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Sa., 16.12.2017

Mädchen überlebte Unfall schwerverletzt und ist auf Hilfe angewiesen Als Säugling fiel Johanna ihrer Mutter aus den Armen

Markus (50) und Britta Klein (42) mit ihren Kindern Jonas (15) und Johanna Maria (12).

Markus (50) und Britta Klein (42) mit ihren Kindern Jonas (15) und Johanna Maria (12). Foto: Oliver Schwabe

Von Christian Althoff

Lindlar (WB). Johanna war zehn Wochen alt, als ihre Mutter mit ihr auf dem Arm auf der Treppe stolperte. Das Baby flog mit dem Kopf voran gegen eine Mauerkante und rührte sich nicht mehr.

Zwölf Jahre später sitzen Britta (42) und Markus Klein (50) mit ihren Kindern Johanna Maria (12) und Jonas (15) am Esstisch und spielen »Mensch ärgere dich nicht«. Johanna würfelt eine Sechs und kreischt vor Freude, und der Vater rückt ihre Spielfigur weiter. »Wir sind eine glückliche Familie - auch wenn wir wirklich schlimme Zeiten durchgemacht haben«, sagt Britta Klein.

Nach dem Unfall am 4. Oktober 2005 hängt Johannas Leben an dem berühmten seidenen Faden. Während sie mit einem Rettungshubschrauber in die Uniklinik nach Köln geflogen wird, fahren die Eltern mit dem Auto hinterher und halten unterwegs an einer Kirche. »Wir haben für Johanna eine Kerze angezündet«, erzählt die Mutter.

Schweres Schädel-Hirn-Trauma

Als sie in der Uniklinik erfahren, dass ihre Tochter ein extrem schweres Schädel-Hirn-Trauma hat, lassen sie Johanna nottaufen. Wegen des enormen Hirndrucks müsste das Baby eigentlich sofort operiert werden, aber das würde es jetzt nach Einschätzung der Ärzte nicht überleben. Für zwei Wochen wird Johanna in ein künstliches Koma versetzt, bis die Neurochirurgen sie für stabil genug halten und die OP wagen. Britta Klein: »Die Ärzte mussten den Großteil der linken Gehirnhälfte entfernen, weil der bereits abgestorben war.«

Irgendwann in den folgenden Wochen hören die Kleins von einem Arzt den Satz, Johanna werde möglicherweise den Rest ihres Lebens auf dem Rücken liegen und die Decke anstarren. Doch statt zu resignieren versuchen die Eltern alles, um Johanna zu fördern. Immer wieder verbringen sie auf eigene Kosten Monate in Belgien, wo eine spezielle Klangtherapie das Gehirn stimulieren und motorische Fähigkeiten entwickeln soll. Johanna lernt mit ganz viel Training zu trinken und später auch alleine zu kauen und zu schlucken. Trotzdem bleibt das Mädchen ein Schwerstpflegefall. Vater Markus, ein Bauingenieur, nimmt irgendwann eine schlechter bezahlte Stelle bei der Gemeinde Lindlar an, um früher zu Hause zu sein und seiner Frau bei der Pflege zu helfen.

»Du must doch Schuldgefühle haben!«

»Du must doch Schuldgefühle haben!« – diesen Satz hört Britta Klein hin und wieder. »Die habe ich aber nicht«, sagt sie. »Ich glaube, dass es vorbestimmt war, dass wir dieses Leben führen. Es ist ein ausgefülltes Leben.« Auch ihr Mann habe ihr nicht ein einziges Mal einen Vorwurf gemacht. »Das finde ich schon besonders. Wir haben erlebt, dass viele Ehen mit so schwer behinderten Kindern in die Brüche gehen. Uns hat unsere Situation noch mehr zusammengeschweißt«, sagt Britta Klein.

