Beispiel beim Sturz vom Fahrrad. Die Verletzung muss nicht schlimm sein, aber der Körper will den Schaden an der Gefäßwand reparieren und lässt hier das Blut gerinnen. So können sich Pfropfen bilden, die Adern verschließen.«

»Guten Tag, Doktor Sträter!«

Amelie ist die nächste Patientin. Sie war sechs, als sie der Schlag traf, auch bei ihr fand sich so eine Gefäßverletzung. »Guten Tag, Doktor Sträter!« sagt die Achtjährige, und der Arzt freut sich. Denn nach dem Schlaganfall war nicht nur Amelies rechte Seite gelähmt, sie konnte auch nicht mehr sprechen. »Sie ist bei uns zu Hause einfach umgekippt«, erzählt ihr Vater Hartmut Pohl. Zum Glück sei der Schlaganfall sofort in der Uniklinik Göttingen diagnostiziert worden. Ärzte nahmen dem Mädchen die Schädeldecke ab, weil das Gehirn stark schwoll. »In einer Klinik ohne Neurochirurgie wäre Amelie wohl gestorben«, sagt Dr. Sträter. Seine Untersuchung zeigt, dass Amelies Zustand nicht besser geworden ist. Eine Ader ist so dünn, dass das Blut hier viel zu schnell fließt. An der Engstelle könnte sich ein Gerinnsel bilden. Deshalb muss Amelie blutverdünnende Medikamente nehmen. »Ein wesentlicher Zweck unserer Untersuchungen ist es, neue Schlaganfälle zu verhindern«, erklärt Dr. Sträter.

Elvisa Pohl stützt ihre Tochter Amelie, während Dr. Ronald Sträter der achtjährigen Schlaganfallpatientin Blut abnimmt. Foto: Oliver Schwabe

Während bei Erwachsenen nach einem Schlaganfall oft das Gesicht seine Symmetrie verliert, sind die äußeren Anzeichen bei Kindern oft nicht so klar. »Hat ein Säugling Lähmungen, verordnen Ärzte eher Krankengymnastik, als dass sie einen Schlaganfall vermuten«, sagt Dr. Sträter. Das liege wohl auch an der Seltenheit der Erkrankung. Oft offenbare erst die weitere Entwicklung, dass im Kopf etwas passiert sei.

Eltern sollten nach vorne schauen

In seiner Sprechstunde ist Dr. Sträter nicht nur für Kinder da. »Oft muss ich jungen Müttern Schuldgefühle nehmen. Viele glauben, sie seien schuld, weil sie als Schwangere nicht sofort zum Arzt gegangen sind, als sich das Baby einmal nicht richtig bewegt hat. Oder sie glauben, der Schlaganfall habe etwas mit der Peridualanästhesie während der Geburt zu tun. Solche Sorgen sind aber unbegründet.« Er rate Eltern, nach vorne zu schauen und sich um ihr Kind zu kümmern. »Das kindliche Gehirn ist eine Wunderkiste. Es ist ja noch auf Lernen programmiert. Deshalb kann man noch viel erreichen.« Wenn beispielsweise die Hirnregion abgestorben sei, die eine Hand steuere, könnten die Eltern die gelähmte Hand regelmäßig bewegen. »Die schickt dann Stromimpulse Richtung Gehirn, und mit viel Glück verbindet das irgendwann die Hand mit einem neuen Areal.«

Natürlich müsse man Realist sein und dürfe keine Wunder erwarten, aber manchmal gebe es eben doch Fälle, die kein Arzt erklären könne, sagt Dr. Sträter. »Ich hatte hier einen Säugling, der nach mehreren Schlaganfällen wie leblos in seinem Maxicosi lag. Er schien keine Chance zu haben, sich normal zu entwickeln. Zwei Jahre später kam er wieder in meine Sprechstunde. Er war altersgemäß entwickelt, lief auf mich zu und gab mir die Hand. Das war sehr berührend.«

Video der Stiftung »Deutsche Schlaganfall-Hillfe«

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