Wenn Johanna nachmittags aus der Förderschule kommt, hört sie sich gerne die Schlagerparade an, oder sie blättert in Illustrierten. »Das ist im Moment ihre große Leidenschaft. Wir leben hier in einem 80-Einwohner-Dorf, in dem alle Menschen Johanna kennen. Sie bringen ihr immer wieder alte Illustrierte vorbei.« Auch wenn die Zwölfjährige nicht lesen kann, hat sie doch Vorlieben: »Auto- und Bootmagazine sind nicht ihr Ding. Am liebsten blättert Johanna Frauenzeitschriften durch.« Das tut sie mit links, denn sie ist rechtsseitig gelähmt. Die Zwölfjährige ist auf ihren Rollstuhl angewiesen, mit dem sie aber alleine durchs Haus fährt. »Wir möchten, dass sie so viel wie möglich selber tut«, sagt ihr Vater. Deshalb hat er Johanna auch einen Teller mit einem extrem hohen Rand töpfern lassen, der dem Mädchen das selbständige Essen halbwegs ermöglicht.

Johanna hört und versteht

Zwar kann Johanna nicht sprechen, aber sie hört und versteht, als habe sie nie einen Unfall gehabt. Wenn ihre Mutter sie bittet, die Bremsen am Rollstuhl anzuziehen – zack, schon sind die Räder blockiert. Und wenn die Eltern oder der Bruder etwas fragen, versucht Johanna mit Gesten zu antworten. »Viele Menschen, die sie zum ersten Mal sehen, unterschätzen sie. Es ist ja auch ein kleines Wunder, dass sie trotz ihres Hirnschadens diese Fähigkeiten hat«, sagt die Mutter.

Im April brachte Britta Klein die Geschichte ihrer Tochter in einem fünfseitigen Brief zu Papier. »Da kam natürlich alles wieder hoch. Ich habe zwei Tage geweint.« Den Brief schickte sie an mehrere Stiftungen und bat um Hilfe. »Das ist uns richtig schwer gefallen. Aber Johanna wiegt jetzt 40 Kilogramm und ich kann sie nicht mehr alleine tragen.« Deshalb brauchten die Kleins einen Treppenlift fürs Haus und eine Hub-rampe, um ihre Tochter samt Rollstuhl ins Auto schieben zu können. Beide Vorhaben sind jetzt möglich – auch Dank der Andreas-Gärtner-Stiftung aus Porta Westfalica. Unternehmer Hermann Gärtner: »Als ich von Johannas Schicksal erfuhr, stand sofort fest, dass wir helfen würden. Ich bin froh, dass wir den Alltag der Familie ein bisschen leichter machen konnten.«

Weihnachtsspendenaktion

Schon 2012 kam der Erlös der WESTFALEN-BLATT-Weihnachtsspendenaktion der Andreas-Gärtner-Stiftung zugute . Und auch in diesem Jahr bitten wir Sie um Ihre Unterstützung für diesen guten Zweck. Hermann Gärtner garantiert dafür, dass jeder Euro ohne jeden Abzug bei den Betroffenen ankommt.

Hermann Gärtner, dessen inzwischen verstorbener Sohn Andreas geistig behindert war, hatte 1993 die Andreas-Gärtner-Stiftung gegründet, die geistig Behinderte unterstützt.

Lesen Sie hier das Interview mit Hermann Gärtner und seiner Tochter Birgit Gärtner.

Spendenkonto

Um zu spenden, nutzen Sie bitte folgendes Konto:

Andreas-Gärtner-Stiftung

DE 72 4905 0101 0040 1379 45

Zweck: Weihnachtsspende

Für eine Spendenquittung vermerken Sie bitte Ihre Adresse auf dem Überweisungsträger. Die Namen der Spender werden veröffentlicht, die Höhe der Einzelspenden nicht. Soll Ihr Name nicht erscheinen, melden Sie sich bitte unter Tel. 0521/585254 oder spende@westfalen-blatt.de .

 

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